Puntigam /Lummers­torfer: Der Gemüts­zustandbeobachter

3. Oktober 2007, 09:00
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Leopold Lummerstorfer und Martin Puntigam antworten auf Peter Zawrels Replik

Mit großem Erstaunen widmete sich der Geschäftsführer des Filmfonds Wien der Lektüre von Leopold Lummerstorfers und Martin Puntigams Produktionstagebuch "Solange der Vorrat reicht", und griff dann sehr animiert zur Feder.



* * *


Er schreibt uns, dass er, als Geschäftsführer des Filmfonds Wien, mit 4.400.- Euro das Auslangen finden muss. Wenn er das schreibt, hat er sicher recht, wir bedauern das Missverständnis mit dem Ministergehalt und glauben ihm seine Angaben gern, und zwar nicht nur, weil es auch gar keine Möglichkeit gibt, sie nachzuprüfen. Im Gegenteil freuen wir uns, dass es nun wenigstens eine schriftliche Auskunftsquelle gibt für eine interessierte Öffentlichkeit, die er und wir gleichermaßen als unser Publikum betrachten.

Peter Zawrel hat sicher auch damit recht, dass es jüngere Menschen gibt, die weniger können als er, aber mehr verdienen. Das braucht man aber eigentlich nicht extra zu erwähnen. Und wenn er schreibt, dass ihm der Zusammenhang von Förderungsentscheidungen und seinem Gehalt unklar sei, stimmt das natürlich auch.

Wir haben uns selbstverständlich auch über die Mitteilung gefreut, "der Filmfonds Wien konnte 2006 und kann 2007 genauso viel Förderungsmittel verteilen wie in den Jahren vorher.", waren aber doch erstaunt, dass er das konnte, obwohl ihm die Stadt Wien im Jahr 2006 viel weniger Geld zukommen hat lassen als in den Jahren davor. Von 2000 bis 2005 hat die Stadt Wien jährlich 7.995.000 Euro überwiesen, 2006 aber nur mehr 2.251.371,60 Euro. Das ergibt immerhin eine Differenz von rund 5,7 Millionen Euro, die irgendwer aufgebracht haben muss, wenn der Filmfonds Wien, wie bescheinigt, immer gleich viel Fördermittel verteilen konnte. Aber wer? Und warum?

Wir haben versucht herauszubekommen, was mit dem nicht überwiesenen Geld passiert sein könnte, und warum ein Filmfondsgeschäftsführer nicht "Feuer!" schreit, wenn auf einmal 5,7 Millionen Euro ausbleiben. Allein es ist wie verhext.

Gehen wir sicherheitshalber davon aus, dass eine plötzliche Kürzung der Jahressubvention durch die Stadt Wien um über 70 Prozent, noch dazu ohne Angabe von Gründen, so gut wie ausgeschlossen ist.

Unverändert gilt aber: Geld, das man ausgeben will, aber nicht hat, muss man sich ausborgen, selber drucken oder von seinem Sparbuch abheben. Geld bei der Bank ausborgen, dafür ist ein Filmfonds eigentlich nicht zuständig. Dass im Keller des Filmfonds Wien nach Dienstschluss heimlich die Gelddruckerpresse angeworfen wird, ist zwar eine sehr aufregende Vorstellung, aber auch eine sehr unrealistische. Bleibt das Sparbuch. Ein Filmfonds hat zwar kein Sparbuch, aber er hat Rücklagen. Die muss er bilden, das ist gut so, denn er braucht sie, um Inflationsverluste auszugleichen und jedenfalls eine kontinuierliche Weiterführung der Fondstätigkeiten zu gewährleisten. Er bildet diese Rücklagen aus einem Teil der jährlichen Einkünfte.

Wenn nun Rücklagen aufgelöst werden, um einen Fehlbetrag vorübergehend zu ersetzen, so ist das noch nicht grundsätzlich falsch. Wenn das Geld aber ganz ausbleibt, dann hieße das, die Subventionen der letzten Jahre rückwirkend genau um den Betrag zu kürzen. Im vorliegenden Fall um 5,7 Millionen. Schwer vorstellbar, dass sich ein Filmfondgeschäftsführer das geduldig gefallen lässt. Noch dazu, wo Peter Zawrel bedauernd feststellt, dass "von vier beantragten Projekten die Jury des Filmfonds Wien drei ablehnen" muss, und zwar schon allein aus budgetären Gründen. Bis 2006 "musste" sie das übrigens nicht, bis dahin wurde jeweils etwa die Hälfte der eingereichten Projekte gefördert.

Bleibt die Geschmacksfrage.

Dass ein Filmfondgeschäftsführer aber freiwillig auf Geld verzichtet, weil ihm sehr viele Projekte persönlich nicht gefallen, ist auch äußerst unwahrscheinlich. Er hat zwar "unter Berücksichtigung der Richtlinien für die Jury Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten" (Kontrollamtsbericht der Stadt Wien), aber eben unter Berücksichtigung der Richtlinien. Die besagen u.a., dass "die eingereichten Projekte nach ihrer kulturellen, künstlerischen und filmwirtschaftlichen Bedeutung für Wien beurteilt" werden (Jahresbericht Filmfonds Wien). Wenn also gerade nichts dem Gusto des Geschäftsführers entspricht, kann er sich an den sog. Wiener Filmbrancheneffekt halten, also Produktionen fördern, die sich hauptsächlich dadurch auszeichnen, dass sie ihr Budget vorwiegend in Wien ausgeben, wie Zodiak oder Soko Donau.

Das ist auch schlau eingerichtet, denn wenn in einer Stadt viel gedreht wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch wieder mehr auf dem Schreibtisch landet, was einem gefällt, deutlich größer. Worum es in einem Film geht, ist Peter Zawrel als Geschäftsführer aber ohnedies gar nicht so wichtig. Dem Filmmagazin RAY gab er zu Protokoll: "Erstens fördern wir primär Produktionen aus standortpolitischem Interesse." (RAY 9/07) Auch dafür kann man 5,7 Millionen Euro sehr gut gebrauchen. Aber wo sind sie hin?

Man kann es drehen und wenden, wie man will, immer entsteht der Eindruck, dass sich irgendwo irgendwer über diese 5,7 Millionen Euro sehr freut, und dass das nicht die österreichische Filmbranche ist. (Martin Puntigam/Leopold Lummerstorfer, 3.10.2007)

PS: Dass uns Peter Zawrel unterstellt, wir hätten der Jury des Filmfonds Verhaberung und Vernaderung vorgeworfen, ist weder neu noch originell, sondern schlichtweg falsch. Aber das weiss er selber natürlich am besten, und wir wollen es deshalb auch nicht einem vorübergehenden Gemütszustand seinerseits zuschreiben.

Appendix:

* Zahlungen Stadt Wien an Filmfonds (laut Kunstbericht):

2006      

2.251.371,60 €

2005

7.995.000,00 €

2004

7.995.000,00 €

2003

7.995.000,00 €

2002

7.995.000,00 €

2001

7.995.000,00 €

2000

110.000 000,00 ÖS

* Verhältnis Anträge/Förderzusagen (laut Jahresbericht FFW): 

2006      

190  

117
2005

183

124

 

  • Zu den PersonenMartin Puntigam

Martin Puntigam ist Autor (FM4, Sendung ohne Namen) und Kabarettist, sein aktuelles Programm "Luziprack" ist wieder ab 3.10. im Kabarett Niedermair zu sehen.
Leopold Lummerstorfer

Leopold Lummerstorfer ist Filmregisseur, Autor, Produzent. Sein außergewöhnlicher Dokumentarfilm "Der Traum der bleibt" erscheint im Oktober als Nr. 100 der Standard-Edition "Österreichischer Film", sein letzter Spielfilm, der aktuelle Fremdenpolizeistreifen "Gelbe Kirschen" (mit Martin Puntigam, Sandra Bra, Josef Hader u.a.), läuft am 30.10. auf 3sat.
    foto: blackbox films /hannelore tiefenthaler

    Zu den Personen

    Martin Puntigam

    Martin Puntigam ist Autor (FM4, Sendung ohne Namen) und Kabarettist, sein aktuelles Programm "Luziprack" ist wieder ab 3.10. im Kabarett Niedermair zu sehen.

    Leopold Lummerstorfer
    Leopold Lummerstorfer ist Filmregisseur, Autor, Produzent. Sein außergewöhnlicher Dokumentarfilm "Der Traum der bleibt" erscheint im Oktober als Nr. 100 der Standard-Edition "Österreichischer Film", sein letzter Spielfilm, der aktuelle Fremdenpolizeistreifen "Gelbe Kirschen" (mit Martin Puntigam, Sandra Bra, Josef Hader u.a.), läuft am 30.10. auf 3sat.

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