Jung, ledig, gläubig

4. Oktober 2007, 11:36
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Nicht alle, die ein Kopftuch tragen, werden dazu gezwungen: Amira Al Tamimi und Jasmin Saad tragen es gern

Wien - Dass ihnen zu einem Thema einmal gar nichts einfällt, können sie selbst kaum glauben. An sich haben die beiden nämlich immer eine Antwort parat. "Ui!" ruft Amira Al Tamimi und beginnt leise zu kichern. Das Gesicht von Jasmin Saad, die neben ihr sitzt, verfinstert sich für einen Moment, dann ruft sie: "Na, wir würden einfach im Ausland studieren!" Die zwei quirligen jungen Frauen sitzen im Innenhof der Haupt-Uni und erholen sich, auf einem Bankerl sitzend, von den Strapazen der ersten Uni-Tage. "Genau, so würden wir es machen", sagt Al Tamimi, lehnt sich zurück und blinzelt zufrieden in die Herbstsonne. Problem gelöst. Damit wäre die Frage, ob die beiden Freundinnen sich im Ernstfall eher für ihre Ausbildung oder ihre Religion entscheiden würden, ein für alle mal geklärt.

Ohne Kopftuch zur Uni zu gehen mögen sich Al Tamimi und Saad nämlich nicht vorstellen. Sollte es, wie von feministischer wie rechter Seite zuletzt gefordert, in Österreich tatsächlich einmal ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden geben, würden sich die beiden in Wien geborenen Germanistikstudentinnen kurzerhand ins Ausland verabschieden.

"Das muss jede für sich selbst entscheiden"

Vor gut einem Jahr haben sich Al Tamimi (19) und Saad (21) dazu entschlossen, ihre eigenen vier Wände nicht ohne Kopftuch zu verlassen. "Je mehr ich mich mit meiner Religion beschäftigt habe, umso größer wurde der Wunsch, ein Kopftuch zu tragen", sagt Al Tamimi. Ihre Eltern sind beide muslimisch, der Vater Palästinenser, die Mutter Österreicherin und vor Jahren zum Islam übergetreten. Allerdings trugen weder Al Tamimis noch Saads Mutter jemals Kopftuch. Für die beiden Töchter kein Problem: "Das muss jede Frau für sich selbst entscheiden."

Al Tamimi und Saad passen nicht in das medial verbreitete Bild der armen, unterdrückten Migrantentöchter, die von ihren Eltern der Tradition wegen unters Kopftuch gezwungen werden. Sie sind gebildet, selbstbewusst, aufgeklärt und tragen die Kopfbedeckung aus Überzeugung. Schief angeschaut werden sie selten, sagen sie, auch an der Uni habe man sie bisher stets korrekt behandelt. "Das Kopftuch schützt uns davor, belästigt zu werden".

Mädchen fügen sich

Nicht alle jungen kopftuchtragenden Zuwanderertöchter gehören dieser neuen Generation gläubiger Musliminnen an, die sich aus eigenem Antrieb auf die religiösen Wurzeln ihrer Familie besinnen. Viele junge Mädchen werden von ihren Eltern zum Kopftuchtragen gedrängt. Oft fließen dabei Tränen, weiß Meltem Weiland, Beraterin bei "Orientexpress", einer Anlaufstelle für Frauen mit Migrationshintergrund. "Die meisten Eltern lassen da leider auch nicht mit sich reden, und dem Mädchen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu fügen." Ein gewisser Zwang sei immer dabei, jedenfalls, so lange die Mädchen minderjährig seien. "Mit 15 kann man das noch nicht selbst entscheiden."

Das sieht Bülent Öztoplu, Sozialarbeiter und langjähriger Leiter des Integrationsprojektes "Echo", ähnlich. "Durch die Poralisierung zwischen Islam und dem Rest der Welt wird der Druck auf junge Muslime größer. Es gibt zwei 'Wirs', dazwischen ist wenig Individualität möglich." (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 4.10.2007)

  • Germanistik-Studentinnen Amira Al Tamimi und Jasmin Saad: "Wenn wir das Kopftuch an der Wiener Uni nicht tragen dürften, würden wir im Ausland studieren".
    foto: standard/hendrich

    Germanistik-Studentinnen Amira Al Tamimi und Jasmin Saad: "Wenn wir das Kopftuch an der Wiener Uni nicht tragen dürften, würden wir im Ausland studieren".

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