"Die Russen bei Nabucco ins Boot holen"

26. Oktober 2007, 18:22
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Der britische Experte Simon Blakey referierte in Wien über Europas Gasmarkt im Umbruch, neue und alte Logiken sowie Wege aus der Abhängigkeit von Russland

Wien - "Seit 40 Jahren kommt das Gas aus Russland", sagte Simon Blakey, Senior Director des Energie-Beratungsunternehmens Cera (Cambridge Energy Research Associates). Zwar bleibe Russland der viel beschworene "verlässliche Partner", doch zeichneten sich für die nächsten 40 Jahre Umbrüche ab, die innerhalb der EU davon getrieben werden, dass Erdgas im europäischen Energiemix eine stärkere Rolle zukommen soll.

Blakey, der auf Einladung des Energie-Regulierungsbehörde E-Control in Wien war, führte aus, dass Pipeline-Projekte wie Nabucco, die an Russland vorbei führen, in Moskau für Irritation sorgen: "Die Logik sagt, dass Russland bei Nabucco ins Boot geholt werden müssen", sagte er. Bisher waren die Nabucco-Staaten - neben Österreich Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn - dabei zurückhaltend. Dabei kann sich Blakey mehrere Varianten vorstellen: Mitfinanzierung bei den Pipelines bis hin zu der Möglichkeit, über Nabucco russisches Gas zu transportieren.

Russischer Markt

Überhaupt müsse die EU beginnen, auf Gegenseitigkeit bei Investitionen zu achten. Neben dem staatlichen Exportmonopolisten Gasprom gebe es kleinere Förderunternehmen, die "alle ein schwieriges Verhältnis zur Gasprom" hätten. Diese begännen nun, den lokalen russischen Markt aufzubauen - mit hohen Investitionsnotwendigkeiten.

Mit dem Ausbau eines inner-russischen Gasmarktes und dem schrittweisen Angleichen der nationalen Energiepreise auf Weltmarktstandard sei nicht sicher, dass "in zehn Jahren der Exportmarkt für Gas weiterhin der wichtigste Markt für die Russen ist".

Auch deshalb bestehe die Notwendigkeit für ein "gezieltes Management der gegenseitigen Abhängigkeiten, so E-Control-Chef Walter Boltz, bei der die neue Strategie der Gasprom in Europa, sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu engagieren, mehr berücksichtigt werden müsse. Russland stünde der EU mit ihren jetzt 27 Mitgliedern gegenüber, die nationale und sehr unterschiedliche Interessen bei der Energiepolitik verfolgen. "Aus der Sicht des Kreml ist die EU-Energiepolitik nicht konsequent."

EU-Abhängigkeiten

Zur Verringerung der wachsenden Abhängigkeit von russischem Gas komme LNG-Verfahren eine große Bedeutung zu. Für LNG, Liquid Natural Gas (Gasverflüssigung) würden derzeit große Kapazitäten aufgebaut, erläutert Blakey. "LNG ist die beste Möglichkeit, in diesem reglementierten, von Monopolrenten geprägten Gas-Markt einzudringen." Allerdings, meint er, sei gar nicht sicher, ob die LNG-Kapazitäten in dem Ausmaß auch gebraucht werden. Möglich sei, dass die hohen Investitionen, die derzeit in LNG-Anlagen und Tanker fließen, die Finanzierung von anderen großen Projekten im Energiebereich unterwandern. (ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.10.2007)

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