"Ich kenne diesen Literaturbetrieb nicht"

5. Oktober 2007, 17:56
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Michael Köhlmeier im STANDARD-Interview über die Mühen des Schriftstellers und den Preis als Lob

DER STANDARD: Herr Köhlmeier, Sie sind mit Ihrem Roman "Abendland" erst auf die Longlist, dann auf die Shortlist des "Deutschen Buchpreises" gekommen. Am 8. Oktober wird in Frankfurt die Entscheidung fallen, wer den Preis zugesprochen bekommt. Was bedeuten literarische Preise für Sie? Michael

Köhlmeier: Ein Preis ist zunächst einmal eine Bestätigung für einen selber. Ich hätte mich, ehrlich gesagt, gewundert, wenn ich nicht auf die Longlist gekommen wäre, und ich habe mich nicht gewundert, dass ich auf die Shortlist gekommen bin. Ein Preis bedeutet Lob für die Arbeit, die man geleistet hat, und ein Lob für die Arbeit ist immer gut. Ich habe auch nichts dagegen, wenn der Preis mit einem Scheck verbunden ist. Dazu bin ich Alemanne genug.

DER STANDARD: Sie haben an "Abendland" sehr lange gearbeitet. Ich könnte mir vorstellen, dass bei einem Projekt dieser Größenordung eine starke innere Spannung entsteht, und dass man den Reaktionen entgegenfiebert. Mit welchen Konsequenzen hatten Sie sich auseinanderzusetzen, dadurch, dass Sie sich auf eine so umfassende schriftstellerische Arbeit eingelassen haben?

Köhlmeier: An Abendland habe ich sechseinhalb Jahre gearbeitet. Der Vorteil einer solchen Zeitspanne für mich war, dass ich mich lange in einer Gegenwelt aufhalten konnte und dass ich für eine Zeit ein Gleichgewicht der Existenz gefunden habe. Ich bin, nachdem ich den Roman beendet hatte, in ein Loch gefallen, und dieses Loch war noch nie so tief wie dieses Mal. Ich verstehe den Ratschlag von Thomas Mann, dass man Romane immer am Mittag beenden soll, damit man am Nachmittag mit dem nächsten beginnen kann.

DER STANDARD: Haben Sie schon ein neues Projekt, mit dem Sie versuchen, aus diesem Loch herauszukommen?

Köhlmeier: Nein, das habe ich noch nicht. Der Start in eine neue Geschichte mit neuen Personen ist immer schwierig, am Beginn habe ich generell die größten Zweifel. Die kritische Zeit ist am Anfang, wenn ich mich frage "Trägt mich das drüber?". Es geht auch um Lebenszeit: Wenn man hundertzwanzig Seiten geschrieben hat und plötzlich daraufkommt, dass etwas nicht geht, dann ist das schon eine große Schwierigkeit. Aber es gibt für mich auch das Glück beim Schreiben. Das eigentlich Schöne ist die Arbeit selbst.

DER STANDARD: Sie haben auch einige Erfahrung mit kleinen Formen, mit Arbeiten, die weniger Zeit in Anspruch nehmen.

Köhlmeier: Ich habe Zeitungskolumnen geschrieben, zum Beispiel für die Weltwoche, aber auch das war für mich wie ein Roman in Mosaiksteinen.

DER STANDARD: Im Vorfeld der Vergabe des Deutschen Buchpreises hat es ein paar Unstimmigkeiten und Zwistigkeiten gegeben. Ich spreche hier namentlich Ihre Entscheidung an, nicht an einer Diskussionsveranstaltung in Graz teilzunehmen. Ein typisches Vorkommnis für den Literaturbetrieb?

Köhlmeier: Ich will dazu gar nicht viel sagen, nur so viel: Die ganze Sache hat mich geärgert, weil ich den Literaturbetrieb gar nicht kenne. Wenn ich es recht verstehe, dann sind der Literaturbetrieb andere Schriftsteller und Journalisten. Journalisten kenne ich nicht oder nicht viele, den Klaus Nüchtern (Falter-Redakteur, der "Abendland" enthusiastisch besprochen hat, Anm.) habe ich zum ersten Mal gesehen, als er mit mir das Interview über den aktuellen Roman gemacht hat. Und bei den Schriftstellern kenne ich nur wenige: Ich bin, das ist ja bekannt, mit dem Robert Menasse und dem Robert Schindel befreundet. Der Robert Schneider wohnt hier gleich über dem Berg, aber mit dem habe ich nur wenig Kontakt, und das gilt auch für den Arno Geiger. Die meisten meiner Freunde sind nicht aus dem Literaturbetrieb, sondern Rockmusiker. (Christoph Winder /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.10.2007)

Michael Köhlmeier, Jg. 1949, zuletzt erschienen: "Abendland", Hanser Verlag.
  • Michael Köhlmeier (Zeichnung: Ander Pecher)
    zeichnung: ander pecher

    Michael Köhlmeier (Zeichnung: Ander Pecher)

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    foto: standard/newald

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