Marathon: Alte Wiener Bestzeiten

14. Oktober 2007, 00:15
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Eleganz und Uneitelkeit: Gerhard Hartmann hält seit dem 13. April 1986 den österreichischen Rekord - Ein Gespräch über Leistungssport, Kälte und Literatur - Von Martin Prinz

"Was fällt Ihnen zum 5. April 1986 ein?", lautet die telefonische Frage an Gerhard Hartmann, der seit nunmehr 21 Jahren den österreichischen Rekord im Straßenmarathon hält. "Sie meinen vermutlich den 13. April", antwortet Hartmann in seiner ruhigen, am Telefon fast fragil klingenden Stimme. "Ja", muss ich zugeben, grüble jedoch nicht allzu lange über das vor dem Anruf bei Hartmann doch extra noch recherchierte Datum seines Wiener Rekordlaufes. Denn am anderen Ende der Leitung ist jemand, den die Richtigkeit solcher Zahlen in einer gerade bei Sportlern ungekannten Weise kaum kümmert.

"Kalt war es", erzählt Hartmann von damals, "und am Morgen hat es noch geschneit. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, was da auf mich zukommt." Ob das kurze Leibchen, das er damals getragen hatte, und die dünnen Handschuhe nicht zu wenig gewesen wären, will ich wissen und habe dabei zwei Fotografien vor mir liegen, die ich damals als kaum 13-Jähriger von Hartmann am Ring gemacht habe. "Nein", der Oberkörper wäre an diesem Tag gar nicht das größte Problem gewesen, vielmehr die Kälte in der Muskulatur der Beine und die fortschreitende Gefühllosigkeit.

Dabei wirkt er selbst auf diesen Bildern knapp vor dem Ziel elegant und in so selbstverständlicher Weise leicht seinen Schritt setzend, wie man es von Österreichs Läufern bis heute eben nur von ihm kennt. Damals habe er während des gesamten Marathons nichts getrunken, erzählt er. Bei Kilometer 15 habe er noch keinen Durst gehabt und danach waren seine Finger so klamm gewesen, dass er die Flaschen einfach nicht mehr habe halten können. Und gerade diese, von den Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt tauben Hände Hartmanns sind es, an die auch ich mich noch ganz genau erinnere. Da ich Gerhard Hartmann nach seinem Einlauf am Heldenplatz mit meinem Stammbuch im Zielraum abgepasst hatte. Er aber hatte in diesen ersten Minuten nach dem Marathon einen Stift natürlich noch viel weniger halten können als davor die Trinkflaschen, geschweige denn seinen Namenszug aufs Papier bringen.

"Ich habe mir ja nicht einmal die Schnürsenkel der Laufschuhe lösen können", meint Hartmann, der nun seinerseits wissen will, ob ich denn heute noch laufe. "Ja", doch während ich erzähle, auch selbst später Leistungssport betrieben zu haben, als Junior jedoch aufgehört und vor knapp zehn Jahren mit dem Training aber wieder begonnen habe, kommt mir mein Reden völlig unangemessen vor. Nicht zuletzt, da Hartmann in der Beschreibung seines Rekordlaufes etwa erst auf Nachfrage erwähnt, dass er damals ab Kilometer 17 allein gelaufen war. Während die interessierten Leichtathletik-Zuseher Michael Buchleitners Begründungen seiner gescheiterten Versuche, Hartmanns Bestzeit zu unterbieten, noch allzu deutlich im Ohr haben: Immer hatten dabei zu früh - meist ungefähr bei Kilometer 25 - ausgestiegene Tempomacher zumindest Teilschuld am Misslingen gehabt. 1986 hatte es beim Wien-Marathon noch keine Tempomacher gegeben, doch selbst wenn, Hartmann wären derartige Begründungen nie über die Lippen gekommen. Ich aber bin im Reden von mir jetzt genug in Fahrt gekommen, um ihn zu fragen, ob er Johann Kastenberger vulgo Johann Rettenberger kenne, einen in den 80ern in der Laufszene wegen seines Sieges (und bis heu- te gültigen Streckenrekords) beim Kainacher Bergmarathon bekannten Athleten und dabei gleichzeitig jenen 1989 festgenommenen Bankräuber, der in den Jahren zuvor mit Pumpgun und Reagan-Maske berüchtigt geworden war: "Pumpgun-Ronnie", die Hauptfigur meines ersten Romans.

Nein, von ihm wisse er nichts, antwortet Hartmann. Und ebenso wenig davon, dass Rettenberger in meinem Roman, als er auf seiner zu Fuß kreuz und quer durch den Wienerwald führenden Flucht von zwei Landgendarmen kurzfristig gestellt wird, auf die Frage nach seinen Personalien keine Ausweise vorweisen kann, sich aber "Hartmann" nennt, "Gerhard Hartmann", bevor er den Beamten im nächsten Augenblick mit ein paar schnellen Schritten in die Finsternis entkommt. Aha, sagt Gerhard Hartmann, und meine Frage, ob dieser Namensraub ihm etwas ausmache, scheint ihm dabei fast unsinnig vorzukommen. (Martin Prinz, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 6. Oktober 2007)

Martin Prinz, Jg. 1973 zuletzt erschienen: "Ein Paar", Jung und Jung
  • Martin Prinz verknüpft Zeitgeschehen mit individuellen Lebensläufen - und Lebensläufern wie Gerhard Hartmann. (Zeichnung: Ander Pecher)
    zeichnung: ander pecher

    Martin Prinz verknüpft Zeitgeschehen mit individuellen Lebensläufen - und Lebensläufern wie Gerhard Hartmann. (Zeichnung: Ander Pecher)

  • Nach dem Rekord von Gerhard Hartmann am 13. April 1986: Der große Läufer mit den klammen Fingern (Mitte) und der kleine Prinz (links) mit Mütze und Brille.
    foto: martin prinz

    Nach dem Rekord von Gerhard Hartmann am 13. April 1986: Der große Läufer mit den klammen Fingern (Mitte) und der kleine Prinz (links) mit Mütze und Brille.

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