Lockstoff

4. Oktober 2007, 17:00
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Haar ist wie Kleidung: verschönt, nervt, fällt auf - Ein Bildband zeigt die ganze Fülle der Hornfäden

Der Punk, der Skinhead, der Hippie. So unterschiedlich ihr Kopf, so gleich ihr Anspruch, den sie über Äußeres transportieren wollen: Protest. Nun hat diese Form des haarigen Protests schon so lange Kultur, dass sie längst selbst verbürgerlicht, selbst konventionell geworden ist. Doch sie zeigt: Mit Haarmode bewegt man sich nicht nur an der Oberfläche. Die mehr oder minder langen Fäden aus Horn transportieren mitunter Bewusstsein. In die Tiefe gehen wollte auch Fotografin Herlinde Koelbl, als sie sich zu ihrem jüngsten Langzeitprojekt entschloss.

Sechs Jahre lang richtete sie Blick und Kamera auf Kopf, Bein, Scham, Finger, Rücken - eben alle Spielarten von Haar, das ja, aus der Nähe betrachtet, eigentlich nur eine Eiweiß-Kette von Aminosäuren plus Schwefelkohlenstoff-Verbindung ist. Aber eben eine ganz besonders schmucke Kette. Eine, die Frauen und Männern gleichermaßen stark am Herzen liegt, wie Koelbl herausfand, auch wenn die Kosmetikindustrie das weibliche Haar stärker im Griff, Pardon, Blick hat. Die 1939 in Lindau geborene Fotografin ist wahrlich keine Unbekannte: So beeindruckte sie etwa 1999 mit der Porträtstudie "Spuren der Macht", für die sie acht Jahre lang deutsche Politiker und Wirtschaftsleute fotografisch begleitete.

Gute und schlechte Haare

Die Ergebnisse ihrer neuesten Studie versammelt nun der Bildband "Haare" (Hatje Cantz, 159 Abbildungen, 40,90 Euro) sowie die gleichnamige Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Im März 2008 zieht die Ausstellung nach München. "Mir ging es nicht um Haare als Ausdruck von Kosmetik", sagt Koelbl. "Ich wollte weg von der Oberfläche und die tiefere Bedeutung des Themas ergründen, die ja auch in Gedichten und Geschichten erzählt wird."

Weshalb es ihr zu eindimensional gewesen wäre, hätte sie nur Kopfhaar abgebildet. Gerade weil Mode, weil Kleidung all jene Haare verdeckt, die uns auch freuen oder plagen, die wir pflegen oder aber zupfen, sollten sie alle ans Licht. Raus aus dem Dunkel von Hose, Shirt, Slip.

In der Summe bedeutet dies beim Betrachten der Koelbl'schen Bilder: Es gibt gute und schlechte Haare. Und ja, Haare können Ekel erzeugen. Selbst wenn sie schön fotografiert sind. Wobei da die Konnotation von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein mag. Der eine findet einen ungewöhnlich starken Flaum auf Babys Rücken entzückend. Der andere stellt sich vor, wie dies bitte schön bei einem erwachsenen Mann aussehen wird - und hat prompt die köstliche Szene aus "Sex and the City" vor Augen, wo sich der kahlköpfige Zukünftige von Charlotte für eine Poolparty schmerzhaft den Rücken enthaaren muss. Bei Koelbl begegnen uns neben kunstvoll frisierten Haarknoten oder üppig verlockenden roten Locken auch üppig schwarz behaarte Frauenbeine oder kunstvoll tätowierte Schamgegenden. Dem Vorwurf der Beliebigkeit, warum etwa eine Frau vor und nach der Chemotherapie ebenso gezeigt wird wie eine Barbiepuppe, entgegnete Koelbl: Es ging ihr um die Bandbreite. Um die künstlerische Annäherung, mittels unterschiedlicher fotografischer Formen. Und eben um die zwei Gegenpole, zwischen denen Haar verstrickt ist. Die wunderbare Schönheit, die verlockende Verführung sowie alles Schlechte, das die An- und Abwesenheit von Haar für uns bedeuten kann.

Eine hinreißende Hymne aufs Haar, das nicht da ist, hat, diese Abschweifung sei erlaubt, der antike Dichter und Bischof Synesios von Kyrene in seiner Schrift "Lob der Kahlheit" vollbracht. Er vergleicht die kugelrunden Planeten - für die Griechen die höchste Form der Schöpfung - mit dem kahlen, runden Kopf des Mannes, dem "zur endgültigen Reife" gelangten. Was den Dichter zur waghalsigen Überlegung bringt, ob wohl dann nicht auch Gott eine Glatze ... "Vielleicht ist auch das Göttliche selbst von dieser Art."

Eine Geschichte wie diese gefiele Herlinde Koelbl. Geisterten ihr doch durch den rotgelockten Kopf lauter Märchen und Mythen. Wie die Haarstorys von Rapunzel, von Samson und Delila, der Voodoo-Zauber um Haarballen oder die Tradition des Brautschleiers. Der entwickelte sich übrigens aus der Vorstellung, Bräuten mit offenem Haar drohe Unglück fürs Erstgeborene. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/05/10/2007)

Hinweis: Ausstellung "Haare" bis 18. November im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. In Tirol zeigt die Stadtgalerie Schwaz Arbeiten der Fotografin in "Die Kunst des Alterns".
  • Vorhang auf für die Ketten  von Aminosäuren, geläufigerer Name: Haare. In Herlinde  Koelbls gleichnamigem  Bildband gibt's allerlei  Spielarten von Haarmode.
    foto: verlag

    Vorhang auf für die Ketten von Aminosäuren, geläufigerer Name: Haare. In Herlinde Koelbls gleichnamigem Bildband gibt's allerlei Spielarten von Haarmode.

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