Lesen für Leser

6. Oktober 2007, 17:00
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Weinlese für den Topwein Le Pin in Pomerol: Luzia Schrampf griff zur Leseschere und erlebte, wie die Wein-Oberliga ihre Trauben erntet

Die Merlot-Trauben in Pomerol hängen auf Kniehöhe, was die Ernte nicht unbedingt bandscheibenfreundlich gestaltet. Die sicherste Methode, nicht beim Chiropraktiker zu landen, ist, vor jedem Rebstock respektvoll in die Knie zu gehen. Das macht am Ende des Tages ein Pensum von einigen hundert Kniebeugen. Gelesen werden Trauben, die in den nächsten Monaten zu "Le Pin" und "Vieux Château Certan" 2007 werden. Für eine Flasche Certan des wohl beleumundeten Jahres 2000 werden zwischen 100 und 150 Euro gezahlt. Le Pin dieses Jahrgangs ist nicht unter 2200 Euro pro Stück zu haben. Also noch ein Grund, in die Knie zu gehen.

Die Reben, welche die Familie Thienpont, die Eigentümer der beiden Weingüter, in diesen Septemberwochen lesen lässt, erfahren entsprechend edle Behandlung. Mit romantischem Lesetourismus, bei dem man unangestrengt ein paar Stunden lang Trauben runterzwickt, hat die Ernte hier nichts zu tun. Die 30 Leute der Lesetruppe sind Profis: Sie werken rasch und äußerst präzise, wenn Nicht-Einwandfreies ausgesondert werden soll. Viele arbeiten auch für andere Betriebe. Niemand macht ein Hehl daraus, dass man den Lohn braucht und dass man dafür lieber dort erntet, wo nicht nur der Wein, sondern auch Stimmung und Verpflegung gut sind. Dass die Eigentümer dabei persönlich Hand anlegen, wird als "vachement sympathique" vermerkt.

Von beiden Seiten "behandelt"

Am Mittagessen nehmen fast alle teil, obwohl es über die Arbeitszeit gegenverrechnet wird. Was es zu essen gibt, ist - wie auch der Lohn - nach dem SMIG, einer Art Kollektivvertrag, gesetzlich geregelt: Aufgetragen werden Vorspeisen wie Pastete und Cornichons oder eine deftige Suppe, die obligatorische Fleischspeise ist ein Eintopf mit Schweinefleisch, Gemüse und Reis. Dazu gibt's Salat und Käse, danach Dessert mit Kaffee. Die Wassergläser werden für Saft, Kaffee und Wein gleichermaßen verwendet. Auch für den Topwein des Hauses, der aus Jahrgängen wie 1993, 1996 oder 1989 einfach auf den Tischen verteilt wird.

Was im Weingarten auf den ersten Blick wie ein wild herumlaufender Haufen erscheint, ist durchchoreographiert. Matthieu, im Leben außerhalb der Erntezeit Weingutmanager, ist der Regisseur der Lese und gibt bei jeder Parzelle seine Direktiven aus. Jede Rebstockreihe wird an ein Arbeiter-Duo vergeben, ein Neuling wie die Berichterstatterin einem erfahrenen Pärchen zugeteilt. Die Rebstöcke werden von beiden Seiten "behandelt", wer zuerst fertig ist, arbeitet dem anderen entgegen. Ein gewisses Risiko besteht, dabei die Finger seines Gegenübers zu erwischen. Passiert erfahrenen Pflückern aber selten.

Nur wenige Neue sind in der alters- und geschlechtsmäßig wie auch sozial buntest durchmischten Truppe. Whisky ist schon seit einigen Jahren dabei, ein kleiner, schwarzer und äußerst speediger Hund, der Joseph, einem der älteren "piqueurs" gehört und von dem er sich "nie trennen würde". Einige junge Frauen exponieren sich unverdrossen plaudernd und Trauben schneidend in der prächtigen Herbstsonne, um Bräune zu schinden. Ist ein Korb voll, sammelt ein "porteur", ein Träger, den Inhalt ein: Die Burschen legen mit zwanzig Kilo und mehr auf dem Rücken täglich einige Kilometer zwischen den Arbeitenden und dem Traktoranhänger zurück, auf dem der Sortiertisch aufgebaut ist. Die Schulterhenkel sind dick mit Schaumstoff umwickelt, manche polstern auch den Rücken. Der Bütteninhalt wird kopfüber auf eine vibrierende Fläche gekippt, auf der trockene Blätter, Stängel, Spinnen und andere Insekten rausgebeutelt werden.

Puzzleteilchen bei der Weinwerdung

Dann geht es weiter auf den Sortiertisch. "Wegen der Genauigkeit", so die Erklärung, ist Sortieren Frauenarbeit. Der Sortiertisch, eine teure Hightechmaschine, ist der Flaschenhals der Ernte. Jede Traube, jede lose Beere muss über das Förderband. Vier bis fünf Frauen an jeder Seite klauben konzentriert acht Stunden täglich und loben das Material des heurigen Jahres. Sie haben viel Erfahrung, erkennen Unreife mit einem Blick und riechen auch etwaige Fäulnis äußerlich einwandfreier Trauben.

Die Lese ist eines von vielen Puzzleteilchen bei der Weinwerdung. Und sie ist Schwerarbeit. Je weniger Zeit zwischen dem Abschneiden von der Versorgungsleitung Rebstock bis in den Maischetank verrinnt, desto besser ist es - optimale Reife und beste Gesundheit der Beeren vorausgesetzt. Hier, auf dem Plateau von Pomerol wird großteils per Hand gearbeitet, auch wenn sich die Ernte mit Maschinen wie sie in Médoc schon lange üblich ist, mehr und mehr durchsetzt. Die Feinheiten der Selektion, die sich auch wirtschaftlich niederschlagen, machen den Unterschied - von der Lese-Abfolge der Parzellen über den Sortiertisch bis zum separaten Ausbau kleinster Chargen, um die Qualitäten beobachten zu können und Nicht-Spitzenweinwürdiges auszuscheiden. Aber genau das darf man sich in dieser Liga auch erwarten. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/05/10/2007)

  • Auf den schottrigen Böden dieses  unauffälligen Weingartens wachsen  die Trauben für einen der rarsten und  teuersten Tropfen der Welt.
    luzia schrampf

    Auf den schottrigen Böden dieses unauffälligen Weingartens wachsen die Trauben für einen der rarsten und teuersten Tropfen der Welt.

  • Rund 30 Menschen arbeiten wochenlang daran, die Trauben möglichst gesund und  unversehrt in den Keller zu bringen,  der übrigens viel mehr "low tech" ist,  als der Stahl vielleicht vermuten lässt.
    foto: luzia schrampf

    Rund 30 Menschen arbeiten wochenlang daran, die Trauben möglichst gesund und unversehrt in den Keller zu bringen, der übrigens viel mehr "low tech" ist, als der Stahl vielleicht vermuten lässt.

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