Das offene Tor zur Festung

22. Februar 2008, 16:14
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Die die Sonderwirtschaftszone Kaesong ist für Seoul ein Pionierprojekt zum Abbau politischer Spannungen mit dem Norden

Südkoreas Präsident Roo Moo-hyun besucht am Donnerstag auf der Rückreise vom Gipfel in Pjöngjang die Sonderwirtschaftszone Kaesong an der Grenze. Sie ist für Seoul ein Pionierprojekt zum Abbau der politischen Spannungen mit dem Norden.

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Kaesong/Peking – Bei der Fahrt in den Süden über die 165 Kilometer lange Autobahn, die von der Hauptstadt Pjöngjang zur Stadt Kaesong führt, versuchen die nordkoreanischen Begleiter den zweisilbigen Namen zu erklären. „Kae“ bedeute „offenes Tor“ und „song“ so viel wie „Festung“. Kaesong sei vor mehr als 600 Jahren Sitz eines alten Königreichs und von einer mächtigen Mauer umgeben gewesen. Inzwischen ist Nordkoreas fünftgrößte Stadt, die nur zwölf Kilometer vom Waffenstill_stands_ort Panmunjom und der Stacheldrahtgrenze zu Südkorea liegt, zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken.

Das könnte sich ändern. Auf seinem Rückweg vom zweiten Nord-Süd-Gipfel in Pjöngjang will Südkoreas Präsident Roo Moo-hyun am Donnerstag in Kaesong Halt machen, um die dortige Sonderwirtschaftszone zu inspizieren. Das 66 Quadratkilometer große Gelände direkt vor der Stadt ist das ehrgeizigste von Südkorea geförderte Projekt im Norden.

Seoul erhofft sich, dass von ihm fruchtbare Impulse zur Erneuerung des erstarrten stalinistischen Systems Kim Jong-ils ausgehen. So ähnlich, wie es vor einem Vierteljahrhundert auch in China passierte, als aus Shenzhen vor der Grenze zu Hongkong eine Sonderwirtschaftszone und das erste Experimentierfeld Chinas mit dem Kapitalismus wurde.

16.000 Tagespendler

Anders als in Shenzhen, wo Peking nur Jointventures mit Auslandskapital erlaubte, geht es auf Nordkoreas Insel des Kapitalismus zu. Hier haben südkoreanische Firmen das Sagen. Die Nordkoreaner arbeiten für sie. Jeden Morgen fahren Großbusse des süd_koreanischen Hyundai-Konzerns in die Stadt und holen ihre Arbeiter ab. Abends bringen sie sie wieder zurück. Seit 2004 das erste Unternehmen seine Tore öffnete, haben sich 26 südkoreanische Firmen angesiedelt. Für die Textil-, Schuh- und Elektronikfirmen oder Zulieferer arbeiten mittlerweile 16.000 Arbeitskräfte.

„Bis 2010 wollen wir hier 300 Exportunternehmen ansiedeln, für die dann 100.000 Koreaner aus unserer Demokratischen Volksrepublik arbeiten. Das wird eine neue Drehscheibe für Nordostasien“, sagt stolz die 24-jährige Rye Jinrui. Noch vor zwei Jahren studierte sie Anglistik an der Universität Pjöngjang. Sie ist vom südkoreanischen Konzern Hyundai als „Public-Relations-Frau“ eingestellt.

Das einzigartige Experiment ist Ergebnis des ersten Gipfeltreffens der Staatspräsidenten Süd- und Nordkoreas im Jahr 2000. Führer Kim Jong-il erlaubte damals dem südkoreanischen Multikonzern Hyundai, dessen Gründer ein Wiedervereinigungspatriot war, sich zwei gigantische Sondergeschäfte in Nordkorea zu erschließen. Hyundai erhielt die Tourismusrechte, um die Kumgang-Berge als Ausflugsziele für Südkoreaner zu vermarkten. Der Tochterkonzern Hyundai Asan durfte mit Südkoreas staatlicher Immobilienfirma Korea Land Corp. zugleich ein 16.000 Hektar Grenzgebiet für den Aufbau einer Industriezone auf 50 Jahre pachten.

Sieben Jahre später ist das einstige Brachland erschlossen. Überall prangt das Motto von Hyundai Asan, „Opening the way“ (Wir öffnen den Weg). Die Hyundai-Planer haben den Industriepark vom Reißbrett aus in den Boden gestampft. Sein Ausbau zur Industrie-, Wohn- und Einkaufsstadt, die auch Hotels, Golfplätze und Sportstätten anbieten soll, läuft in vollen Touren. Südkoreas Regierung hat bisher 280 Millionen Dollar in die Infrastruktur investiert.

Das Kalkül ist einfach: Nordkorea stellt seine billigen Arbeitskräfte und das Land. Südkoreas Firmen übernehmen alles weitere. Bis 2020 sollen nach einem Drei-Phasen-Konzept in der Zone 2000 Unternehmen 350.000 Nordkoreaner beschäftigen und 20 Milliarden Dollar umsetzen.

Die Interessen sind unterschiedlich: Das wegen seiner Atompolitik unter Sanktionen stehende Pjöngjang verspricht sich Devisen, Arbeitsplätze und Entwicklung. Hyundai will Geld verdienen und seine Marktführerschaft in Nordkorea ausbauen. Südkoreas Regierung hofft auf den Abbau der innerkoreanischen Spannungen, auf den Bau weiterer Wirtschaftszonen, die das abgeschlossene Bruderland öffnen. Für Seoul macht Kaesong nur den Anfang. (Johnny ErlingDER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2007)

  • „Eine neue Drehscheibe für Nordostasien“: Rye Jinrui erläutert die weitere Entwicklung der Sonderwirtschaftszone Kaesong an der Grenze.
    foto: erling

    „Eine neue Drehscheibe für Nordostasien“: Rye Jinrui erläutert die weitere Entwicklung der Sonderwirtschaftszone Kaesong an der Grenze.

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