Die Eigenart der Rührung

Redaktion, 3. Oktober 2007, 21:29

Der Generationenkonflikt bei Torberg und Glück

Die Behandlung des Generationenkonflikts durch Friedrich Torberg und Wolfgang Glück liefert eine bemerkenswerte Variante eines dramaturgischen Modells, das als bezeichnend gilt für österreichische Mentalität und Weltanschauung. Im Schüler Gerber lassen sich nämlich keinerlei Bezugnahmen auf die zeitgenössische Jugendbewegung finden, wie überhaupt das historische Ambiente und die bekannten Umstände der Zwischenkriegszeit mit Weltwirtschaftskrise, Präfaschismus u._Ä. praktisch völlig ausgespart bleiben.

 

Daher kommt es nicht von ungefähr, wenn ein Schriftsteller wie Robert Musil, dessen eigener Erstling Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) oft mit dem Schüler Gerber verglichen worden ist, im Rahmen seiner im Großen und Ganzen anerkennenden Rezension auch die Schwächen der Romankonzeption nicht übersehen hat: "Trotz großer Bewegtheit haben solche Tragödien keinen rechten Inhalt; das gibt ihnen ihre Ausnahmestellung und verleiht der Rührung, die gewöhnlich von ihnen ausgeht, eine merkwürdige Eigenart." Dieses Eigenartige hat mit einer Haltung radikaler Wirklichkeitsverweigerung zu tun, die zu einem Verzicht auf reale Tätigkeits- und Veränderungsmöglichkeiten führt. Die Flucht vor der Wirklichkeit und die Lust an metaphysischer Überhöhung von Konflikten, deren Bereinigung menschlichem Handeln abgesprochen wird, schließen die Tendenz zur Selbstzerstörung mit ein.

Was nun Wolfgang Glück als profilierten Spezialisten für Kino- und TV-Literaturadaptionen angeht, so war er offensichtlich an einer perfekten Umsetzung des Buches interessiert. Weil ihm das (nach ziemlich einhelliger Kritikermeinung) gelungen ist, hält sich der Film auch dort eng an das Vorgegebene, wo mehr Distanz geboten gewesen wäre. Für Glücks künstlerische Intentionen sprechen seine Bemühungen, die ihm zunächst vorgelegte Drehbuchfassung zu straffen und konzentriert von aller Geschwätzigkeit zu entschlacken.

Die Machart des Schüler Gerber blieb bestimmten Erwartungen verhaftet, die Österreich sowohl im In- als auch im Ausland entgegengebracht werden. Wolfgang Glück schuf die denkbar geeignetsten Bilder, die ästhetisierten Vorstellungen von Wirklichkeit entsprechen. Das Ergebnis ist ein Exempel dafür, dass "Werktreue" kein brauchbares Kriterium für Literaturverfilmungen abgibt: Entweder ist ein Film dadurch von vornherein zum "Scheitern" verurteilt, weil mit seinen Mitteln das mehr oder weniger verzweigte Reflexionsgerüst, das für uns zum Wesen der Sprache als solcher (und insbesondere der modernen Literatur) gehört, nicht zufriedenstellend kopiert werden kann; oder es ist damit – paradoxerweise wie in unserem Fall! – ein Gelingen verbunden, das die narrative Basis der Buchvorlage genau umsetzt, ohne aber über diese hinauszuweisen. (Aus: Arno Russegger, "Ein Österreicher im Club der toten Dichter", erschienen in "Der neue österreichische Film" 1996 bei Wespennest)



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