Niemand hat das Recht

5. Oktober 2007, 17:52
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Was muss sich ein Künstler eigentlich alles gefallen lassen? Eine Verteidigung - Von Thomas Glavinic

Ich werde eingeladen, zusammen mit Michael Köhlmeier im Grazer Literaturhaus über unsere neuen Bücher zu reden. Ein Moderator wird das Gespräch leiten. Obwohl mir der Moderator, der selbst Romane schreibt, in der Vergangenheit durch, na, sagen wir, ein wenig mieselsüchtige Internetkolumnen aufgefallen ist, in denen ohne nähere Begründungen über alles, was Erfolg hat, von Ressentiment genährt hergezogen wird, sage ich zu. Kurz darauf verschickt der Moderator Schimpfbriefe, in denen er gegen unsere Bücher wettert. Nun sage ich ab. Drei Wochen vor der Veranstaltung. Zeit genug, um Ersatz für mich zu finden.

Ich bekomme ein E-mail des Moderators. Er sagt, er habe es nicht so gemeint, ich solle kommen. Ich bleibe bei meiner Absage. Am Tag vor der Veranstaltung nützt der Moderator seine Kolumne auf der ORF-Homepage, um mich zu beschimpfen, und behauptet wider besseres Wissen, der Grund meiner Absage sei meine Furcht vor meiner Heimatstadt Graz (!). Am Tag der Veranstaltung steht im Grazer Literaturhaus auf einem Schild an der Kasse: Thomas Glavinic hat kurzfristig abgesagt. Auch Köhlmeier weigert sich mittlerweile, mit dem Moderator zu sprechen. Zwei Tage später schreibt Österreich, die Literaten Glavinic und Köhlmeier wollen sich nur noch mit Schmeichlern umgeben und setzen sich keiner Kritik aus. Der Literaturzuständige der Presse hält mir eine Standpauke, ich sei eine "Zicke" und hätte zu Kritik gefälligst Stellung zu nehmen. Derselbe, dessen Dialogfähigkeit gerade mal so weit reicht, dass er aus Protest gegen den Mehrheitsentscheid der Jury der ORF-Bestenliste für meinen Roman Das bin doch ich im September aus der Jury ausgetreten ist, weil er sich, Zitat, "einen letzten Rest an Selbstachtung bewahren" wolle (warum und wohin der größere Teil verschwunden ist, erfährt man nicht). Über die Gründe meiner Absage begehrt im Übrigen niemand Auskunft. Es wird ohne Rückfrage eine APA-Meldung interpretiert.

Hier deshalb etwas Grundsätzliches: Künstler sind keine Politiker. Ein Politiker, der sich weigert, mit einem Journalisten in der Pressestunde zusammenzutreffen, verstößt gegen die Spielregeln der Demokratie. Ein Künstler hingegen ist eine Privatperson. Ein Künstler, der sich weigert, mit einem Verfasser privater Schimpfbriefe öffentlich zu diskutieren, nimmt sich nur die Freiheit der Entscheidung, mit wem er seine Zeit verbringt. Niemand hat ein Recht auf die Zeit und auf die Gegenwart eines Künstlers. Selbst wenn es um einen seriösen und ernst zu nehmenden Kritiker ginge, der ein Gespräch wünscht: Mit wem und wann und unter welchen Umständen ein Künstler diskutiert, entscheidet dieser selbst. Wenn mich ein schlecht gelaunter Betrunkener in der U-Bahn erkennt und wegen meiner Bücher zu beschimpfen beginnt, kann man mir wohl keinen Strick daraus drehen, wenn ich mir lieber einen anderen Waggon suche. Wenn jemand alles tut, um sich als Gesprächspartner zu diskreditieren, wenn er Unwahrheiten über mich verbreitet, kann man nicht ernsthaft erwarten, dass ich mich mit ihm auf ein Podium setze.

Was muss sich ein Künstler eigentlich gefallen lassen? Unwahrheiten? Beschimpfungen? Mediale Diffamierungen ohne Substanz? Nein. Was muss er sich gefallen lassen? Kritik. Ja, und selbst die nur bedingt: wenn sie auf Argumenten aufbaut. Dann ist Kritik legitim und im besten Fall produktiv. Mit so einem Kritiker kann sich der Künstler auseinandersetzen, er kann sogar mit ihm streiten, aber immer nur: wenn er will. Der Künstler muss nämlich gar nichts müssen. Ein Künstler stellt schon mit seinem Kunstwerk etwas zur Diskussion, sein Kunstwerk ist der Beitrag zur Diskussion, und der Künstler muss nicht jedem antworten, der sich einbildet, gehört werden zu müssen. Weil er eine Privatperson ist, weil er tun und lassen kann, was er will, und niemandem Rechenschaft schuldig ist. Schon gar nicht aber Leuten, die ihn beleidigen.

Ich bin niemand, der sich ohne Grund einem Gespräch verweigert. Ich habe öffentliche und private Gespräche geführt mit Menschen, die meinen Büchern kritisch gegenüberstehen, und ich werde es anstandslos wieder tun. Wer mir und meiner Arbeit – bei aller Kritik – ein Mindestmaß an Respekt für die geglückte oder weniger geglückte Anstrengung entgegenbringt, mit dem rede ich gern. ABER ICH MUSS NICHT.

In den vergangenen Tagen habe ich zwei große Überraschungen erlebt. Zum einen: Österreich ist ein Land, in dem eine Meldung einer Presseagentur in Zeitungen interpretiert wird, ohne dass jemand auf die Idee kommt, rückzufragen, ob sie überhaupt stimmt. Und zweitens ist es ein Land, in dem sich Menschen wie der Buchbesprechungsredakteur der Presse einbilden, ein Künstler sei jemand, den man sich zum Rapport herbeipfeifen kann. (Thomas Glavinic /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.10.2007)

Thomas Glavinic, Jg. 1972, zuletzt erschienen: "Das bin doch ich", Hanser Verlag.
  • Thomas Glavinic (Zeichnung: Ander Pecher)
    zeichnung: ander pecher

    Thomas Glavinic (Zeichnung: Ander Pecher)

  • Im September war Thomas Glavinic im derStandard.at/Chat zu Gast. Das Protokoll zur Nachlese:"Ich lechze auch nicht nach Monstern,... 
...aber zu meinem Leidwesen, habe ich viel mit ihnen zu tun"
    foto: derstandard.at / rasch

    Im September war Thomas Glavinic im derStandard.at/Chat zu Gast. Das Protokoll zur Nachlese:

    "Ich lechze auch nicht nach Monstern,...
    ...aber zu meinem Leidwesen, habe ich viel mit ihnen zu tun"

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