Der nackte Telelever

4. Oktober 2007, 17:00
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BMW motzt die R 1150 R auf, raus kommt die R 1200 R: Ein fescher Roadster mit feinem Handling

Ich denke bei Telelever ja im ersten Moment immer noch an ein sehr giftiges Putzmittel. So ätzend, dass man es nur mit Go-Go-Gadgeto-Ärmeln anwenden darf. Ist es aber nicht. Der Telelever ist gar nix mit Ein- und Ausfahren. Nicht einmal der Gabel.

Selbst beim schweren Ankern sinkt die BMW R 1200 R vorne dank dieser Stoßdämpfung fast nicht ein. Für manche ein bisserl gewöhnungsbedürftig taugt mir das System von Anfang an. Da find ich den Anblick eines Telelevers schon gewöhnungsbedürftiger. Gerade auf der BMW R 1200 R sorgt der Längslenker für eine Linie, die einfach nicht hingehört.

Der Paralever hinten stört hingegen gar nicht. Für das Fahrwerk heißt das allerdings, dass es hier nur Höchstnoten geben kann. Feinstes Handling auf der Straße – und für die Rennstrecke ist die R ohnedies nicht gebaut.

BMW war Handling aber wohl schon immer wichtiger als die Optik. Nein, man kann nicht sagen, dass die R 1200 R kein fesches Radl wäre. Aber den Weg zu immer aggressiveren Stylings geht sie nicht mit. Stattdessen orientiert man sich an der klassischen Roadster-Formsprache. Dazu serviert man den BMW-typischen Boxermotor.

Der Motor ist baugleich mit dem Aggregat in der BMW R 1200 RT. Im Vergleich zum 1150er-Vorgänger heißt das: Mehr Leistung und mehr Drehmoment, obwohl der Motor um sieben Prozent leichter geworden ist. Ständig, aber vor allem von unten heraus, liegt sattes Drehmoment an. Maximal 115 Nm sind es, bei 6.000 Umdrehungen. Und 109 stattliche Pferde. Damit die nicht zu Wallachen mutieren, tankt man im Idealfall mindestens 98 Oktan.

Aber selbst bei 95 Oktan kriegt die BMW nicht das Husten. Sie wird halt nur ein bisserl zahmer. Um genau so viel, dass man es am Prüfstand, aber wohl nicht beim Fahren, merkt. Also ein perfektes Stammtischthema bei der monatlichen "Lange Gerade – große Goschen"-Niederkunft.

Eine echte Freude ist das Sechsganggetriebe der BMW. Schon der erste Gang schlupft so gemütlich rein, wie Al Bundys rechte Pfote in den Hosenbund. Kein Klackern, nix. Wer ob der Ruhe im Getriebe zweifelt, ob der Gang jetzt wirklich drinnen ist, wirft einen kurzen Blick auf das Infodisplay. Das sagt dann ganz groß "1" und man weiß, es passt.

Nach ein paar Tagen schaut man dann gar nicht mehr. Man gewöhnt sich so schnell daran, dass man fast erschrickt, legt man danach auf einem anderen Motorrad den ersten Gang ein. Knarz, schebber, krach!

Das Getriebe ist schräg verzahnt und stammt ebenfalls aus der R 1200 RT. Die Sekundärübersetzung am Kardanantrieb der R im Vergleich zur RT ist allerdings kürzer, weshalb die R spritziger daherkommt. Wer gut sprintet, muss auch fein bremsen. Schafft die BMW auch.

>>>Familienzusammenführung

Die getestete BMW verfügte über ein Integral-ABS, das sich im Test keine Schwächen leistete. Vorne beißen sich Vierkolben-Festsattelzangen in zwei schwimmend gelagerte 320er-Scheiben, hinten werkt ein Zweikolben-Schwimmsattel an einer 265er-Scheibe. Zusätzlich kann man bei BMW auch noch eine automatische Antriebsschlupfregelung ordern.

Ein Sicherheitsfeature, das BMW wohl so nicht geplant hatte, habe ich auch gefunden. Ich war grad mit dem Graf Foto unterwegs zu unserem kleinen aber feinen Fotoshooting. Die Aussichten waren trübe. Es sollte in zwei Stunden der Regen kommen. Und wer den Graf Foto kennt, weiß, dass in zwei Stunden genau gar kein Fotoshooting stattfindet. Also hatten wir es ein bisserl eilig.

Der Graf thronte hinten auf der R, ich hetzte aus der Stadt. Eh klar, dass alle Ampeln prompt in dem Moment rot wurden, als wir drauf zu fuhren. Bei einem Spurwechsel passierte es dann. Ich startete eine Art Familienzusammenführung. Bruder und Schwester sollten sich endlich kennen lernen.

Kurzum, bei einem Fahrstreifenwechsel übersah ich einen feinen Dreier-BMW. Es hat nur kurz geknarzt. Der vierrädrige Bruder hat seiner stolzen Schwester doch glatt auf den Tuttel gegriffen. So ein Fiesling, mag man denken. Dabei ist es anders herum. Die kecke Schwester hat ihre stolzen Teile so prominent präsentiert, dass weder der Graf Foto noch ich als Rikschaführer den BMW-Kuss je rechtzeitig hätten stoppen können. Wir haben uns auch gar nicht eingemischt und den BMW gar nicht berührt.

Und dadurch, dass der BMW die BMW ganz weit unten angetaucht hat und das Fahrwerk wie schon gesagt ein feines ist, kamen wir nicht einmal zu Sturz. Dort ein paar Kratzer, hier ein paar Kratzer. Und ein Flascherl Baldrian für den Grafen. Also nix, was sich nicht mit Geld begleichen lassen würde.

Kurzum: Die BMW ist herrlich zu fahren. Die Sitzposition ist sehr entspannt, nur die Beine sind bei größeren Menschen recht stark abgewinkelt. Die Kurvenlage ist ein Traum, der Schub übers ganze Drehzahlband genial. Ein herrliches Motorrad.

Warum der Graf Foto den ganzen Tag aber so unentspannt war, ist mir bis heute nicht klar. Und wenn ich von ihm wissen wollte, warum er so unlocker ist, sagt er entweder nur "Frag net so deppert!", oder "Knarz". Versteh einer den Adel! (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Wolf-Dieter "Graf Foto" Grabner, derStandard.at, 4.10.2007)

Guido Gluschitsch ist Redakteur beim Motorradmagazin.

BMW R 1200 R
Preis: EUR 13.700,-

Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, 8 V, Katalysator. Hubraum 1170 cm³, Leistung 80 kW/109 PS bei 7500/min, 115 Nm bei 6000/min. E-Starter. Antrieb: 6-Gang, Kardan. Fahrwerk: BMW Telelever, Zentralfederbein 35 mm vorne, Einarmschwinge hinten. Bremsen: Doppelscheibe vorne, eine Scheibe hinten. Trockengewicht: 198 kg, Sitzhöhe: 800/770/830 mm, Tank 16 l.

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BMW

  • Aus jeder Perspektive fesch: Die BMW R 1200 R.
    foto: grabner

    Aus jeder Perspektive fesch: Die BMW R 1200 R.

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