Uni-Zugang versteckt beschränkt

29. Oktober 2007, 14:30
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Die Wirtschaftsuniversität Wien darf laut Gesetz Zugangsberechtigungs- prüfungen durchführen, verzichtet aber darauf

Wien - Abgesehen von ein paar Studenten, die tratschend in Gruppen zusammenstehen oder vor dem Gebäude der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) das warme Wetter genießen, ist in der Augasse zu Semesterbeginn am Dienstag nicht allzu viel los. Wo sind all die Erstsemestrigen BWL-Studenten hin? "Die haben heute Einführungsveranstaltung im Austria Center", antwortet ein Student, der lässig auf der Treppe sitzt und nur wegen der Prüfungen auf die Uni gekommen ist.

Im Austria Center im 22. Bezirk ist um zwölf Uhr gerade Mittagspause. Die Studenten, die heute erstmals Lehrreiches über Betriebswirtschaft hören sollen, strömen Richtung Imbissstände, zur U-Bahn oder rauchen eine Zigarette. Die ersten Kontakte zu möglicherweise zukünftigen Lernpartnern werden schon geknüpft, einige bevorzugen erst einmal das Alleinsein - mit Grund: "Daumen mal Pi waren heute 2000 bis 3000 Studenten im Saal", sagt Dominic Wolfweißer. Der BWL-Neuling muss nicht lange überlegen, ob er für oder gegen Zugangsbeschränkungen ist, wie es sie auf der Medizin-Uni gibt. "Es wäre schlimmer, wenn ich jetzt keinen Platz hätte. Die Tests während des Semesters werden eh durchsieben".

Die Spreu vom Weizen trennen heißt in Uni-Sprech "Knock-out-Prüfung". Eine wirklich schwierige, von der Wolfweißer jetzt schon weiß, findet Ende Jänner statt: Accounting Management.

Betriebswirtschaftslehre ist einer der acht Studiengänge, bei denen Zugangsbeschränkungen mittels Eingangsprüfung möglich wären. Aber weder die Hauptuni noch die WU führen sie durch. Die Studienrichtungen Biologie und Pharmazie auf der Haupt-Uni handhaben das genauso. "Der Grund ist simpel: Alle sollen die gleichen Chancen haben, die Leistung in der Studieneingangsphase soll entscheiden", sagt Martin Stradal, Sprecher der WU. Zwei Semester lang machen alle neu Beginnenden die gleichen Kurse und Prüfungen. "Wir haben keine Knock- outs, wir bieten allen Studierenden eine Schienenlösung."

Heuer haben 5600 Maturanten BWL inskribiert, an der WU studieren 22.000 Menschen. Ein neuer Standort - am Wiener Messegelände - kommt gerade Recht. Das Auslagern von Einführungsveranstaltungen ist ab 2012, wenn das neue Uni- Gebäude fertig ist, vielleicht nicht mehr notwendig.

Die Einführungsvorlesungen nennt Diplomand Niki Griller "Massenveranstaltungen, wo die Studenten abgefertigt werden. Das ist nicht das, was man sich wünscht, aber es fehlt auch an Infrastruktur und Geld", erklärt der Student, der sich vor der WU mit einer Kollegin getroffen hat. "Mehr oder weniger offiziell gibt es Knock-out-Prüfungen. Die hohe Drop-out Rate in den ersten Jahren ist aber nicht die Schuld der WU. Es kommen auch viele, die nicht wissen, was sie studieren sollen. Insofern funktioniert das System nicht schlecht. Im zweiten Abschnitt wird es dann besser." Auf einen Professor kommen 298 Studierende. So viele betreut ein einzelner Unterrichtender auf keiner anderen Uni.

"Niveau zu hoch"

Paul L. ist einer von jenen, die schauen möchten, ob ihnen BWL gefällt. "Ich finde es gut, dass es alle probieren können. Bei Medizin hat man nicht einmal diese Chance", sagt er, bevor er aus dem Austria Center zur U1 läuft.

Anderer Ansicht ist eine Studentin, die nicht namentlich genannt werden möchte: "Ich bin für die Zugangsbeschränkungen", sagte sie - und erklärt auch, warum: "Weil die ersten Prüfungen bestimmt arg sein werden." Sie habe gehört, dass das Wissensniveau, das verlangt werde, "viel zu hoch ist".

Zwei junge Frauen, die währenddessen ein paar Kilometer weiter in der WU-Aula ihre Prüfungsergebnisse vergleichen, geben den Erstsemestrigen einen Tipp auf den Weg: "Man muss immer gut informiert sein". Mangelnde Information sei eine "versteckte Zugangsbeschränkung. Es gibt Kurse mit beschränkten Plätzen, die man erst besuchen kann, wenn man bestimmte Prüfungen hat, die nicht zum Pflichtprogramm gehören. Der Kurs, in den man will, ist aber Muss. Das kann gemein sein". (Marijana Miljkovic/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Oktober 2007)

  • Für 5600 angehende Betriebswirte im ersten Semester 
sind die WU-Lehrsäle längst zu klein.
    foto: standard/hendrich

    Für 5600 angehende Betriebswirte im ersten Semester sind die WU-Lehrsäle längst zu klein.

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