Zinsen und das Horten von Geld

9. Oktober 2007, 09:41
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Der Zins ist nur dann ein Problem, wenn die Geldbesitzer Zinseinnahmen nicht in den Wirtschaftskreislauf zurückführen - Mathias Binswanger

Eigentlich hatten die Initianten des Freigeldes in Wörgl ja großes Glück, dass die Österreichische Zentralbank diesem Experiment ein so schnelles Ende bereitete. Auf diese Weise ist Wörgl als erfolgreiches Beispiel für die segensreiche Wirkung des Freigeldes in die Geschichte eingegangen. Hätte es nämlich länger existiert, dann wären auch hier bald einmal die typischen Probleme solcher nur lokal gültigen Währungen aufgetreten, worauf auch Reinhard Pirker in seinem Beitrag zu Recht hinweist. Die am meisten verehrten Revolutionäre sind meist auch diejenigen, die früh ermordet wurden, bevor sich die unangenehmen wirtschaftlichen Konsequenzen mancher Revolution bemerkbar machten.

In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die Frage eingehen, ob die Zinsen im heutigen Geldsystem einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben. Die wesentlich auf Silvio Gesell zurückgehende Kritik am Zins lässt sich vereinfacht ausgedrückt so beschreiben: In der Wirtschaft gibt es auf der einen Seite Banken und reiche Geldvermögensbesitzer, die ihr Geld zinstragend bei den Banken anlegen. Auf der andern Seite stehen die potenziellen Geldausleiher, die gerne produzieren oder konsumieren würden aber keine Kredite erhalten. Dies deshalb, weil die Geldbesitzer ihr Geld horten und dafür Zins kassieren statt es den potenziellen Investoren und Konsumenten zu geben. Also muss statt einem positiven Zins ein negativer Zins von den angelegten Geldern abgezogen werden (eine sogenannte Liquiditätsgebühr), damit die Geldbesitzer ihr Geld möglichst schnell wieder ausgeben, statt es zu horten. Freigeldsysteme sind letztlich dazu da, die Wirtschaft anzukurbeln und es erscheint aus diesem Blickwinkel etwas paradox, dass auf der einen Seite immer wieder der Wachstumszwang der heutigen Geldwirtschaft kritisiert wird, aber das Freigeld auf der andern Seite dazu dienen soll, den Geldumlauf und damit die Wirtschaft zu beschleunigen.

Die entscheidende Frage ist nun, was "horten" genau bedeutet oder anders gefragt: wo bleibt das Geld, wenn es nicht produktiv investiert oder verkonsumiert wird? Bei den Menschen zuhause ist es jedenfalls nicht, denn kaum jemand bewahrt sein Geld heute unter der Matratze auf. Im Wesentlichen kann "gehortetes Geld" nur die Gelder beschreiben, die zu spekulativen Zwecken kurzfristig in Finanzkapital (vor allem Aktien und Optionen auf Aktien) investiert werden und auf diese Weise dem realen Wirtschaftskreislauf entzogen werden. Der Anteil dieser Gelder hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen und aus diesem Grund kann es für kleinere, nicht so gewinnorientierte Unternehmen tatsächlich schwierig sein, Kredite von einer Bank zu erhalten. Die Investitionsprojekte dieser Unternehmen müssen jetzt nämlich mit den spekulativen Investitionsmöglichkeiten konkurrenzieren, welche auf Finanzmärkten hohe Renditen versprechen. Doch ist daran tatsächlich der Zins schuld?

Mit ihrer Fixierung auf den Zins greift die auf Sivlio Gesell zurückgehende Freiwirtschaftslehre, die im wesentlichen von den meisten Geldkritikern explizit oder implizit übernommen wurde, zu kurz. Der Zins an sich ist nicht das Problem. Im Zentrum muss vielmehr die Frage stehen, wofür die Geldbesitzer ihr Geldeinkommen, d.h. nicht nur Zinsen sondern auch Dividenden und vor allem Kapitalgewinne verwenden. Der Zins ist nur dann ein Problem, wenn die Geldbesitzer ihre Zinseinnahmen nicht in den Wirtschaftskreislauf zurückführen, d.h. ihre Einnahmen im oben beschriebenen Sinne horten. In der ganzen Freiwirtschaftslehre wird aber stillschweigend vorausgesetzt, dass Zinsen immer gehortet werden und es damit auch zu einer Vermögenskonzentration bei den Geldvermögensbesitzern kommt, weil der Rest der Bevölkerung diese Zinsen nie mehr wieder sieht. Das muss aber keineswegs der Fall sein. Wenn die Zinsen in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen, erhöhen sie letztlich auch die Einkommen bei den Investoren. Zinszahlungen führen dann sowohl zu Ausgaben als auch zu Einnahmen.

Außerdem sind die Zinsen heute längst nicht mehr die wichtigste Einnahmequelle von Geldbesitzern und Banken. Viel wichtiger sind Kapitalgewinne durch den Kauf und Verkauf von Aktien und Optionen an der Börse. Und die Banken verdienen den größten Teil ihres Geldes heute mit Kommissionen für den Handel von Wertpapieren und die Verwaltung von Vermögen. Im weiteren muss man sich etwas genauer ansehen, was der Begriff Zins tatsächlich umfasst. Schließlich gibt es in einer Wirtschaft eine ganze Menge unterschiedlicher Zinsen, die sich aus dem risikofreien Zins (der Zins für kurzfristige Staatsobligationen) und unterschiedlichen Risikoprämien zusammensetzen. Betrachten wir nun ein typisches Investitionsprojekt in einer Firma, dann macht die Risikoprämie den allergrößten Teil des verlangten Zinses aus und der Anteil des risikolosen Zinssatzes liegt meist weit unter 50 Prozent. Diese Risikoprämien sind aber notwendig wenn man weiterhin neue Produkte und Produktionsverfahren entwickeln will, denn sonst wird sich kein privater Investor auf ein solches Risiko einlassen. Schließlich müssen die Investoren dafür entschädigt werden, dass ein Teil der Projekte scheitert und sie für diese Investitionen nie einen roten Rappen sehen werden.

Zusammenfassend lässt sich somit sagen: Die sich an Gesell orientierenden Kritiker der modernen Geldwirtschaft haben richtig erkannt dass die Dynamik der heutigen Wirtschaft und einige ihrer Probleme wesentlich mit dem Geld- und Finanzsystem zusammenhängt. Die Kritik schießt aber über das Ziel hinaus, wenn sie den Zins grundsätzlich als Übel betrachtet.

Zur Person
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Bekannt sind seine Essays für Die Weltwoche sowie die regelmäßig erscheinenden Standpunkte in Cash. Binswangers Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen.
  • Mathias Binswanger (Bild) antwortet auf Reinhard Pirker.
    foto: privat

    Mathias Binswanger (Bild) antwortet auf Reinhard Pirker.

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