Soll und Habenwollen

4. Oktober 2007, 22:36
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Altern, tragikomisch: "Avant que j'oublie" von Jacques Nolot, Autor, Regisseur, Hauptdarsteller

Pierre ist sechzig Jahre alt. Er ist Autor, lebt alleine in Paris. Ab und an sind ihm junge Männer gegen Bezahlung zu sexuellen Diensten. Er trifft alte Freunde und sucht regelmäßig seinen Analytiker auf.

Pierre ist seit über zwanzig Jahren HIV-positiv. Sein langjähriger Partner Toutoune ist kürzlich gestorben, dessen Angehörige haben ihn um das ihm zugedachte Erbteil und um persönliche Erinnerungsstücke betrogen. Der Alltag wird beschwerlicher. Die Medikamente schlagen auf die Libido und auf die Potenz. Einmal lehnt sich Pierre weit vornüber aus seinem Dachfenster hinaus, wie zur Probe.

Avant que j'oublie, "bevor ich vergesse", heißt Jacques Nolots gelassene, mit feinem Humor und leichter Melancholie entworfene Erzählung von den Kalamitäten des Alterns. Kalamitäten im Allgemeinen, aber auch im individuellen Fall des schwulen Kettenrauchers, wenn etwa das nächtliche Überwinden von verschlossenen Toren zu "cruising areas" zunehmend beschwerlich wird oder die körperliche Attraktivität unter dem Älterwerden leidet.

Nolot, der den Film geschrieben und inszeniert hat, spielt selbst die Hauptrolle. In den 60er-Jahren zog der französische Charakterdarsteller nach Paris und lernte im Zuge seiner Ausbildung zum Schauspieler unter anderem André Techiné kennen. Für dessen Filme verfasste er in späteren Jahren Drehbücher (La Matiouette; J'embrasse pas) und fungierte als Darsteller (Hôtel des Amériques; Rendez-vous; Les Roseaux sauvages; Ma saison préférée u. a.). Auch Claire Denis' Kurzfilm La robe à cerceau basiert auf einem Manuskript des Hauptdarstellers, in anderen Filmen der Regisseurin absolvierte er regelmäßig kleine Gastauftritte.

Vier seiner teils autobiografisch gefärbten Bücher hat Nolot bisher selbst verfilmt. Avant que j'oublie ist der letzte Teil einer Trilogie. Und das Kino, zentraler Ort in La Chatte à deux têtes (2002), dem Vorgängerfilm, bildet hier noch einmal den Rahmen für eine pointierte abschließende Selbstinszenierung.

Bevor es jedoch so weit ist, hat der Held noch einiges aufzulösen. Und bevor man vergisst, schreibt man es lieber auf. Oder: man bilanziert. Folgerichtig handelt Avant que j'oublie auch ganz konkret von der Ökonomie der Beziehungen und des Gefühlshaushalts. (Selten wird in Filmen so viel mit Geldscheinen hantiert wie hier.) Früher hat sich Pierre selbst von einem älteren Mann aushalten lassen, jetzt ist er gewissermaßen um eine Position vorgerückt. Der Besuch eines Gigolos kostet zwischen 50 und 100 Euro, das Honorar des Analytikers beläuft sich in etwa auf dieselbe Summe. Die materiellen Reste der gemeinsamen Vergangenheit mit Toutoune finden sich schließlich im Katalog eines Auktionshauses inventarisiert.

Das alles beschreibt Nolot denkbar unsentimental und schnörkellos, dabei aber mit einer raren, angenehmen Unverblümtheit, die gerade deshalb überrascht (und wirkt), weil die Inszenierung - die Kamera bleibt auf Distanz, die Montage ruhig, die Szene immer wieder im Halbdunkel - nicht mit spekulativen Einblicken operiert. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

24. 10. Stadtkino 18.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
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