Auf der Seite der Unsichtbaren

5. Oktober 2007, 00:12
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Beklemmende Einsichten in die prekären Lebensbedingungen palästinensischer Schwarzarbeiter: "9 Star Hotel"

"Malon 9 Kohavim" ist ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm des Israelis Ido Haar.


Eilig huschen die Gestalten, einer hinter dem anderen, über die mehrspurige Autobahn. Sie verschwinden kurz im Wald, erklimmen ein felsiges Gelände, um schließlich an der notdürftig aus Pappkartons, Zeltplanen und allerlei Gerümpel zusammengebauten Unterkunft anzukommen, in der sie essen, sich ausruhen und übernachten werden. "Unser 9-Sterne-Hotel" sei das, meint einer der Männer später einmal sarkastisch - und liefert damit dem Dokumentarfilm von Ido Haar den Titel.

9 Star Hotel / Malon 9 Kohavim befasst sich mit palästinensischen Schwarzarbeitern, die am Ausbau der israelischen Planstadt Modi'in mithelfen, deren Grundstein erst im Jahr 2002 gelegt wurde. Ido Haar, ein Israeli, der aus der Gegend stammt, konnte das Vertrauen der Illegalen gewinnen und hat deren Alltag über einen längeren Zeitraum begleitet. Die meisten von ihnen sind jung, vermutlich kaum über 20, und schuften hier für wenig Geld, immer in der Angst, von der Polizei entdeckt zu werden.

Echo des Krieges

Der anhaltende Konflikt zwischen Israel und Palästina ist in 9 Star Hotel nie ausdrücklich das Thema, aber angesichts der symbolträchtigen Konstellation des Films natürlich indirekt beständig präsent. Jeder Dialog zwischen Ahmed, Muhammad und seinen Kumpels ist daher immer mehr als nur ein Dialog zwischen Schwarzarbeitern; man wartet förmlich darauf, dass sie allgemeinpolitische und ideologische Standpunkte berühren, ein Disput unter ihnen entsteht oder ein Streit ausbricht.

Bemerkenswert wird der Film aber gerade dadurch, dass er solche Erwartungshaltungen enttäuscht. Das macht ihn umso politischer: 9 Star Hotel ist ein Dokument des nackten Lebens, in dem Ansichten nicht überprüft, sondern aufgedeckt werden. Ohne Interviews zu führen, als stiller und geduldiger Beobachter, vollzieht Haar die Gespräche unter den Protagonisten mit. Dabei geht es um elementare Dinge: Wie gefährlich die Arbeit am Bau sein kann; wie man sich gegenseitig stützt; oder wie man sich die nähere Zukunft ausmalt.

Verfahrene Lage

Vor allem hinsichtlich des letzten Punkts machen sich die Männer kaum noch Illusionen. Doch wann immer es um Politik geht, fehlen eilfertige Schuldzuweisungen. Es überrascht, wie ausgewogen die jungen Palästinenser die Situation in Israel wie auch jene im eigenen Land beurteilen. "Wenn man eine Katze in ein Zimmer sperrt, verwundert es nicht, wenn sie einen anspringt." - Die bildliche Sprache tut ein Übriges, um den Eindruck zu erhärten, dass man sich mit der verfahrenen Situation abgefunden hat.

Dennoch scheint sich die Lage der Arbeiter noch weiter zu verschlechtern. Bei einer Razzia bricht sich Ahmed auf der Flucht das Bein, kurze Zeit später verliert einer seiner Freunde das Bewusstsein und muss in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Quartier weggebracht werden, weil er in kein israelisches Krankenhaus eingeliefert werden kann. Immer öfter sind es aber auch nur die Gesichter am nächtlichen Feuer, die traurig, ja hoffnungslos erscheinen.

Es ist eine kluge Entscheidung Ido Haars, die Gegenseite dafür nur als unpersönliche Macht aufscheinen zu lassen, die aus dem Dunkel zugreift. Einmal bewegt sich ein Trupp Polizisten auf der Suche nach Schwarzarbeitern auf Fahrrädern am Filmteam vorbei und ermahnt es, leise zu sein. Zu viel mehr Kontakt kommt es nicht. Der Film hat eine Seite im Blick, und dabei bleibt es auch. Als die Polizei später zugreift, geraten auch die Bilder entsprechend unscharf.

"Wir sind wie die Oliven, die am Ende der Ernte übrig bleiben", sagt einer der Palästinenser am Ende des Films ganz treffend. 9 Star Hotel legt so eindrucksvoll wie unpolemisch Zeugnis ab für den Prozess einer Marginalisierung, der immer noch kein Ende gefunden hat. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

23. 10. Urania 16.00
  • Auch ein Sonnenschirm schützt vor starkem Regen: Einer der illegalen Arbeiter in Ido Haars Dokumentarfilm "9 Star Hotel", die sich aus dem Abfall der Israelis ein provisorisches Heim gebaut haben.
    foto: viennale

    Auch ein Sonnenschirm schützt vor starkem Regen: Einer der illegalen Arbeiter in Ido Haars Dokumentarfilm "9 Star Hotel", die sich aus dem Abfall der Israelis ein provisorisches Heim gebaut haben.

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