"Der größte Hassprediger ist Strache"

5. Oktober 2007, 21:11
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Rund 200 Imame verkünden in Österreich die Botschaft des Islam - doch die ist nicht immer dieselbe

Wien - Die Auslagen sind verklebt und lassen keinen Blick nach innen zu. Dabei verirren sich so und so nicht viele Passanten hierher, an den Anfang der Lasallestraße in Wien-Leopoldstadt. Für Fremde sieht dieser Ort alles andere als einladend aus.

 

Früher wurden hier Autos repariert, jetzt wird gebetet. Bis zu tausend Gläubige treffen einander in der Schura-Moschee zum gemeinsamen Gebet - die Frauen weiter hinten, von den Männern streng getrennt. Blumentöpfe markieren die unsichtbare Grenze auf dem roten Teppich. Das ist das Reich von Adnan Ibrahim, 41 Jahre alt, verheiratet, sechs Kinder. Er ist hier der Imam.

Bevor er zum Gespräch Platz nimmt, betet Scheich Ibrahim noch kurz. Dann reicht er seinen Gästen zur Begrüßung beide Hände. Der Imam spricht Arabisch, obwohl er die deutschen Fragen versteht. Seine Antworten klingen wie Predigten.

"Alle in einen Topf"

"Uns gefällt die öffentliche Diskussion nicht", beginnt er. Es werde nicht unterschieden zwischen radikalen Gruppierungen und den anderen Muslimen: "Es werden alle in einen Topf geschmissen." Seit sechs Jahren ist Ibrahim ehrenamtlich Imam. Aufgewachsen ist er im Gazastreifen. Nach Europa ist er eigentlich gekommen, um Medizin zu studieren. Heute bildet er Lehrer an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie aus. Eine Predigt hat den Scheich in diesem Jahr schon in rechtsstaatliche Schwierigkeiten gebracht. In einer anonymen Anzeige wurde ihm vorgeworfen, er habe nicht -muslimische Staaten als "Länder des Krieges" bezeichnet. Die Erhebungen wurden aber eingestellt, Ibrahim spricht von einem "Komplott" seiner Gegner.

Den Islam verteidigt er mit markanten Gesten und in scharfem Ton. "Die Scharia", also das religiöse islamische Recht, "ist dasselbe wie hier die Verfassung", sagt er. Denn in der Scharia seien Toleranz und Menschenwürde festgeschrieben. "Sie schützt sogar Minderheiten", sagt er. Und die Ideen der Aufklärung habe es im Islam schon viel früher gegeben als in der westlichen Welt. "Die westlichen Menschenrechte und der Islam stehen beide für das Gleiche", meint Ibrahim.

Getrennt schwimmen

Neben ihm sitzt Mouhanad Khorchide und macht den Dolmetscher. "Uns fehlt eine islamische Aufklärung - das gilt für die ganze Welt", entgegnet er. Vieles, was Ibrahim erzählt, erzeugt bei ihm Widerspruch: etwa dass ein "gemeinsamer Schwimmunterricht ab der Pubertät für Buben und Mädchen ethisch nicht vertretbar" oder "die Scharia der Geist der Legislative" sei.

Der 36-jährige Khorchide ist selbst Prediger einer Ottakringer Gemeinde. Dort tritt er für einen neuen, modernen Islam ein. Khorchide sieht sich als Vermittler, nicht nur des Islam, auch zwischen den Kulturen. Seine Predigten hält er auf Deutsch, die Aufteilung zwischen Frauen und Männern vollzieht er nicht so streng wie Ibrahim. Bei den Gebeten werden immer auch Sessel für Gäste aufgestellt. "In meine Moschee kommen auch viele Pensionisten einfach aus Interesse", erzählt er.

Kopftuch nur "total freiwillig"

Khorchide will die Moscheen heraus aus den Kellern holen und "transparenter machen". Die Frage, ob eine Frau ein Kopftuch trägt, hat für ihn "keine Priorität". Es soll nur "auf total freiwilliger Basis" getragen werden. Das findet auch Scheich Ibrahim. Sagt er zumindest. Wie er es bei seinen eigenen Töchtern hält? Die Entscheidung hat Zeit: Die Mädchen seien noch zu jung.

Khorchide und Ibrahim sind zwei von rund 200 Imamen in Österreich. Ein Großteil der Imame kommt aus der Türkei und wird auch dort ausgebildet. "Sie sprechen andere Probleme an", meint Khorchide. Außerdem werden sie nur auf sechs Jahre bestellt. "Das motiviert nicht, eine andere Sprache zu lernen."

Die Bandbreite der Interpretationen hat auch die Islamische Glaubensgemeinschaft als Problem erkannt. Derzeit wird an einer universitären Ausbildung für Österreichs Imame gebastelt. 2008 soll sie starten - inklusive sechsmonatigem Deutschkurs. "Derzeit weiß niemand, was jeder einzelne der 200 Imame in Österreich predigt", bekennt auch Khorchide. Im Innenministerium gibt man sich zugeknöpft: Tendenzen wie in Deutschland "sind derzeit nicht zu erkennen".

Khorchide ist aber überzeugt, dass es in Österreichs Moscheen keine Gewaltaufrufe gibt. "Der Hassprediger Nummer eins ist für mich Heinz-Christian Strache." (Lukas Kapeller, Peter Mayr, DER STANDARD Printausgabe, 6./7.10.2007)

  • Zwei Imame, zwei Welten: Mouhanad Khorchide (li.) hofft auf eine "islamische Aufklärung", für Adnan Ibrahim hat diese längst stattgefunden
    foto: hendrich

    Zwei Imame, zwei Welten: Mouhanad Khorchide (li.) hofft auf eine "islamische Aufklärung", für Adnan Ibrahim hat diese längst stattgefunden

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