Still sein gilt nicht mehr

4. Oktober 2007, 23:08
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US-Schauspielerin Jane Fonda ist, von ihrer Präsenz beim Eröffnungsfilm "Klute" an, der Stargast der Viennale 2007

Das Festival würdigt damit eine vielseitig engagierte Persönlichkeit, die auch abseits der Leinwand Komplexität und Ambivalenz von "Stardom" verkörpert.


Im Jahr 1981 veröffentlicht die französische Schauspielerin Delphine Seyrig einen Dokumentarfilm mit dem Titel Sois belle et tais-toi, "Sei schön und halt den Mund". Eine Sammlung von Gesprächen mit rund zwei Dutzend Kolleginnen - Juliet Berto, Ellen Burstyn, Louise Fletcher, Maria Schneider, Viva, Anne Wiamzemsky, u. v. a. -, die Seyrig über einen längeren Zeitraum in Frankreich und den USA geführt und gefilmt hatte.

Es geht im Sinne eines kollektiven Erfahrungsberichtes um die vielfältigen Diskriminierungen, Bevormundungen oder Demütigungen, denen sich Leinwanddarstellerinnen bei ihrer Arbeit ausgesetzt sehen - und um das Entwickeln möglicher Perspektiven. Auch Jane Fonda spricht darin in fließendem Französisch von ihrer "Produktwerdung". Als sie 1977 mit Vanessa Redgrave unter der Regie von Fred Zinnemann (und auch am Drehort Wien) Julia drehte, da sei das wie eine Befreiung gewesen: Plötzlich sei es um Frauen gegangen, "deren Antrieb Ideen waren und nicht irgendeine Liebesgeschichte".

Körperkult

Auch Jane Fonda wird die längste Zeit ihrer Karriere über ihren Körper, als Schauwert definiert. Kein Wunder eigentlich, dass sie später Aerobic populär macht und heute für Hautcremes wirbt; wenn man das Image und den Körper nicht los wird, dann sollte man wenigstens in eigener Sache Kapital daraus schlagen (oder mit dem Geld linke Oppositionspolitik finanzieren).

Nicht erst ihr (erster) Ehemann, der französische Regisseur Roger Vadim, macht aus Jane Fonda ein Sexsymbol - er macht sie höchstens zur Blondine. Schon ein Foto aus ihrem Filmdebüt, Joshua Logans Collegekomödie Tall Story aus dem Jahr 1960, zeigt Fonda im Ultra-Mini eines Cheerleaders - die Ehe mit dem Sportstar der Schule ist deren Traum.

In ihrem zweiten Film, dem Melo Walk On the Wild Side (Edward Dmytryck, 1962) wird sie dann nicht zum letzten Mal als so genanntes leichtes Mädchen besetzt. Auch in René Clements hinterfotziger Charade Les félins (Wie Raubkatzen, 1964) entpuppt sich die anfangs in züchtigem Schwarz und mit Kopftuch Auftretende als berechnende Verführerin. Vor einem männlichen "Opfer" räkelt sie sich in Endlosspiegelung lasziv in ihrer weißen Unterwäsche. Und mit dem Comic-Popmärchen Barbarella (Vadim, 1968) erlangt sie schließlich als außerirdische Sexgöttin Kultstatus.

Es wirkt also wie ein ironischer Kommentar, wenn Fonda in Alan J. Pakulas Thriller Klute (1971) eine Schauspielerin spielt, die ihr Geld als Callgirl verdient und gegenüber ihrer Analytikerin konstatiert, dass ihre Performance auf diesem Gebiet ihre beste Leistung als Schauspielerin darstelle. Tatsächlich können Rollen wie die genannten nämlich Fondas Fähigkeiten und ihre handwerkliche Leistung nicht untergraben. Und in der Ambivalenz von gesellschaftlichen Outcasts liegt schließlich auch ein Moment der Freiheit, das Fonda erkannte und durchaus zu nutzen verstand.

Ein weiterer Aspekt, der die Wahrnehmung und das Bild der Schauspielerin prägt, ist ihre Herkunft. Jane Seymour Fonda wird 1937 als Tochter des Hollywoodstars Henry Fonda und seiner zweiten Frau Frances geboren. Nach ihrem Schulabschluss studiert sie einige Zeit am renommierten Vassar College, sie geht nach Paris, versucht sich als Malerin. Zurück in New York, schreibt sie sich als Kunststudentin bei der Arts Students League ein, jobbt als Model. Und eher beiläufig, angeblich auf Vorschlag der gleichaltrigen Susan Strasberg, belegt sie schließlich Ende der 50er-Jahre Kurse im Actors' Studio von Susans Vater Lee.

Den Schauspielerinnenberuf wird sie bis Ende der 80er-Jahre relativ kontinuierlich ausüben. 1990 markiert Stanley & Iris (Regie: Martin Ritt), in dem sie einem Eigenbrötler (verkörpert von Robert de Niro) das Schreiben beibringt, das vorläufige Ende dieser Laufbahn.

Erst 2005 kehrt sie nach langer Pause auf die Leinwand zurück. Allerdings muss sie sich als Monster-in-Law in der Rolle einer sprichwörtlichen bösen Schwiegermutter weit unter Wert als klischeehafte Witzfigur verkaufen. Ihr nächster Film, Georgia Rule, dagegen scheint eher eine Rückkehr zu jenen Filmen mit gesellschaftspolitischen Themen anzudeuten, die einen zweiten prominenten Strang in Fondas Oeuvre bilden (von They Shoot Horses ... über Coming Home bis zu China Syndrome und anderen).

Die dritte "Karriere" der Jane Fonda nämlich, die wie bei vielen Altersgenossinnen in den 1960er-Jahren beginnt, ist jene einer Polit-Aktivistin, einer prominenten Galionsfigur für unterschiedlichste Anliegen. "Ich begann mich als eine Art Verstärker zu begreifen", nennt sie es im Interview mit Katja Nicodemus, das im Viennale-Katalog nachzulesen ist. Am wenigsten bekannt ist dabei ihr anhaltendes soziales Engagement etwa für Missbrauchsopfer. Am ausführlichsten dokumentiert (nicht zuletzt in den Akten des US-Geheimdienstes) und am nachhaltigsten im öffentlichen Bewusstsein verankert ist sicher ihr Einsatz gegen den Vietnamkrieg in den 70er-Jahren.

Fürsprecherin

Dafür - und im speziellen für ihre Reise zum "Feind" nach Nordvietnam - gilt sie noch heute manchen als "Landesverräterin". Und noch als sie im Januar dieses Jahres - mehr als dreißig Jahre später - im Rahmen einer großen Kundgebung für Frieden und gegen den Einsatz von US-Truppen im Irak in Washington ans Rednerpult trat, war ihr eine gewisse Vorsicht anzumerken. Ihr spezieller Dank galt all jenen Soldaten und deren Familien, die sich den Protesten angeschlossen hatten. Denn, so Fonda, "silence is no longer an option" - still sein gilt nicht. Und das kann man viel länger schon auch für ihre Entwicklung als Schauspielerin sagen.

Die Viennale zeigt eine Auswahl von zehn Filmen aus den Jahren 1965 ("Cat Ballou") bis 1981 ("On Golden Pond"). Eröffnet wird das Festival mit einer restaurierten Kopie von "Klute", Jane Fonda wird zur Gala in Wien erwartet. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

  • "Dass 'Barfuß im Park' von der Domestizierung der Heldin handelt, war mir damals nicht bewusst." Jane Seymour Fonda in den 60er-Jahren.
    foto: viennale

    "Dass 'Barfuß im Park' von der Domestizierung der Heldin handelt, war mir damals nicht bewusst." Jane Seymour Fonda in den 60er-Jahren.

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