"Unis gibt es, weil es Studierende gibt"

3. Oktober 2007, 17:38
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Vom Druck produktiv zu sein und den Problemen junger KünstlerInnen klagt der Allroundkünstler Karl Kilian – Ein UniStandard-Interview

UniStandard: Du hast vor zwei Jahren mit dem Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien begonnen – wie gefällt es dir?

Karl Kilian: Ich habe mein Kunststudium von Anfang an als Kunstprojekt betrachtet. Ich habe mich immer für Kunst interessiert und Kunst gemacht, aber ohne es Kunst zu nennen. An der Uni bin ich nun umgeben von Leuten, die genauso drauf sind wie ich. Leute, die wissen, dass Kunst wichtig ist und dafür kämpfen, dass man davon lebt. Das gefällt mir. Standard: Sind die Studierenden motiviert?

Kilian: Es gibt Studierende, die extrem viel arbeiten. Andere machen sehr viel Party und natürlich gibt’s Leute dazwischen, die beides tun.

UniStandard: Zu welcher Gruppe zählt sich Karl Kilian?

Kilian: Ich arbeite extrem viel. Und Parties – die ergeben sich manchmal. (lacht). Es ist nicht mehr so wie früher. In meinen Zwanzigerjahren habe ich Party gemacht. Jetzt ist für mich die Arbeit im Vordergrund. Ich habe ziemlich lang gebraucht um das zu finden, was mir gefällt und ich wirklich gut kann.

UniStandard: Ist die Akademie ein guter Platz für junge Künstler?

Kilian: Ich habe realtiv wenig Zeit zum Studieren. Doch das Angebot ist gut. Es ist schade, dass nicht alle Unis so viele Möglichkeiten bieten können. Von Schweißen bis zu Philosophie bei Prof. Peter Sloterdijk kann man viel belegen. Allerdings sehe ich an der Akademie, wie auch an anderen Unis, das Grundproblem darin, dass manche Unterrichtende denken, die Uni wäre für sie da. Das ist falsch. Ich meine, und werde das hoffentlich immer tun – auch wenn ich irgendwann selber Professor bin – Unis gibt es, weil es Studierende gibt. Unis dienen nicht dem Profilieren von ProfessorInnen, RektorInnen oder wem auch immer.

UniStandard: Du bist seit einem Jahr auch für die ÖH tätig - wie bist du dazu gekommen?

Kilian: Ich war schon 1996 beim Streik gegen das Sparpaket aktiv. Damals war ich sehr enttäuscht von den Studierenden. In Österreich ist es wirklich zum Abgewöhnen, sich zu engagieren, aber ich werde damit trotzdem nicht aufhören. Seit einem Jahr sitze ich für die ÖH im Senat und bin heuer auch Tutor.

UniStandard: Warum ist es schwierig, die Studierenden zu mobilisieren?

Kilian: Viele lassen sich von alltäglichen Pflichten zu sehr einspannen. Sie glauben, sie hätten keine Zeit, aber das stimmt nicht. Außerdem leben wir in einer Zeit der Desillusion, wo viele schon resigniert haben. Aber wen wunderts? – Wenn ich mir die Leistungen diese Regierung ansieht, fragt ich mich, warum wir 2000 so auf die Barrikaden gegangen sind. Jetzt haben wir noch immer Studiengebühren und Abfangjäger – es ist eine Katastrophe.

UniStandard: Und wie steht die Politik zur Kunst?

Kilian: Die Poltik hat kein Interesse an Kunst. Sie mag Kunst, die etabliert ist. Es ist total schwer, etwas auf die Beine zu stellen, was eine Off-Szene ist. Zum Beispiel das Projekt „FAKTUM FLAKturm“ im Arenbergpark: Insgesamt waren über 160 KünsterInnen daran beteiligt – eine freie, völlig selbstorganisierte Szene, eigentlich so, wie man es sich wünschen würde: Ein Haufen von guten Leuten, die sich extrem investieren. Aber das hat natürlich subversives Potential, und darauf ist keiner scharf. Dass es den Flakturm als Ausstellungsort nicht mehr gibt, ist für mich ein Skandal. Ich selber arbeite schon länger an einem Spielfilmprojekt mit den Titel „The Flakturm Chainsaw Massacre“, einer Mischung auf KünstlerInneninterviews und Horror-Splatter-Movie über eine besessene Kettensägenmörderin. Also total krank und bescheuert aber kritisch – das geht jetzt nicht mehr.

UniStandard: Wie ist die Lage für junge Künstler in Österreich?

Kilian: Sehr schwer. Für die etablierte Kunst ist Geld da. Doch als JungkünstlerIn ist es schwierig, Fördergelder zu bekommen. Die Töpfe sind klein, die BerwerberInnen zahlreich. Es gibt KünstlerInnen, die Profis im Antragstellen sind, aber die verbringen Tag und Nacht damit, Anträge zu schreiben. Das ist nicht die Aufgabe von KünstlerInnen!

UniStandard: Welchen Rahmenbedingungen sind KünstlerInnen in der heutigen Zeit ausgesetzt?

Kilian: Wir leben in einer Zeit der Informationsflut, des Machen-Müssen, des Vollgas-Geben. Jeder lebt in dem Trott. Ich scheine nach außen auch jemand zu sein, der permanent produziert. Aber ich mache auch oft nichts. Manchmal habe ich drei Tage mein Handy ausgeschaltet. Meine Mutter findet das nicht so super, aber ich brauche den Rückzug.

UniStandard: Kannst du von der Kunst leben?

Kilian: Ich kenne niemanden, der von der Kunst angemessen leben kann – außer unsere ProfessorInnen und Jonathan Messe (lacht). Ich selber bin Notstandsbezieher.

UniStandard: Was willst du als Künstler erreichen?

Kilian: Ich möchte von meiner Kunst leben können. Ich erwarte mir, respektvoll behandelt zu werden und ich möchte, dass die Menschen durch meine Arbeiten zum Nachdenken angeregt werden und Spaß haben. Bei meiner letzten Ausstellung in Udine habe ich ein Kindergrab geschaufelt – eine brutale Arbeit. Bei der Vernissage hat mir ein Mann ein Handyvideo gezeigt, in dem zwei Kinder in dem Grab herum hüpfen und spielen. Wenn so etwas passiert, ist das schön. Ich mag das spielerische Element sehr und baue das auch immer wieder in meine Arbeit ein.

UniStandard: Wie siehst du das heutige Kunstbusiness?

Kilian: Reinster Kapitalismus. Insoweit ein gutes Abbild unserer Zeit (lacht). Aber für Nonames ist es wie immer schwer. Man ist immer gefordert, sich selber zu verkaufen, der/die KünstlerIn soll sich als Ich-AG selber vermarkten. Darauf beziehen sich auch die Karl Kilian Festspiele. Aber das ist nicht die Aufgabe von KünstlerInnen! – Die Aufgabe von KünstlerInnen ist es, gute Kunst zu machen!

UniStandard: Und was bleibt dann noch als Ausweg?

Kilian: Was bleibt ist Selbstorganisation und Mauern einreißen.

UniStandard: Welche Art von Kunst ist lukrativ?

Kilian: Was immer funktioniert ist Malerei, weil die kann sich jeder kaufen und an die Wand hängen. Komplizierter wird es bei Installationen, Performances, Videos oder Interventionen. Sich damit durchzusetzten – da gehört auch einiges Glück dazu. Denn es gibt so viel gute KünstlerInnen – erst am Dienstag habe ich in der MAK-Night die Performancegruppe KARGO gesehen. Großartig! Die will ich sofort in meinem Kulturmagazin K³ auf OKTO.tv featuren.

UniStandard: Karl Kilian ist schon eine ziemlich bekannte Figur. Wie wird man zum Kunst-Star?

Wie das Generieren eines Stars funktioniert ist seit längerem Teil meiner künstlerischen Forschung. Die Karl Kilian Figur, die ich in den Karl Kilian Festspielen und den Karl Kilian Plakaten repräsentiere, das bin nicht ich. Das ist wie gesagt eine Figur. In Wirklichkeit ist Karl Kilian eine Projektionsfläche. Das sorgte auch bei den „Karl Kilian Festspielen 2007“ für Missvertändnisse.(Tanja Traxler/UniStandard, 2. Oktober 2007)

Zur Person

Karl Kilian ist laut den 15 Biographien, die nach seinen Angaben über ihn existieren, zwischen 19 und 52 Jahren alt. Das Lehramtsstudium für Philosophie, Psychologie und Germanistik hat er in Wien und Paris absolviert. Unter anderem macht der international tätige Multimedia-, Performance- und Videokünstler als fm zombiemaus und PornoBone Musik, betreibt das Label „Rasputinrecords Hurenschädl“ und das Kulturmagazin K³ auf „OKTO.tv“. Seit zwei Jahren studiert er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.

Die nächsten Termine von Karl Kilian:

5.10. ÖH-Fest an der Akademie der Bildenden Künste mit fm zombiemaus vs. PornoBone feat. Porne Bones Sisters, Schillerplatz 3, 1010 Wien

22.10. Karl Kilian im Gespäch mit Thomas Ballhausen über dessen neuen Roman „Die Unversöhnten“. 21 Uhr im Kulturmagazin K³ auf OKTO.tv

25.10. als Musiker fm zombiemaus beim Blätterwirbel im NÖ Landestheater (mit Blätterwirbel Soundtrack CD Präsentation „fm zombiemaus vs. PornoBone“)

28.10. als dj Kosmoprolet beim Screamqueen Contest im rhiz, 1080 Wien

1.11.Singlepräsentation fm zombiemaus „My Own Private Western Song (dedicated to Fritz Ostermayr), auch im rhiz, 1080 Wien

9.11. 18 Uhr: Vernissage „pop.uniform.war.smacks V2“, museumsquartier @ Subotron.

  • Karl Kilian hat sein Kunststudium "von Anfang an als Kunstprojekt" betrachtet.
    foto: unistandard/kilian

    Karl Kilian hat sein Kunststudium "von Anfang an als Kunstprojekt" betrachtet.

  • "Die Karl- Kilian-Figur, das bin nicht ich." Karl Kilian ist eine Projektionsfläche, meint der Künstler.
    foto: unistandard/kilian

    "Die Karl- Kilian-Figur, das bin nicht ich." Karl Kilian ist eine Projektionsfläche, meint der Künstler.

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    foto: unistandard/kilian
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