Spray-Wand und Puffbesuch

7. Oktober 2007, 20:38
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Der Anpfiff zur Fußball-EM rückt näher – doch die konkrete Gestaltung eines entsprechenden Kulturprogramms steht noch in den Sternen

Die Initiative "plattform 32" hat ein Konvolut von Ideen für den Spielort Wien erarbeitet: ein Aufruf zur "Partizipation".

Wien – Die Gastgeberfreuden, die Österreich als Ko-Austragungsland der Fußball-EM 2008 absehbar erwarten, übersteigen zur Stunde noch die rein sportliche Zuversicht. Für den Standort Österreich werden Wertschöpfungseffekte von 321 Millionen Euro sowie Kaufkrafteffekte von 263,4 Millionen Euro prognostiziert. Immerhin 5395 Jobs soll der Tanz um das runde Leder (7. bis 29. Juni) zusätzlich generieren.

Besagte Zahlen, die zum volkswirtschaftlichen Frohlocken Anlass geben, werden von der Planungsfirma Österreich am Ball verbreitet. Zu deren operativen Leitern Michael Palme und Alois Grill gesellt sich mit Jürgen Weißhäupl ein Kurator für Kunst- und Kulturprojekte hinzu: Natürlich möchte die Alpenrepublik als kulturelles Schwergewicht mit Weltgeltung punkten. Die "UEFA EURO 2008" werde via Bildschirm Gott Fußball "nicht zuletzt auch als kulturelle Praxis" erweisen, die in der Lage sei, "einstige nationale Antagonismen in friedlichen sportlichen Wettstreit zu verwandeln und zentrale Werte der europäischen Gesellschaften zu vermitteln".

Besagte Schlüsselwerte (darunter "Toleranz, Verständigung, Fairness, solidarisches Handeln in Gruppen") wurden freilich nicht von Österreich am Ball, sondern von einer eigenen Projektgruppe auf Konzeptpapier gebannt. Die Kuratoren Uwe Mattheiß und Kristian Koller werben auf eigene Faust für die Event-Schiene plattform 32. Wobei sich letztere Doppelziffer auf die Anzahl der Lederflicken auf einem handelsüblichen Turnierfußball bezieht.

Schwer durchdringlich mutet, rund acht Monate vor Anpfiff, das Kompetenzdickicht der mit der kulturellen Programmabwicklung befassten Stellen an. Österreich am Ball, als Firmenschöpfung ein Kind der vorletzten Bundesregierung, besitzt ein Budget von acht Millionen Euro. "Leidenschaft" soll von der Clearingstelle geweckt werden – in der Besetzung des öffentlichen Raums liegt ihr Daseinszweck. Die ordentliche Entfaltung eines satisfaktionsfähigen Kulturprogramms erscheint aber, abseits von Absichtserklärungen und guten Worten, noch einigermaßen ungeklärt.

Die Macher von plattform 32 bestätigen Gespräche: Ihr ehrgeiziges Kunstprogramm zielt auf die Erschließung Wiens ab – mit sieben Spielen im Happel-Stadion, darunter immerhin dem Finale, der bestgenutzte Turnierschauplatz.

Der auf vier Ebenen angesiedelte Veranstaltungsreigen für Wien folgt daher auch einem ausgesprochenen Mitmachkonzept. Angestrebt wird die ehrgeizige Markierung des Stadtraums als Ort zeitgenössischer "sozialer Alltagspraxis". Es sollen nicht bloß die geläufigen Adressen der Kulturindustrie beworben, sondern echte "Partizipationsmuster" entwickelt werden. Hinter derlei Soziologie-Sprech verbirgt sich ein dicker Packen anregender und sogar erheiternder Events: Unter logistischer Nutzung der digitalen Medienangebote sollen zum Beispiel Werbespots gedreht werden – natürlich von Künstlern, die die vorgeprägte Bildästhetik der "UEFA-Sponsoren" lustvoll unterlaufen. Handyvideos sollen am kunstplatz-karlsplatz gesammelt und ins Web gestellt werden.

Über alle Programm zieht sich ein feines Netz aus Anspielungen auf Wettbewerbssituationen: An der plattform 32, der auch Macher wie Tomas Zierhofer-Kin (Donaufestival) oder Christine Standfest (theatercombinat) zuarbeiten, besticht der Wille zum "Verlustausgleich". Soll heißen: Fan-Gruppen, aber auch hiesige Migranten sollen mit Lust und Frust der jeweiligen Ergebnisbewältigung spielerisch konfrontiert werden.

So werden gebrochene Fan-Herzen mit der Aussicht versöhnt, in eigenen "Emotionszonen" Jubel und Leid als Graffiti-Sprayer auszutoben – auf eigenen Kunststoffbahnen, die ihrerseits gesammelt und montiert werden. Bekannte Walzerthemen sollen neu komponiert und in die öffentliche Beschallung eingespeist werden. Kochteams aus Teilnehmerländern könnten gegeneinander antreten.

Heikel die Orientierung des Projekts "Nobelpuff": Im Stuwerviertel (2. Bezirk), das für seinen Straßenstrich berüchtigt ist, sollen "Geschäftsanbahnungen" simuliert und ein "öffentlicher Erlebnisraum kreiert" werden – gegen "Ressentiment und nationalistische Körper- und Biopolitik!" Eine Art Nachspiel eben. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10.2007)

  • Haben ein Programm für die EURO 2008 erarbeitet: Uwe Mattheiß (li.) und Kristian Koller im Happel-Stadion.
    foto: standard / fischer

    Haben ein Programm für die EURO 2008 erarbeitet: Uwe Mattheiß (li.) und Kristian Koller im Happel-Stadion.

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