Zarte Haut in Not

8. Oktober 2007, 15:52
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Neurodermitis ist unheil­bar, aber die Symptome lassen sich gut lindern und verschwinden mit der Zeit meist wieder von ganz alleine

Neurodermitis, medizinisch korrekt Atopische Dermatitis, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu der häufigsten Hauterkrankung im Kindesalter entwickelt. Allein in den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl der Betroffenen verdreifacht. Den Grund kennt die Medizin nicht.

Vererbte Neigung

Klar ist, dass die Neigung zu Neurodermitis vererbt wird, ausgelöst wird sie häufig von Nahrungsmitteln, Stress oder Umwelteinflüssen. Vermutet wird ähnlich wie bei Allergien, dass übertriebene Hygiene dem Immunsystem nicht mehr genug Arbeit verschafft, sodass es bereits auf kleinste Reize überreagiert, was sich als Entzündung der Haut zeigt.

Milde Symptome bis schwere Verlaufsformen

Nahezu jedes fünfte Kind erkrankt bis zum Grundschulalter mehr oder weniger stark an Neurodermitis. 60 Prozent entwickeln die Krankheit im ersten Lebensjahr. Sie kann sich bereits nach dem zweiten Lebensmonat zeigen, dann häufig als nässender Ausschlag.

Im Kleinkindalter hingegen ist der chronisch in Schüben auftretende Hautausschlag zunehmend durch eine trockene Haut gekennzeichnet, die besonders an Armen, Beinen, Gesicht und Hals schnell zu Entzündungen neigt, wenn sie gereizt wird. Die große Mehrheit der Kinder zeigt eher milde Symptome, jedes zehnte plagt sich mit mittleren bis schweren Verlaufsformen.

Heilung oft von selbst

Doch die Krankheit heilt oft von selbst. Eine Studie in Deutschland ergab: Über 60 Prozent der Kinder, die als Baby unter Neurodermitis litten, hatten mit sieben Jahren die Krankheit überwunden. "Bei vielen Kindern kommt es schon innerhalb von 18 Monaten zu einer spontanen Besserung", so Ulrich Wahn von der Berliner Charité.

Andere verlieren sie bis zur Pubertät. "Zurück bleibt häufig nur eine etwas trockenere Haut", so Werner Aberer von der Universitätsklinik für Dermatologie in Graz. Nur etwa drei Prozent nehmen erhebliche Symptome mit ins Erwachsenenalter. Alle besitzen jedoch ein hohes Risiko, zusätzlich an Asthma und Allergien zu erkranken.

Sorgfalt und Pflege

Neurodermitis ist nicht heilbar, doch die Symptome lassen sich lindern. Unabdingbar ist die Basispflege mit rückfettenden Cremes. Sie dienen der trockenen Haut als Schutzmantel gegenüber eindringenden Reizen, Bakterien und Viren, da ihre eigene Barrierefunktion gestört ist. Die Auslöser eines Neurodermitisschubs sind individuell.

Reaktion auf Nahrung, Pollen, Tiere

eder dritte Neurodermitiker reagiert auf Nahrungsmittel, andere auf Pollen, Tierhaare oder Stress. Begleitet wird der Schub, bei dem sich die Haut entzündet, von quälenden Juckreizattacken, das nahezu unkontrollierbare Kratzen schädigt die trockene Haut noch mehr. "Bei einem Schub braucht die Haut Hilfe, um das Grundübel, die Entzündung, zu bekämpfen", sagt Zsolt Szepfalusi von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH Wien.

Wird die nahezu schutzlose Haut nicht oder schlecht behandelt, kann es zu einer Superinfektion, beispielsweise mit Herpes-Viren, kommen, die sich über den ganzen Körper ausbreitet und dann nur noch mit Antibiotika behandelt werden kann.

Medikamente - zwei Wirkstoffgruppen

Zur Therapie im akuten Schub stehen zwei Wirkstoffgruppen zur Verfügung. "Nahezu alle betroffenen Kinder lassen sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gut behandeln", sagt Szepfalusi. Am häufigsten kommt Kortison zum Einsatz, von dem es inzwischen nach Wirkstärke und Nebenwirkungsprofil für jedes Kindesalter und jede Hautregion angepasste Varianten gibt.

Richtiger Einsatz

"Die richtigen Präparate, richtig eingesetzt, verursachen keine relevanten Nebenwirkungen", beruhigt Aberer. Seit einiger Zeit sind Immunmodulatoren wie Elidel oder Protopic eine Alternative für Kinder ab zwei Jahren. Sie wirken genauso gut, besitzen aber nicht das Nebenwirkungsprofil starker Kortisone. Langzeiterfahrungen fehlen allerdings jedoch noch.

Angst vor Kortison

Doch bei keiner anderen Erkrankung sind Betroffene und Eltern für alternative Therapien so verführbar. Der Grund: die Angst vor dem Kortison. "Alternativen sind etwas für schubfreie Zeiten, aber nicht, um im akuten Stadium damit am leidenden Kind längere Zeit zu experimentieren", sagt Szepfalusi.

"In dieser Phase braucht das Kind effektive Hilfe gegen die Entzündung - das können auch Immunmodulatoren übernehmen." Geht die Entzündung nach wenigen Tagen zurück, wird auch die Medikation zurückgefahren.

Schulung Betroffener

Wichtig ist die Neurodermitiker-Schulung. Daten der deutschen Arbeitsgemeinschaft Neurodermitis Schulung (AGNES) zeigen, dass geschulte Kinder weniger Medikamente brauchen und weniger häufig wegen Neurodermitis im Krankenhaus sind. "Hier lernt der Patient die Spielregeln für die medizinischen und sozialen Probleme der Krankheit", so Szepfalusi: Was sind meine Auslöser? Wie meide ich sie? Wie fange ich einen Schub rechtzeitig ab?

Spielregeln lernen

Jeden dritten Neurodermitiker reizen bestimmte Nahrungsmittel wie Kuhmilch, Eier oder Nüsse. "Allerdings sind diese Auslöser meist zeitlich limitiert", so Wahn. Die Diätberatung in der Schulung hilft, dass es trotz Einschränkung in der Auswahl nicht zu Entwicklungsstörungen kommt. Fast jede Universitätsklinik bietet mittlerweile Neurodermitis-Schulungen an. Derzeit sind Schulungszentren nach dem erfolgreichen AGNES-Konzept in Wien, Graz, Wels und Salzburg im Aufbau. (Andreas Grote, MEDSTANDARD, 08.10.2007)

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    foto: dermatologie, 6. auflage/thieme verlag

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