Wie "der dritte Zwerg von links" Bawag-Bilanzen machte

10. Oktober 2007, 08:36
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Am 36. Verhandlungstag schilderte der damalige Bilanzabteilungschef Robert Schatzer, unter welchen Umständen er die Jahre 1998 bis 2000 bilanziert hat

1999 reiste er nach Paris, wo mit Flöttl die Unibonds (für die letzten Verluste) "geboren wurden".

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Wien – Tag 36 im Bawag-Prozess: Ein Lehrstück zum Selbstwertgefühl eines Managers, der seit mehr als 30 Jahren für die Bank arbeitet. Am Dienstag stand Robert Schatzer im Zeugenstand, der bis 2001 die Bilanzabteilung geleitet hat – und sich doch nur als "als dritter Zwerg von links" fühlte.

Er erzählte über eine Bank, "in der nur einer das Sagen hatte: Elsner". Stundenlang wurde er zur Bilanzerstellung 1998 bis 2001 befragt, Puzzlesteinchen für Puzzlesteinchen zusammengesetzt.

Sicherheiten

1998 wurde Schatzer mit dem ersten Verlust (639 Mio. Dollar) konfrontiert, der aber nicht wertberichtigt wurde, "weil wir ja Sicherheiten hatten, die diesen Betrag überstiegen". Schatzer meinte damit die Immobilien, Bilder und Wertpapiere, die Flöttl der Bank übereignet hatte. Allerdings hat der Zeuge "nie Aufgliederungen der Sicherheiten gesehen und nichts über deren Bewertungen gewusst".

Über die Sicherheiten sprach Schatzer 2000 auf Elsners Geheiß auch mit Vor-Ort-Prüfungsleiter Peter Mayerhofer: "Unter vier Augen sollte ich ihm berichten, aber keine Details nennen". Die Notenbank gab sich, wie heute bekannt, damit zufrieden, "Sicherheiten wurden gegenüber dem Prüfungsleiter bekanntgegeben", heißt es im Bericht.

Das alles wiederholte sich 1999, auch für die Verluste habe es genug Sicherheiten gegeben, "aber es hat sich schon die Frage gestellt, ob es notwendig war, dass man wieder Geld nachlegt", meinte Schatzer. Er selbst habe seinen Duz-Freund und Chef Johann Zwettler gefragt: "Musste das sein?" Der habe "nur mit den Achseln gezuckt und unglücklich zum Himmel geschaut".

ÖGB-Garantie "bis heute nicht gesehen"

Ähnliches spielte sich 2000 ab (Verlust; 1,4 Mrd. Euro), als der ÖGB mit seiner Garantie einspringen musste. Der damalige Bilanzabteilung-Chef (auch Mitglied der Bilanzrunde, "die die Verluste abarbeitete") hat diese Garantie "bis heute nicht gesehen".

Ausführlichst schilderte er seine "Fact-Finding-Mission" im November 1999 in Paris. Mit Zwettler und Peter Nakowitz reiste er ("Wenn Elsner es sagt, fährt der kleine Schatzer mit") zu einem Termin mit Flöttl. Schatzer: "Damals wurden die Unibonds geboren; die Bank wollte Geld verdienen." Da die Bank Flöttl aber kein Geld mehr geben wollte ("Alles andere, nur nicht dorthin") habe Flöttl, dem sein "schlechtes Gewissen wegen der Vergangenheit anzusehen war" angeboten, den Londoner Investmentbanker Kaveh Alamouti zu vermitteln.

Dass dann wieder 350 Mio. Euro bei Flöttl und einer Investmentstrategie landeten, wusste Schatzer "definitiv nicht". Verträge oder Wertbestätigungen hat er nie gesehen. Erst Ende 2000 habe dann Treasurer Thomas Hackl, Alarm ausgelöst.

Aus Dublin wurde Klagenfurt

Mit ihm, dessen Rolle noch nicht ganz klar ist, hatte man übrigens laut einem Protokoll eine Art Geheimsprache entwickelt. Bawag International Finance (BIF; über sie liefen die Flöttl-Geschäfte) hatte am Telefon "Filiale Klagenfurt", zu heißen, statt "Wirtschaftsprüfer" war der Begriff "Mitarbeiter Meier" zu verwenden. Schatzer dazu: "Wenn es diese Sprachregelung gab, dann hat sie sich nicht gehalten." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2007)

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