Punkte für den Rollentausch

25. Jänner 2008, 11:17
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Lesbische und schwule Tanzkultur erblüht in Europa und fordert mit internationalen Turnieren Anerkennung für sportliche Leistungen, der Frauen- Tanzclub Resis.danse mischt seit den 80ern mit

Ende September war es wieder soweit: 60 Tanzpaare aus acht Nationen strömten ins Haus "Muskath" am Liesinger Platz, um sich beim Vienna Dance Contest zu messen. Österreichs einziges internationales Turnier für gleichgeschlechtliche Tanzpaare zog auch diesmal hunderte Zuschauer an. Die Qualität der Darbietungen verbessert sich von Jahr zu Jahr. Kein Wunder, denn es gibt in Europa eine blühende lesbische und schwule Tanzkultur, auch in Österreich. Karin Erhart, vom Frauen-Tanzclub Resis.danse, war von Anfang an dabei.

"Wir haben bei den Standard-Tänzen den zweiten Platz in der A-Klasse belegt. 27 Frauenpaare aus acht Nationen sind angetreten", erzählt Erhart nicht ohne Stolz. Tanzkurse, -feste und Bälle für Lesben und Schwule kamen in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in Holland und Deutschland groß in Mode. Zur gleichen Zeit entwickelte sich auch die lesbische Tanzkultur von Wien. Resis.danse wurde Mitte der 80er Jahre gegründet, auf "einem italienischen Campingplatz mit einem improvisierten Tango."

Mit den Tanzschritten wuchs auch der Ehrgeiz, meint Erhart: "Die Turniere entstanden einfach dadurch, dass es viele nationale Vereine gab, die Spaß daran hatten und sich auch messen wollten." In Österreich gibt es neben Resis.danse einige Organisationen und Vereine für schwulen und lesbischen Tanz, wie Sista Dance, Rosa's Tanzbar oder den Rainbow Dancers. "Außer uns bieten in der Art und Weise die anderen eigentlich keine Workshops an", meint Erhart.

"Im Moment hat Resis.danse sechs Unterrichtende, die dreimal pro Woche Tanzworkshop abhalten. Wir sind Ehrenamtliche, die Freude am Tanzen haben und das auch gerne vermitteln", so Erhart. Das Angebot reicht von Standard und Latein für Anfänger bis Profis, über Spezialangebote wie Steppen oder Salsa, bis zu individuellen Gruppen. "Im Verteiler stehen 450 Adressen, das heißt, so viele haben irgendwann einmal einen oder mehrere Workshops belegt. Auf Anfrage bieten wir auch Workshops in den Bundesländern an", informiert Erhart.

Rollentausch

Die Besonderheit an gleichgeschlechtlichen Turnieren ist die Disziplin des "Equality Dance". "Das hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Anfang der 90er gab es das so noch nicht wirklich. Eine Vorreiterrolle nahmen sicher die Deutschen und Holländer ein. Mit der Zeit wurden die Tanzturniere immer größer und ganz ohne Regeln funktioniert ein sportlicher Wettkampf auch nicht", erzählt Erhart von der Entstehung des "Equality Dance".

Das klassische Rollenverständnis von heterosexuellen Tanzpaaren wird dabei aufgebrochen oder ganz aufgelöst. Besonders geschätzt und viele Punkte bei Turnieren bringt es, wenn die Rollenverteilung des Führens und Folgens im Tanzfluss wechselt. Im Fachjargon wird das "Role-Change", also Rollentausch, genannt. Aber auch traditionelle Tanzelemente werden neu arrangiert und so neue Figuren geschaffen. Rollen und Verhalten wird anders als bei heterosexuellen Tanzpaaren nicht automatisch zugeschrieben, sondern ergibt sich im Tanzfluss. Dabei können während des Tanzes unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit ausgedrückt werden.

Eurogames 2007

Auch heuer traten wieder Tanzpaare von Resis.danse bei den jährlich statt findenden Eurogames an, in dessen Rahmen sich lesbische, schwule und heterosexuelle Sportler aus Europa messen und das als Anlehnung an die Olympischen Spiele entstand. Ziel ist die Bekämpfung von Diskriminierungen aufgrund von Sexualität, Förderung der Gleichstellung von Schwulen und Lesben im Sport und Unterstützung beim Coming-out.

TänzerInnen ohne Grenzen

Resis.danse bietet in den individuellen Gruppen auch Tanzworkshops für Gehörlose und Rollstuhlfahrer an. "Wir haben eine Mitarbeiterin, die Gebärdensprache kann. Unsere Workshops finden in unterschiedlichen Räumlichkeiten statt und im Cafe Standard haben sie eine sogenannte Gehörlosenschleife. Die ermöglicht Hörbehinderten etwas wahrzunehmen", berichtet Erhart. (Julia Schilly/derStandard.at, 22.10.2007)

  • Beim siebten Vienna Dance Contest am 22. September haben Karin Erhart und Andrea Tano den zweiten Platz in der A-Klasse belegt.
    foto: resis.danse

    Beim siebten Vienna Dance Contest am 22. September haben Karin Erhart und Andrea Tano den zweiten Platz in der A-Klasse belegt.

  • Artikelbild
    foto: resis.danse
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