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Senf ist ein scharfes, aber wichtiges Gewürz. Ohne Senf schmecken Würstel und Leberkäse nicht, Senf verfeinert kaltes Fleisch und so manchen langweiligen Salat. Senf alleine allerdings ist ungenießbar, nur als Gewürz, als Sänfte für das Hauptgericht, ist er unverzichtbar.
Senf wird aus Körnern hergestellt - oder vom Menschen abgesondert. Und seit es Internet und Foren gibt, kann dieser menschliche Senf auch öffentlich gegeben werden. Es gibt ja ein beachtliches Mitteilungsbedürfnis und die Internetforen ermöglichen es jedem Senfseligen, seine Schwadronade in die Welt hinaus zu drücken. Da werden Texte dezent englisch verfeinert oder mit bayrisch braunem Mostrich angeschmiert. Manchmal brennt mir aber auch der Nachgeschmack im Mund, Postings sind die moderne Form des mittelalterlichen Prangers, jeder, der nur will, kann seine scharfe Senfschelte auf alles schmieren.
Alleine beim fast senffarbenem Standard langen täglich bis zu 12.000 Postings ein, schreiben Nicknames wie Sepp Schilehrer, das entzückende Stinktier, Brecheisen, coldturkey, antistaberl, senfgurke, oachlkas oder so ein Topfen ihre Kommentare. Am öftesten hat bislang ein Helmut Huber gepostet, über 54.000 mal, ihm folgen Byron Sully mit 33.000 und skip it mit 30.000 Postings. Da es diese Möglichkeit erst seit April ´99 gibt, heißt das mehr als zehn Postings pro Tag. Wie geht das? Was machen diese Senffabriken sonst? Wird da zwischen Aufstehen und Zähne putzen mal eben kurz gepostet? Früher gab es Stammtische zur Senfentledigung, heute Internetforen.
Der und die Standard.at, die wohl wichtigste Internet-Plattform Österreichs, befinden sich in einem ausgebauten Dachgeschoß mitten in der Wiener Innenstadt, wo 80 Leute neben der redaktionellen Arbeit auch noch den täglichen Sermon der Leser, man sagt User, prüfen müssen. Da diese Arbeit nicht zu leisten ist, hilft ein eigens entwickelter Foromat, ein Senf-Prüfprogramm, das unverdächtige Postings (70 Prozent) freischaltet und den Rest, dessen Inhalt möglicherweise beleidigend, obszön, Larifari oder sonst wie nicht zu tolerieren ist, an die Redaktion leitet, die dann entsprechend der Forums-Richtlinien entscheidet, freischaltet oder löscht. Der Redakteur sieht vom User nur den Nickname und die Freischalt-Quote. Hansruedi Hugentobler ist die Nichtfreigabe mit 61 Prozent (ca. 370) seiner Beiträge passiert, mullahfan-allergie mit 46 Prozent (fast 1000).
Postings, die Wörter wie Vollkoffer, beschissen, blöd, entjungfert oder geil, Abschaum, Hitler, Gutmensch oder Sitzpinkler enthalten, lässt der Foromat nicht durch. Gleiches passiert, wenn Roma vorkommt, auch wenn damit die AS, der Fußballclub aus Rom, gemeint ist. Einen Zensor aber gibt es nicht, nur den jeweiligen Redakteur, der je nach Tagesform entscheidet, ob ein vom Foromat als bedenklich ausgewiesenes Posting nun erscheinen darf, was bei dieser Fülle alles andere denn einfach ist, bewegen sich doch viele Postings just im Grenzbereich, kommen die absonderlichsten Statements, die krudesten Behauptungen ebenso wie intelligente sinnvolle Bemerkungen und berechtigte Kritik. Geschmack ist sehr persönlich – auch beim Senf, auf den ich nicht nur bei meinen Textwürsten nicht mehr verzichten will. Also Bravo, weiter so. Her mit dem Senf! (Franzobel, derStandard.at, 5. Oktober 2007)
Zur Person: Franzobel, Jahrgang 1967, zuletzt erschienen: "Liebesgeschichte. Ein Roman", Zsolnay Verlag.
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Franzobel hat ganz recht. Ich werde in Zukunft meinen (wie ich eingestehen muss - oft unwichtigen) Senf dezenter abgeben oder besser gleich darauf verzichten. Mit der gesparten Zeit kann man sicher viel sinnvollere Sachen angehen. Also Ciao liebe ehemalige Poster-KollegInnen.
ach lieber Alex sei doch nicht so angerührt,es ist doch nicht der Sinn der Postings immer was so furchtbar Sinnvolles zu schreiben,es ist einfach so wie beim Quatschen,da kommt doch auch dummes Zeug zur Rede und trotzdem ist es irgenwie entspannend.ich danke der Standard Redaktion für dieses Forum,jeder User ginge mir ab.Zuviel Selbstzensur ist schädlich,also Auf WIEDERLESEN:
Wir wollen die Sache doch einmal ganz illusionslos betrachten:
Die Postings sind ein ganz wesentlicher Attraktor - APA-Meldungen kann man woanders auch und oft auch früher als hier lesen; die Anmerkungen und die daraus erwachsenden Dialoge/Polyloge gibt es in der Zahl und Lebendigkeit und auf einem in Summe doch recht hohen Niveau aber nur hier.
Das Beste daran - für die Herausgeber: Die User generieren selbst und gratis den Content, der viele Leser erst hierher lockt. Das zur Wiederkehr motivierende Bewertungssystem treibt die "Page Impressions" und damit die "Clickrate" zusätzlich in die Höhe - denn darum geht es im Grunde und primär: Um die Steigerung der Zugriffszahlen, damit die Anzeigentarife möglichst hoch gestaltet werden können.
Quasi fällt er durch meinen persönlichen Foromaten. Weil dieser vom Inhalt dieses Beitrags (oder ist es als Posting gedacht?) auf den Inhalt seiner zugeordneten Literatur schließt. So grausam kann softwaregestützte Contentanalyse sein, gelt lieber Hr. FZ.
...solange der schein gewahrt wird...alles liberal und
und konformistisch..lässt sich mit grips umgehen..
Motiv der Hausregeln durchaus berechtigt,aber
aufpassen, daß"weil nicht sein kann was nicht sein darf" Hauptmotiv wird!..
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