Produktivkraft Liebe: Die Kunsthalle Wien zeigt "True Romance"

9. Oktober 2007, 17:20
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Ein dunkelrotes Kabinett, voll von allerfeinsten Belegen für die Höhen und Abgründe der Liebe

Jedenfalls bleibt quer durch die Epochen und Medien klar: Liebe macht Bilder.


Wien - Immer wenn die Liebe zu Papier gebracht wird, ist sie weit weg, meistens schon zu weit weg. Francesco Petrarca war seine Laura fern, und also hat er sich ans Dichten gemacht, den Präraffaeliten konnte die jeweils Liebste überhaupt nicht weit genug weg sein. Galt es doch in den höchsten aller ästhetischen Sphären zu leiden. Am besten also die Liebste war tot, eine bezaubernde Wasserleiche im kalten Mondlicht. (Jetzt bitte nicht nur an John Everett Millais' Ophelia denken, sondern gleich auch an Kylie Minogue und Nick Cave, Where the Wild Roses grow summen, ein paar Tränen zerquetschen und die schwarzen Gedanken zu einer Spirale nach ganz tief unten formieren!)

Tim Noble & Sue Webster wissen ebenfalls Bescheid: So groß die Sehnsucht auch ist, dass Amors Pfeil nicht mehr vorbeifliegt, wenn er dann trifft, kommt es letztlich doch immer zum Toxic Shock, blutet das flammende Herz rasch in ein tiefes Schwarz aus. Ähnlich gesehen haben Marina Abramovic und Wolfgang Ulay die stets aussichtslose Lage: Sie hält den Bogen, er spannt die Sehne und richtet den Pfeil auf ihr Herz. Löst sich die Spannung, ist alles vorbei: Rest Energy.

True Romance - Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute zeigt die Kunsthalle Wien in Kooperation mit jener zu Kiel und dem Münchner Museum Villa Stuck. Epochen wie medienübergreifend hat man Geschichten zum ewigen Thema versammelt, schöne, unschöne, traurige, solche, in denen die Endlosigkeit der Liebe über das (angeblich) schnöd Sinnliche triumphiert, neben solche gehängt, die Liebe als hübsche Ausprägung des gemeinen Alltags zeigen. Wie sie wirklich ist, weiß keiner. Man kann aber Richard Prince total verstehen, wenn er die Liebe nackt in einem westlich gelegenen Hinterhof ausgestreckt auf einer Harley nimmt, anstatt wie Paolo Fiammingo der Liebe vom 16. Jahrhundert an (wahrscheinlich bis heute) in einem entrückten Garten der Leidenschaften aufzulauern.

Egal, Liebe provoziert seit je schon haufenweise Kunst. Und dafür allein schon kann man ihr nur dankbar sein. Kunst zum Gerne-Sehen, Kunst zum Sich-selbst-Verlieren bzw. Wiedererkennen. Wer wäre nicht gern Adonis, wer würde nicht gerne François Bouchers heimliche Botschaft empfangen, wer läge nicht gern in irgend jemandes starken/zarten Armen? Sicher, man kann Enrico Davids rabiate Wut auf Amors Pfeil detailgetreu nachvollziehen, hat selbst schon mehrmals mitgeschrieben an der History of the Fracturing of the Hope, und genauso gut kennt man das trostlose Noch-Nebeneinander im Morgengrauen über einer zerwühlten Bettstatt, auf der soeben die endgültig letzte gemeinsame Nacht vollzogen wurde. (In der Schau großartig trist durch Nan Goldin, der Meisterin der schwarzen Augenringe, festgehalten).

Aber letztlich ist die Liebe ja auch etwas Lustiges, sie produziert die wunderbarsten Her-zerln und hält die Arbeit in den Ateliers der Welt in Schwung. Und im Notfall kann man ja doch nichts dafür: Wen sie trifft, den trifft sie eben. Und was früher noch ein Pfeil angerichtet hat, machen heute ein paar Tropfen von Carsten Höllers Phenylovethylamour aus. Es gibt immer was zum Irrational-Werden, zum Briefeschreiben etwa: Jenice Kerbel hat in ihrem Brief Standardanfang und -schluss festgelegt: Dearest, Dearest ... Forever X.

True Romance macht Freude! Wieso? Da wurden keine Formen mit akademischer Gewalt zum Migrieren durch die Epochen gezwungen, da wurden einfach Exkurse gemacht, da wurde eine feine Wunderkammer voll von Herz und Schmerz installiert. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2007)

Bis 3. 2. 2008
  •  Von der Gefahr der Zwischenmenschlichkeit: Marina Abramovic/ Ulay, Still aus "Rest Energy", 1980, Video.
    foto: marina abramovic/ulay, vbk, wien, 2007

    Von der Gefahr der Zwischenmenschlichkeit: Marina Abramovic/ Ulay, Still aus "Rest Energy", 1980, Video.

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