Mystizismen und Profanes: Neo-Folkie Devendra Banhart

12. Oktober 2007, 15:42
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Das Aushängeschild des seit einigen Jahren prosperierenden Folk-Revivals veröffentlicht "Smokey Rolls Down Thunder Canyon"

Ob man sich von Devendra Banhart den Schlafsack ausborgen möchte? Schwierig. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist dieser blütenrein, und die einzige Unverträglichkeit dürften keine den Dermatologen beschäftigende Kleinstlebewesen, sondern ein Patchouli-Geruch von in der Nähe abgebrannten Räucherstäbchen sein. Oder auch das Odeur von lecker Rauchgras. Ja, so viel Klischee muss hier erlaubt und strapazierbar sein. Immerhin handelt es sich bei dem in Texas geborenen und in Venezuela aufgewachsenen Banhart um das Aushängeschild des seit einigen Jahren prosperierenden Folk-Revivals, und sein Spiel mit nicht nur Äußerlichkeiten aus der hohen Zeit des Hippietums lassen derlei Gedanken nicht nur zu, sie provozieren sie nachgerade: von wegen Rauschebart wie der späte Jim Morrison und eine Hemdenmode wie von Jerry Garcia und Timothy Leary in Koproduktion entworfen. Und auch noch Hippies als Eltern!

Dieses Revival brachte nicht nur jede Menge junge und neue Folkies erstmals ans Licht der Öffentlichkeit, auch alte, oft (fast) schon vergessene Großmeister und Großmeisterinnen wie Vashti Bunyan, Bert Jansch oder die nebenan besprochene Joni Mitchell wittern in diesem Klima der Rückbesinnung auf filigrane Folk-Spielarten und eine sympathische bis irrlichternde "Spiritualität" eine Chance, wieder größere Aufmerksamkeit zu erfahren. Auch die Toten werden in dieser Stimmung geehrt, wie etwa die beiden im Vorjahr wieder aufgelegten Meisterwerke von Karen Dalton zeigten. Dazu kommt eine junge Generation, die im stromlinienförmigen Getöse vermeintlicher Alternativen keine Heimat für sich und ihre Kunst findet, für diese aber größere Visionen pflegt, als bloß gängige, Erfolg versprechende Schablonen auszufüllen: Malen nach Zahlen als Musik? Fuck off!

Etwa die entrückte Joanna Newsom mit ihrem radikal umgesetzten, in virtuelle Schäfchenwolken gezupften Harfen-Folk, Vetiver, CocoRosie und viele mehr. Und eben Devendra Banhart, dieser Charlie Manson ohne Blutdurst, den man für all die Klischees, die er in Zeiten, in denen einem die von ihm getragenen Accessoires und Textilien in jedem Fetzenladen ideologiebefreit nachgeschmissen werden, so treuherzig verkörpert, natürlich auch genussvoll hassen könnte.

Dabei ist der Mann ja längst schon weiter - wie sein mittlerweile fünftes Album, das nun erschienene Smokey Rolls Down Thunder Canyon, zeigt. Neben klassisch anmutenden Folksongs, also rituell akustisch instrumentierten Stücken, die oftmals mit surrealen Wortgirlanden und herbeifabulierten Mystizismen aufwarten, die man von einem Hippie mit Mitteilungsdrang erwarten kann, spielt sich Banhart mithilfe zahlreicher Gäste auch durch üppig arrangierte Songs wie etwa Saved. Ein Stück, das wegen seines Refrains -"saved by the fire" - und dem Gospelchor im Hintergrund ein wenig an das Musical Hair erinnert, aber dann doch intensiver umgesetzt und mit Herzblut gefüllt wird. Darauf folgt mit Lover - einem Rocker, zu dem das Publikum des Woodstock-Festivals einst auch schon abgetanzt haben könnte - Profanes: "I want you to climb all over me, try my fruit and taste my seed." Aber hallo!

In diese musikalische Kerbe schlägt auch Seahorse, das sich vom gezirpten Kiffergeständnis "I'm high and happy / and I'm free" in eine schwer rockende Crosby-Stills-Nash-&-Young-Nummer auswächst - David Crosby stand auf Banharts Wunschgästeliste, konnte aber nicht. Sympathisch auch die seltsamen Calypso-Salsa-Samba-Spielarten, die Banhart einstreut und für die es in ihrer stilistischen Verschrobenheit einst den hübschen Begriff "Exotica" gab. Tatsächlich klingen manche dieser Songs wie der Sound aus einer Hotelbar im Acapulco der 50er-Jahre, der schon am frühen Nachmittag den ihren ersten Cocktails zusprechenden US-Touristen als akustische Kulisse zu Diensten sein musste. Nett.

Ansonsten ist gegen das Werk nur einzuwenden, dass es mit über 70 Minuten Spieldauer doch zu lang ist. Gegen Ende hin dünnt sich Smokey ... ziemlich aus. (Karl Fluch / RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2007)

  • Devendra Banhart: Smokey Rolls Down Thunder Canyon   (XL-Records/Edel)
    albumcover: edel

    Devendra Banhart: Smokey Rolls Down Thunder Canyon (XL-Records/Edel)

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