Schülerschreck und Schweinderl: Zwei Filmporträts
Was haben wir nicht alle gelitten unter den unfassbar altbackenen Schulfilmen der Bundesstaatlichen Hauptstelle für Lichtbild und Bildungsfilm. Wie das schon klang! Generationen von Schülern hätten durchatmen können, hätte Kurt Palm damals schon seines Amtes gewaltet – als eine Art Kreuzung zwischen Sepp Forcher und Marcel Prawy, denen er, wie er selbst sagt, stets abnahm, was sie erzählten. Und Palm nimmt man es erst recht ab. Was der Mann nicht alles weiß (oder sich charmant angelesen hat) über den oberösterreichi_schen Dichter Adalbert Stifter, einen weiteren Schülerschreck ersten Ranges. Palm selbst hat bei Witiko kapituliert, viele Gymnasiasten schon beim Nachsommer.
Doch nach diesem Film ist nichts mehr wie vorher, und Stifter ist als vielschichtige Persönlichkeit mit allerlei Macken (sein sehr starker Hang zum guten Essen etwa) rehabilitiert. In einer Tour de force vom Böhmerwald nach Linz, Wien, Triest und wieder retour wird Stifters Leben und Wirken (buchstäblich) re-konstruiert und analysiert – von den Briefen an die "innigstgeliebte Gattin" bis hin zur verhärteten Leber, die ihm schließlich, wie der prominente Gerichtsmediziner Hans Bankl anschaulich erklärt, zum Verhängnis wurde. Da wird gekocht, vermessen, rezitiert (von Obdachlosen, Schulkindern und Hermes Phettberg) und revidiert, dass es nur so eine Freude ist. Und Palms Begeisterung ist ansteckend. Definitiv die "Auferstehung des Adalbert Stifter".
Weil sich das Konzept irgendwie bewährt hatte, nahm sich Kurt Palm bald darauf ein größeres Kaliber vor: Exakt zwölf Monate vor dem unsäglichen gleichnamigen Jahr kam Palms höchst amüsanter und "ungewöhnlicher" Mozart-Film in die Kinos. Der Wadenmesser ist nach einem frivolen Gesellschaftsspiel des 18. Jahrhunderts benannt, bei dem man den Damen, die zwar viele Röcke, aber keine Unterwäsche trugen, ein wenig näher kommen konnte. Dass Mozart ein kleines Schweinderl war, in Worten und Taten, ist bekannt. Hier wird es genüsslich zelebriert, und so entsteht – alphabetisch nach Kapiteln geordnet – ein kompaktes Sittenbild abseits des offiziellen Geniekults. Aber auch Mozarts Verzweiflung, seine Sorgen, seine bedenklichen "Zustände" – all das kommt im Wadenmesser zur Sprache. Meister Palm, wie schon im Stifter-Film in legerer Sommerkleidung mit Strohhut, hat sich viel vorgenommen, und so kommt auch viel vor: Animationen, Dokumentarisches, Medizinhistorisches (über den Aderlass), Gruseliges (über Mozarts Schädel), Lehrreiches (über die Mär vom Armenbegräbnis), ein Schuss Universum, ein bisschen Theaterzauber und – Highlight – eigens vertonte Mozartbriefe (großartig: eine HipHop-Version von Texta), das alles mit Palm’schem Enthusiasmus vorgetragen und mit totalem Körpereinsatz, wie beim Tauchgang in der Donau, umgesetzt. So schön sollte Schulunterricht immer sein. (Andreas Ungerböck, langjähriger Viennale-Mitarbeiter, Herausgeber des Filmmagazins "ray")

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