Her mit dem Senf oder die totale Demokratie

von Redaktion  |  05. Oktober 2007, 18:13
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    Franzobel jongliert gerne Wörter und entdeckt in Internet-Foren frisches Spielmaterial. (Zeichnung: Ander Pecher)

  • Text von Franzobel als Audio-File.

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    Was früher der Stammtisch, ist heute das Internet-Forum. Fest auf die Tube drücken befreit.

Franzobel über die Postings auf derStandard.at, ab­son­der­lichste Statements und intelligente Be­mer­kungen - Mit Audio-File

Senf ist ein scharfes, aber wichtiges Gewürz. Ohne Senf schmecken Würstel und Leberkäse nicht, Senf verfeinert kaltes Fleisch und so manchen langweiligen Salat. Senf alleine allerdings ist ungenießbar, nur als Gewürz, als Sänfte für das Hauptgericht, ist er unverzichtbar.

Senf wird aus Körnern hergestellt - oder vom Menschen abgesondert. Und seit es Internet und Foren gibt, kann dieser menschliche Senf auch öffentlich gegeben werden. Es gibt ja ein beachtliches Mitteilungsbedürfnis und die Internetforen ermöglichen es jedem Senfseligen, seine Schwadronade in die Welt hinaus zu drücken. Da werden Texte dezent englisch verfeinert oder mit bayrisch braunem Mostrich angeschmiert. Manchmal brennt mir aber auch der Nachgeschmack im Mund, Postings sind die moderne Form des mittelalterlichen Prangers, jeder, der nur will, kann seine scharfe Senfschelte auf alles schmieren.

Alleine beim fast senffarbenem Standard langen täglich bis zu 12.000 Postings ein, schreiben Nicknames wie Sepp Schilehrer, das entzückende Stinktier, Brecheisen, coldturkey, antistaberl, senfgurke, oachlkas oder so ein Topfen ihre Kommentare. Am öftesten hat bislang ein Helmut Huber gepostet, über 54.000 mal, ihm folgen Byron Sully mit 33.000 und skip it mit 30.000 Postings. Da es diese Möglichkeit erst seit April ´99 gibt, heißt das mehr als zehn Postings pro Tag. Wie geht das? Was machen diese Senffabriken sonst? Wird da zwischen Aufstehen und Zähne putzen mal eben kurz gepostet? Früher gab es Stammtische zur Senfentledigung, heute Internetforen.

Der und die Standard.at, die wohl wichtigste Internet-Plattform Österreichs, befinden sich in einem ausgebauten Dachgeschoß mitten in der Wiener Innenstadt, wo 80 Leute neben der redaktionellen Arbeit auch noch den täglichen Sermon der Leser, man sagt User, prüfen müssen. Da diese Arbeit nicht zu leisten ist, hilft ein eigens entwickelter Foromat, ein Senf-Prüfprogramm, das unverdächtige Postings (70 Prozent) freischaltet und den Rest, dessen Inhalt möglicherweise beleidigend, obszön, Larifari oder sonst wie nicht zu tolerieren ist, an die Redaktion leitet, die dann entsprechend der Forums-Richtlinien entscheidet, freischaltet oder löscht. Der Redakteur sieht vom User nur den Nickname und die Freischalt-Quote. Hansruedi Hugentobler ist die Nichtfreigabe mit 61 Prozent (ca. 370) seiner Beiträge passiert, mullahfan-allergie mit 46 Prozent (fast 1000).

Postings, die Wörter wie Vollkoffer, beschissen, blöd, entjungfert oder geil, Abschaum, Hitler, Gutmensch oder Sitzpinkler enthalten, lässt der Foromat nicht durch. Gleiches passiert, wenn Roma vorkommt, auch wenn damit die AS, der Fußballclub aus Rom, gemeint ist. Einen Zensor aber gibt es nicht, nur den jeweiligen Redakteur, der je nach Tagesform entscheidet, ob ein vom Foromat als bedenklich ausgewiesenes Posting nun erscheinen darf, was bei dieser Fülle alles andere denn einfach ist, bewegen sich doch viele Postings just im Grenzbereich, kommen die absonderlichsten Statements, die krudesten Behauptungen ebenso wie intelligente sinnvolle Bemerkungen und berechtigte Kritik. Geschmack ist sehr persönlich – auch beim Senf, auf den ich nicht nur bei meinen Textwürsten nicht mehr verzichten will. Also Bravo, weiter so. Her mit dem Senf! (Franzobel, derStandard.at, 5. Oktober 2007)

Zur Person: Franzobel, Jahrgang 1967, zuletzt erschienen: "Liebesgeschichte. Ein Roman", Zsolnay Verlag.
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derbockerer
11.06.2009 10:58
Auf der einen Seite

wird behauptet Zensur gibt es nicht um im gleichen Satz zu schreiben dass ein Redakteur nach jeweiliger Form entscheidet. Dieser alles oder nichts Ansatz ist die übelste Form der Zensur. Wenn sie das Volumen nicht bewältigen können, was ich verstehen kann, dann überlassen sie die Entscheidung gänzlich dem 'Foromat'. Bitte keinen Holzhammer Redakteur, der sich sowieso nicht für die Postings interessiert.

adipös geworden
11.06.2009 10:27
Ziegelböhm in Verbindung mit Strache geht nicht durch!

Habe es gerade versucht.

le 24
23.09.2008 22:45
einfach

laecherlich

bg Le24

Artischocke 
22.08.2008 20:28
Einen Zensor aber gibt es nicht, nur den jeweiligen Redakteur, der je nach Tagesform entscheidet, ob ein vom Foromat als bedenklich ausgewiesenes Posting nun erscheinen darf

Also der Nahost-Redakteur hat heute glaube ich einen ziemlich schlechten Tag.

Bastian Balthasar Bux 
25.06.2009 18:53

PMS? ;)

Anschauungsunterricht Leben
25.05.2009 22:11
Und was wäre dann ein Zensor?

leitfaden
24.06.2009 16:19
nun, ein echter zensor wäre, wer von einer staatlichen organisation mit zwangsbefugnissen (der polizei etwa) dafür bezahlt würde,

"staatsfeindliche", "umstürzlerische", "aufrührerische", "revolutionäre", "liberale" oder auch nur "den staatschef beleidigende" äußerungen zu unterdrücken oder zu ahnden.

der red-on, der postings kontrolliert, übt das hausrecht des online-standard aus, postings zu löschen, die die medienrechtliche verantwortlichkeit des standard kompromittieren könnten oder die nicht den forenregeln (vergleichbar der hausordnung bei ihrem lieblingswirten) entsprechen.

einzelne redakteure des print-standard sind übrigens besonders empfindlich. der user erkennt dies und nimmt sie gandenlos auf die schaufel.

Der Apfel fällt nicht weit vom Ross
24.06.2009 10:51

Einer, der nur das macht (Postings freischalten) und nicht nebenbei hauptberuflich auch noch Artikel schreibt.

Bösmensch
08.09.2008 19:15
Endlich

Jetzt weiss ich endlich, welche Worte lt. Standard zum aussterben verurteilt sind. Das elektronische Rohrstaberl sozusagen. Und an die Senfsaat: Haltet euch ran neue Wörter zu erfinden, damit unsere Sprache nicht verarmt. Armloch zum Beispiel.

Hermann Weiler 
02.06.2008 20:32
Schade ist bloß,

dass viele Postings, die unbedenklich sind, niemals freigeschaltet werden. Auf der anderen Seite werden Postings veröffentlicht, die wirklich jenseitig sind.

Ich empfinde die Forummoderation eher als Hemmnis denn als Bereicherung.

G e o r g
22.06.2009 15:40

Wenn es keinerlei Moderation gäbe, würde das Niveau der Diskussion noch weiter sinken und das Forum zur Bühne für Verhetzung verkommen.

leitfaden
24.06.2009 16:20
wie man auf diestandard verfolgen kann...

Mihilist
26.03.2009 10:51
mein Tipp

Ich frag immer meine Mama, bevor ich poste. Ja, das ist recht lächerlich. Das Risiko, sich mit Postings lächerlich zu machen, müsste wohl jeder selber tragen können. Und ich kann auf mich selber aufpassen, dafür brauch ich noch keine Maschine und auch keinen Redakteur. Wenn ich was unzumutbar finde, kann ich das ja auch zum Ausdruck bringen. Und wer Senf nicht mag, soll halt Majo nehmen!

OidaOida 
24.04.2008 17:51
sieht der redakteur den inhalt des postings nicht?!

schön komische sache

Risotta M.
19.03.2008 15:38
Wer überall seinen Senf dazu gibt,

kommt schnell in den Verdacht, ein Würstchen zu sein.

WebObserver
07.12.2007 20:04
Boah

ich will diesen JOB !!!
Wie komm ich zu diesen JOB !!!
Ich würde irre gerne die Postings welche im Foromat hängengeblieben sind lesen und diese dann freigeben oder auch nicht.
Stell mir den Job zwar voll anstrengend aber auch voll spannend vor.

Am Boden der Badewanne ist ein tiefes, dunkles Loch 
26.03.2009 09:37

Und dieses prickelnde Gefühl absoluter Macht, hm?

amoruritme
09.10.2007 00:50
gibts irgendwo die ganze liste mit allen "bös-wörtern"?...

...oder wars das schon? ;-)

was das wort gudmänsch darauf verloren hat, versteh ich zwar nicht ganz - wird aber vl etwas mit der selbtimmunisierung der gewohnheitsmässigen rohrstaberl-denkpolizisten zu tun haben. in zusammensetzungen wie "guttmenschäntaliban" wird der foromatdas wort aber möglicherweise gar nicht identifizieren können?

njet - protest: so bitte nicht!

wenn, dann bitte echte beschimpfungswörter, nicht aber disk-verbote zu allerlei themen... >>> das wär schlecht, mensch : ist "schlechtmensch" auch verboten?

poldus feschus
15.10.2007 12:00
kommt drauf an,

wo, auf die Standard scheint auch Schuldstrafrecht verpoent zu sein

amoruritme
09.10.2007 01:10
oder ein wort, das ich herrn platter schenken möchte...

..."anti-mensch"?

amoruritme
09.10.2007 00:42
bewusst dem verbal-barbarismus auf derartigen foren gegensteuern?

es kann wohl nicht sein, dass allgemeines stillschweigendes einverständis darüber herrscht, dass alle zwischenmenschlichen rücksichnahme-regeln nicht mehr gelten, sobald man in schmutziges leserforenwasser eintaucht! und selbst wenns so wär: nicht alle werden dieser suhl-lust unterliegen. vl haben einige anti-prolo-trollos interesse, an einem bewusst dem entgegengesetzten non-sub-standard-forum mitzumachen...

http://www.philosophiecafe.at

17+4
07.10.2007 15:12
Zitat:

"Postings, die Wörter wie Vollkoffer, beschissen, blöd, entjungfert oder geil, Abschaum, Hitler, Gutmensch oder Sitzpinkler enthalten, lässt der Foromat nicht durch. "

Bastian Balthasar Bux 
25.06.2009 18:58

Komisch, 5itzplnkler. Was ist daran schlimm?

Wie sieht es mit 5chattenparker aus? Oder Frauenver5teher?

Und kann man in die Blacklist irgendwo Einsicht nehmen?

ariel seligman
25.03.2009 21:04

also mit hitler hatte ich eigentlich noch nie probleme.

Bastian Balthasar Bux 
25.06.2009 18:56

autsch.

Ich übrigens auch nicht, bin ihm (zum Glück) nie begegnet. ;)

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