"Tragische Zwischenfälle"

20. Oktober 2007, 17:39
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Blackwater-Chef Prince verteidigt sich bei Kongress-An­hörung - Securities sechsmal teurer als Soldaten

"Einpacken, zuschnüren und dann ab durch die Mitte" – Der amerikanische Kongress hat begonnen, die Schießereien der privaten Sicherheitsfirmen im Irak aufzuarbeiten – Erik Prince, der pressescheue Chef von Blackwater, steht unversehens im Rampenlicht.

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Flammen züngeln, Blech ist verbogen, Rauch hüllt die Szene in einen gespenstischen Schleier. Menschen sieht man nicht. Vielleicht sind sie eingeklemmt in dem rußschwarzen Blechwrack, falls überhaupt noch welche leben. „Ein Hinterhalt bei Mosul“, sagt Erik Prince und hebt die Papptafel so hoch, dass auch die Presse hinten in der sechsten Reihe sie gut sehen kann.

Ein apokalyptisches Gemälde ist es nicht, sondern ein Foto, aufgenommen nach einer Attacke im Norden Iraks. Prince zeigt es so, wie ein Boxer nach verlorenem Kampf seine Blessuren herzeigt. Ihr habt doch keine Ahnung, will er sagen, was für ein hartes Geschäft das da unten ist. Das Bild ist so etwas wie seine letzte Verteidigungslinie.

Nichts als die Wahrheit

Prince, einst Kampftaucher der Kriegsmarine, heute Chef der größten Privatarmee der USA, steht dort, wo er nie stehen wollte. Im Rampenlicht. Im Rayburn Building, Saal 2154, tagt der Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses. Der Bodybuilder mit Jungengesicht schwört, nichts als die Wahrheit zu sagen.

Aussagen muss er, weil aus Bagdad immer neue Hiobsbotschaften kommen, Berichte über Amokläufe von Personenschützern in Diensten der Firma Blackwater. Es war Prince, der Blackwater 1997 gründete, damals noch eine abstruse Wachgesellschaft. Erst als in Afghanistan und Irak Krieg geführt wurde, drehte er das ganz große Rad. In Zivil, kugelsichere Westen, den Finger locker am Abzug, bahnen seine Leibwächter US-Diplomaten den Weg durchs Bagdader Verkehrsgewühl.

Henry Waxman, der Ausschuss-Vorsitzende, rechnet Prince vor: „Im Jahr 2000 bekamen Sie 204.000 Dollar aus Regierungsaufträgen, seither haben Sie über eine Milliarde Dollar kassiert. Die Privatisierung rechnet sich also ganz hervorragend für Blackwater.“ Eine Tabelle wird herumgereicht: Pro Tag nimmt Prince 1221,62 Dollar für jeden seiner 1047 Spezialisten im Irak. „Sie sind sechs Mal teurer als die Armee“, tadelt Waxman.

Um Kosten geht es auch, vor allem aber geht es um „tragische Zwischenfälle“, zu denen Prince die Schießereien seiner Rambos herunterspielt. Der tragischste hat am 16. September auf dem Nisur-Platz, einem der verkehrsreichsten Nadelöhre Bagdads, mindestens elf Menschen das Leben gekostet. Das FBI untersucht, denn offiziell ist strittig, ob zuerst aus den Geländewagen der Amerikaner geschossen wurde oder auf dieselben. Solange ermittelt wird, kann Prince sich in Schweigen hüllen. Aber es gab auch andere „Zwischenfälle“, und bei denen kann er sich nicht verstecken.

Heiligabend 2006. Ein Blackwater-Mann torkelt betrunken durch die Grüne Zone. Als eine irakische Wache ihn anhalten will, zieht er seine Glock. Ein Wächter stirbt wenig später in einem Militärkrankenhaus. Prince reagiert, indem er den Mörder entlässt und zugleich arrangiert, ihn binnen zwei Tagen auszufliegen.

„Den Mann einpacken, verschnüren und ab durch die Mitte. Verhält man sich nach einer Straftat so?“, fragt Abgeordnete Carolyn Maloney. Sie wirft Prince vor, sich einen rechtsfreien Raum zu schaffen. „Wieso wurde der Täter nicht zur Verantwortung gezogen?“ „Was hätte ich tun sollen? Ihn auspeitschen? Einsperren? Er hatte keinen Job mehr bei uns“, antwortet der.

1873 Mal hat Blackwater 2007 Personen durch die Straßen Bagdads gelotst. Auf 56 Fahrten wurde geschossen, doch von den Schutzbefohlenen stieß keinem etwas zu. „Null Tote, null Verletzte, das ist die Ziffer, mit der wir hier operieren sollten“, ruft indes ein Unterstützer Princes’. Wie viele Iraker ums Leben kamen, will er gar nicht wissen. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2007)

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    Blackwater-Chef Erik Prince vor dem Kongress: Der ehemalige Kampfschwimmer der US-Marine verteidigte seine Männer und findet den Verlust unschuldigen Lebens "tragisch".

  • Download: Additional Information about Blackwater USA - Memorandum für den Untersuchungsausschuss im US-Kongress (PDF. 296KB)

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