Ein Riss durch die Geschichte

4. Oktober 2007, 23:37
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"Söhne" dokumentiert komplizierte deutsche Familienverhältnisse - Weiters von Volker Koepp: "Holunderblüte"

Einen Mann wie Rainer Paetzold gibt es in einem gut organisierten Land wie Deutschland selten. Er weiß weder, wie er eigentlich heißt, noch, wo und wann er geboren ist. Die Geburtsurkunde teilt er sich mit Jerzy Choinacki aus Heidelberg, der eigentlich Joachim Rainer Paetzold heißt, aber lange Jahre in Polen gelebt hat. Es gab eine Zeit, sagt Rainer Paetzold, "da gab es mich gar nicht".

Es sind Lebensläufe wie diese, in denen die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ihre konkrete Gestalt bekommt, und es sind Filme wie Volker Koepps Söhne, in denen diese Lebensläufe aus den ideologisierten Debatten um das Schicksal der "Vertriebenen" befreit werden. Auf der Viennale wird in diesem Jahr von Volker Koepp außerdem noch Holunderblüte gezeigt, ein Film über die Stadt Kaliningrad (Königsberg), der in die Reihe seiner Landschaftsporträts (Kurische Nehrung, Pommerland ...) gehört.

In Söhne erzählen fünf Männer, alle schon über sechzig Jahre alt, eine komplizierte Familiengeschichte, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Westpreußen beginnt und sich von dort aus über Polen und Deutschland erstreckt. 1938 wurde Klaus Paetzold in Danzig geboren, zwei Jahre später sein Bruder Wolf auf dem Gut Heinrichshof unweit der Ostsee. 1942 kommt Hans Friedrich zur Welt und 1944 schließlich noch ein Bruder, Joachim Rainer.

Der Vater ist im Krieg, die Mutter lebt mit dem Großvater und den Kindern auf dem Gut. 1945 trifft sie unter dem Druck der Ereignisse eine folgenreiche Entscheidung: Sie flüchtet mit den zwei ältesten Jungen nach Westen. Die beiden jüngeren Söhne bleiben zurück - das ist der Riss, der durch diese Geschichte geht.

Noch 1945 kehrt Elisabeth Paetzold in einer waghalsigen Aktion zwischen den Linien der vorrückenden Roten Armee illegal nach Polen zurück, um nach ihren Söhnen zu suchen. Sie findet Rainer, kommt vorübergehend ins Gefängnis, kann aber schließlich mit dem wiedergefundenen dritten Kind nach Westdeutschland zurück. Es dauert viele Jahre, bis sich erweist, dass Rainer der "falsche Sohn" ist. In diesen Jahren ist er aber ein richtiger Paetzold geworden, der perfekte kleine Bruder, wie Wolf sich erinnert.

"Falscher" Bruder

Mühsame Behördenarbeit stellt nach dem Krieg die Familienverhältnisse allmählich richtig: Hans Friedrich lebt unter dem Namen Stanislaw Loskiewicz in Warschau, Joachim Rainer (Jerzy) ist seinen Brüdern irgendwann nach Baden-Württemberg gefolgt und hat dort wieder geheiratet. Volker Koepp beginnt Söhne mit einem symbolischen Bild: Fünf Männer braucht es, um einen uralten Kastanienbaum auf dem Gut Heinrichshof in Celbau zu umfassen. Die vier "natürlichen" Stammhalter würden dazu nicht ausreichen, es braucht den "falschen" Rainer.

Der Film bleibt auf charakteristische Weise offen in Hinsicht auf Milieutheorien und Abstammungsideologien: Bei allen fünf Paetzolds sind Ähnlichkeiten und Eigenheiten gleich verteilt, die beiden älteren Brüder, die im wohlhabenden Südwesten Deutschlands aufwuchsen, teilen habituelle Eigenschaften, die beiden polnischen Paetzolds scheinen einander stärker zu ähneln - die Versuchung liegt nahe, aus Physiognomien die Geschichte lesen zu wollen, der Film bestärkt dagegen aber gerade die Skepsis.

Wirklich gemeinsam haben die "Söhne" vor allem, dass sie anscheinend vollständig ohne Ressentiment sind. Wenn Volker Koepp nicht wesentliche Elemente ausgespart hat, dann bilden diese fünf Männer, von denen einige gute Gründe hätten, sich von der Geschichte benachteiligt zu fühlen, eine versöhnliche kleine Gemeinschaft.

Der Film Söhne besteht fast ausschließlich aus Interviews und Schauplätzen, ganz sparsam setzt Volker Koepp die wenigen historischen Fotografien ein - das Panorama, das sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart und bis in die Enkelgeneration hinein dabei entfaltet, ist enorm detailreich und anschaulich und bestätigt den Regisseur als einen der großen Geschichtsschreiber in Deutschland. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

"Söhne": 26. 10. Künstlerhaus 21.00, Wh.: 27. 10. Metro 13.30

"Holunderblüte": 23. 10. Urania 18.30, Wh.: 25. 10. Metro 16.00

  • Wider Erwarten eine "versöhnliche kleine Gemeinschaft": Mutter Paetzold und ihre "Söhne".
    foto: viennale

    Wider Erwarten eine "versöhnliche kleine Gemeinschaft": Mutter Paetzold und ihre "Söhne".

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