Nah dran am Erwachsenwerden

4. Oktober 2007, 23:06
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Bettina Blümners Dokumentarfilm "Prinzessinenbad" beobachtet Berliner Teenager

Das Prinzenbad an der U-Bahn-Linie 1 in Berlin-Kreuzberg hat in der Regel ein bunt gemischtes Publikum. Hier tanken die Veteranen der Häuserkämpfe der Achtzigerjahre Sonne, türkische Jugendliche beiden Geschlechts tollen an den Becken herum, dazwischen versuchen Touristen, einen Tag wie Herr Lehmann aus dem populären Buch von Sven Regener zu verbringen.

Herr Lehmann, der studentische Taugenichts, war allerdings gestern. Heute gehört das Prinzenbad jungen Frauen wie Mina, Tanutscha, Klara, drei "Prinzessinnen", die mit Selbstbewusstsein und coolen Sprüchen ihre Verehrer auf Distanz halten.

Sie machen aus dem Prinzenbad ein "Prinzessinnenbad", der gleichnamige Dokumentarfilm von Bettina Blümner findet dort einen idealen Ausgangspunkt für ein Projekt, das dann allerdings auch weit in den Alltag dreier Berliner Teenager vordringt und eine Menge über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens herausfindet.

Der große Erfolg, den Prinzessinnenbad schon hatte, beruht wohl vor allem auf der Unmittelbarkeit, die er ausstrahlt. Dieses Gefühl von "nahe dran", das vom Fernsehen so häufig ausgebeutet wird, entsteht hier aus einer Intimität, die nie voyeuristisch wird. Mina, Tanutscha, Klara tun kaum einmal so, als wüssten sie nicht, dass die Kamera dabei ist. Sie verstellen sich aber auch nicht, wissen offensichtlich viel zu gut, dass Selbstdarstellung und Rollenbilder längst zum Leben gehören - Authentizität entsteht gerade aus der Aneignung von Identitätsmöglichkeiten.

Dabei sind Jugendliche in Kreuzberg nicht eben privilegiert. Der Bezirk hat eine schwierige Sozialstruktur. Mina, Tanutscha und Klara leben jeweils mit ihrer Mutter, manchmal wünschen sie sich einen Mann im Haus, und nicht immer ist es der, mit dem die Mutter gerade ausgeht.

Mina ist die beste Schülerin, sie hat eine stabile Beziehung: George, ihre große Liebe, plant während des Drehs gerade eine Reise, die Mina Trennungsschmerz bereitet. Tanutscha hat die größte Klappe. Sie ruft gern bei Partnerbörsen an und lässt die Jungs ein wenig stammeln, dann sagt sie ihnen die Meinung.

Klara hat schon einige Lektionen hinter sich: Sie hat ein kleines Delikt verübt, nun muss sie Sozialdienst machen, auch der Wiedereinstieg in die Schule gestaltet sich schwierig. Prinzessinnenbad ist unterhaltsam und auch viel Show, dabei aber doch ein genuiner Dokumentarfilm von heute. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

20. 10. Gartenbau 17.30; Wh.: 21. 10. Künstlerhaus 13.30
  • So sehen Kreuzberger Prinzessinnen aus - Bettina Blümner erkundet in "Prinzessinnenbad" den Alltag dreier junger Frauen von heute.
    foto: viennale

    So sehen Kreuzberger Prinzessinnen aus - Bettina Blümner erkundet in "Prinzessinnenbad" den Alltag dreier junger Frauen von heute.

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