Alles Jute

4. Oktober 2007, 17:00
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Lange wurde das Jutesackerl als eine Art Müslibeutel verlacht - Jetzt macht man sich eher ohne zum Gespött - Über die sympathischste Tasche der Saison

Noch in den 90er-Jahren packte man seine sieben Sachen notfalls lieber in ein Billa-Sackerl als in einen Jutesack. Zu leicht lief man mit dem beigen Stoffquadrat Gefahr, im sozialen Abseits zu landen - irgendwo in der Assoziationskette zwischen Achselhaar und Jesuslatschen. Das Jutesackerl wurde als Müslibeutel verlacht. Doch über Nacht hat sich das Blatt gewendet: In fashionerfahrenen Kreisen macht man sich jetzt eher ohne zum Gespött.

Jute- oder Baumwollsackerl gibt es inzwischen in allen Variationen - in der Designerversion von Stella McCartney, als Wohltätigkeits-"Feed Bag" von Präsidentengattin Laura Bush und als Motto-T-Shirt-Ersatz, bedruckt mit Sprüchen wie "Luxus statt Plastik", "Du Buy" oder "Neue Heimat". Hatte das Jutesackerl bisher immer den Scheitelpunkt zwischen neuem Ökoschick und altem Ökomuff markiert, ist es jetzt selbst ganz und gar Trend - wenngleich nicht in jeder Variante.

"We are what we do"

Mit einem billigen Exemplar aus dem Supermarkt macht man sich unter Connaisseuren noch immer nicht beliebt. Am besten greift man gleich zum Original: dem restlos ausverkauften Baumwollsackerl der Designerin Anya Hindmarch mit Henkelgriff und Aufdruck, "I'm not a plastic bag". Jenes Sackerl, das bei Ebay inzwischen zu 400 Pfund gehandelt wird, löste den Hype Anfang des Jahres aus. Die Idee war im Kern nicht schlecht: 2006 hatte die Londoner Umweltorganisation "We are what we do" eine Aktion gegen den drastischen Verbrauch von Plastiktaschen in englischen Supermärkten initiiert. Um den Verbrauchern eine nachhaltige, wieder verwendbare Einkaufstasche schmackhaft zu machen, kooperierte die Umweltorganisation mit der Taschendesignerin Anya Hindmarch, normalerweise auf schicke It-bags spezialisiert.

Das Stoffsackerl wurde als clevere Alternative zur Ressourcen verschwendenden Plastikversion in Supermärkten zum Preis von 7,50 Pfund verkauft. Und vermutlich hätte das niemanden weiter interessiert, hätte Hindmarch ihr Sackerl nicht im Frühjahr noch auf der Londoner Fashion Week präsentiert.

Verletzte beim Erstverkauf

Die anwesenden Lohas waren begeistert - jene neuen Grünen, deren Gattungsbezeichnung für "Lifestyle of Health and Sustainability" steht, also für gesundheits- und umweltbewussten Lebensstil. Als die ersten Promi-Lohas wie Keira Knightley, Sienna Miller oder Lily Allen mit dem Hindmarch-Sackerl auftauchten, brachen sämtliche Verkaufsdämme. Eine limitierte Auflage von 20.000 Stück, die aufgrund der großen Nachfrage von Hindmarch im Alleingang ohne "We are what we do" in den Supermarkt-Filialen von Sainsbury's verkauft wurde, war sofort vergriffen. Ebenso in den USA, Tokio, Mailand und Irland. Wahre Volksaufmärsche löste das Sackerl aus. In Hongkong kam es schließlich zum Eklat: Vor dem Geschäft, in dem Hindmarch erneut eine limitierte Auflage verkaufen wollte, hatten schon in der Nacht zuvor hunderte vor dem Eingang gecampt. Wenige Stunden vor Ladenöffnung standen bereits 2000 vor der Tür.

Als die Manager des Geschäfts aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht öffnen wollten, geriet die wütende Menge in Rage, brüllte "Macht den Laden auf!" - schließlich löste die Polizei die Versammlung der "Fashion Victims" auf. In Taipeh soll es beim Erstverkauf sogar Verletzte gegeben haben. Konsumrausch statt Konsumverzicht. Gedacht war das einmal anders.

Das erste Jutesackerl brachte in Österreich 1978 die damals noch junge Im- portorganisation EZA (Entwicklungszusammenarbeit) auf den Markt. Sie kämpfte für eine bessere Welt und wollten zum ersten Mal überhaupt ein Bewusstsein für Umweltthemen und gerechten Welthandel in der breiten Bevölkerung schaffen. Gewissermaßen war das Jutesackerl da ein Geniestreich: Man holte die Leute bei ihrer Lieblingsbeschäftigung ab, dem Einkaufen, und brachte mit dem einfachen Aufdruck "Jute statt Plastik" schon einmal das halbe Argument auf den Punkt: Verbrauche weniger Ressourcen!

Jute stinkt

Über die Folgen des Welthandels lernten die Menschen dann mittels Infobroschüren, die jedem Sackerl beilagen. Sie erfuhren, dass die Taschen von Näherinnen in Bangladesch gefertigt wurden und dass Hilfe zur Selbsthilfe der richtige Weg war.

Das Sackerl wurde zusammen mit dem Nicaragua-Kaffee zum Wahrzeichen der Alternativbewegung - bis es in den 80er-Jahren durch die Konkurrenz der Baumwollsackerl verschwand. Die Witze über das Jutesackerl gingen aber schon vorher los, vielleicht, weil Jute nun einmal stinkt. Später war wohl auch der "Grüne Punkt" ein Faktor, weshalb niemand mehr an der Tasche hing. Plastik ist ja seitdem recyclebar! Da hält sich das schlechte Gewissen in Grenzen.

Eines guten Gewissens brauchen sich aber auch die Hindmarch-Sackerlträger nicht zu rühmen: Die Tasche wird aus konventioneller Baumwolle in chinesischen Fabriken hergestellt. Welche Arbeitsbedingungen dort herrschen und wer dort überhaupt arbeitet - zum Beispiel Kinder - will Anya Hindmarch nicht sagen. Nur so viel: Sie habe ja nie behauptet, dass ihre Tasche in irgendeiner Hinsicht ökologisch korrekt sei.

Wenn das gute Jutesackerl im nächsten Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, wird sich die Zahl der Gratulanten also wohl in Grenzen halten. Mit großer Wahrscheinlichkeit klemmt den neuen Umweltschützern dann schon längst wieder eine sündhaft teure Louis-Vuitton-Clutch unterm Arm. (Barbara Höfler/Der Standard/rondo/05/10/2007)

  • Dieses Sackerl löste den Jute-Hype aus. Zu bekommen ist es höchstens noch auf Ebay.
    foto: designerin

    Dieses Sackerl löste den Jute-Hype aus. Zu bekommen ist es höchstens noch auf Ebay.

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