Eine neue Form des Miteinanders

Redaktion, 1. Oktober 2007, 17:51
  • Artikelbild
    foto: ap/rivoli

    EcoVillage in Ithaca, New York

Ökodörfer verwirklichen nachhaltige Lebens- und Wohnformen: Ihre Vielfalt ist groß, in Form zahlreicher Projekte keimt der Gedanke auch in Österreich

Was sich hinter dem Begriff Ökodorf verbirgt, ist so vielfältig wie die Projekte, die dahinter stehen: Eine Gemeinschaft mehrerer Familien mit Alternativschule auf einem alten Bauernhof, Generationen übergreifende Wohngemeinschaften, die der Einsamkeit im Alter vorbeugen, kreative Zentren mit Handwerk und Biolandbau oder die Idee eines neu gegründeten Dorfes mit mehreren hundert Einwohnern.

Allen Projekten gemeinsam ist, dass eine neue Form des Miteinanders gefunden werden soll, eine Alternative zur Anonymität der Großstadt und zu bestehenden ländlichen Lebensformen. Ein neuer, zukunftsfähiger Umgang mit sich selbst, der Gemeinschaft und der Natur soll gelebt werden.

Auf soziale Beziehungen und Solidarität legt man ebenso Wert, wie auf einen respektvollen Umgang mit der Natur und einen nachhaltigen Lebensstil. Viele Projekte versorgen sich über Biolandbau und Permakultur weitgehend selbst mit Lebensmitteln. Bei anderen sind eigene Handwerksbetriebe integriert. Bei den Wohnungen setzt man auf ökologisches Bauen, bei der Energie auf erneuerbare Energieträger. Die meisten Ökodörfer verfügen über Seminarzentren, in denen kreative Kurse, Coaching oder Lehrgänge in Permakultur angeboten werden.

Von der Utopie zur Wirklichkeit

In Österreich haben Interessenten gemeinschaftlicher Lebensformen, wie Ökodörfer oft auch genannt werden, eine Plattform in Form des Netzwerkes Austrotopia. Es vernetzt die einzelnen Projekte, fördert den Erfahrungsaustausch und ist Mitglied im internationalen Global Ecovillage Network. "Die einzelnen Projekte setzten ganz unterschiedliche Schwerpunkte bei Umwelt, Sozialem oder Ökonomie", so Martin Kirchner von Austrotopia.

Die Geschichte der Ökodörfer begann Ende der 1980er, auch wenn man "früher immer so gelebt hat". In Österreich habe die Idee unter so manchen kommunenhaften Entwicklungen der Vergangenheit gelitten, so Kirchner. Manche der heute in Österreich bestehenden Projekte wurden bereits vor etwa zehn Jahren gegründet. Dem Netzwerk von Austrotopia gehören derzeit zehn Initiativen an.

"Friedfertigkeit, Nachhaltigkeit, Selbstentfaltung"

Eines der Projekte, an dessen Realisierung noch gearbeitet wird, ist das Keimblatt Ökodorf. Ein siebenköpfiges "Kernteam" arbeitet mit Hilfe von UnterstützerInnen an der Gründung eines Ökodorfes für 150 bis 300 Personen. Vor fünf Jahren wurde ein Verein gegründet, mittlerweile besteht ein Projektzentrum in Riegersburg.

Als Gebiet für die zukünftige Heimat kulturell kreativer Menschen wurde die Region Südburgenland-Oststeiermark gewählt. Dort lässt sich an eine Reihe bestehender Initiativen, wie etwa Tauschkreise, Bio-Vermarktungs-Kooperationen oder alternative pädagogische Einrichtungen andocken. Von der Umsetzung des Projekts sind darüber hinaus eine Reihe positiver Effekte für die Regionalentwicklung zu erwarten.

Dass ein derart großer Wurf gelingen kann, zeigt das deutsche Ökodorf Sieben Linden. Nach über zehn Jahren wohnen dort an die hundert Personen. Laut Kirchner sei das Dorf auf dem besten Weg, auf 300 Mitglieder zu wachsen.

Wer das Leben in einem Ökodorf ausprobieren möchte, der oder dem sei ein Blick auf die jeweiligen Webseiten empfohlen. Die meisten Projekte laden Gäste für kurze Zeiträume zu sich ein, sei es als zahlende Touristen oder als mitarbeitende Gemeinschaftsmitglieder.

Zum Autor:
Mark Hammer arbeitet als freier Journalist in Wien.

Links:
Kommentar posten
23 Postings
lalle laller
00
27.10.2007, 13:29
wie ökologisch diese dörfer sind

würde mich schon interessieren.
man muss ja mit dem "aussen" bzw. nicht ökologischen kommunizieren, d.h. fahren, liefern, etc. oder man braucht ja auch die nicht-ökologische spitzenmedizin.

phaidros
01
7.11.2007, 19:28
seien sie doch ruhig und lassen sie andere versuchen, ihre guten ideen durchzusetzen.

wer bei denen, die neue konzepte umsetzen wollen, inkonsequenz findet, erträgt wohl seine eigene nicht ganz, hm?

dieses konsequenzargument ist etwas realitätsfern. glauben sie denn, umweltbewusstsein findet sich nur bei asketischen eremiten? zwischen schwarz und weiss finden sich noch die einen oder anderen farben.

Tanja Gsellmann
00
26.10.2007, 13:50
du darfst

... es gern besser machen.

das steht jedem von uns frei. und ich persönlich arbeite auch täglich daran, dinge die nicht geklappt haben beim nächsten mal zu verändern, anders zu machen, besser zu machen.

in diesem sinne bleib auch ich weiter im keimblatt ökodorf team.

len hanak-hammerl
01
15.10.2007, 23:32
schön zu lesen...

...wieviele wellen wir schlagen!!!
meinungen gibt´s viele, ich persönlich finde handlungen noch interessanter...
len vom keimblatt ökodorf-team

_mokusho_
45
2.10.2007, 10:09
Ich besuchte

diesen Sommer ein Ökodorf in Nordspanien und bin nun aller Illusionen beraubt. Die meisten Bewohner, nicht alle, erschienen mir als weltfremd, verbittert, drogenkrank oder sonstwie kaputt. Die, die sich mittels Landbau über Wasser zu halten versuchten waren extrem ausgelaugt und überarbeitet und viele schienen nur noch verarmt und kaputt irgendwie dahinzuvegetieren. Diejenigen, die es noch geschafft haben sind wieder rechtzeitig zurück in ihre deutsche Heimat zurückgekehrt, der Rest macht sich nun gegenseitig fertig. Ich hatte eigentlich vor, dort Urlaub zu machen, zog es aber dann doch vor, meine Zeit an weniger deprimierenden Orten zu verbringen.

Dagmar Rehak
 
00
15.10.2007, 00:30
Wo war denn das?

Wennsdes nicht öffentlich schreiben willst, geht auch E-Mail.

Sarang He
29
2.10.2007, 10:33
Ich besuchte unlängst eine vielbesungene Hauptstadt im Herzen Europas nun aller Illusionen beraubt.

Die meisten Bewohner, nicht alle, erschienen mir als weltfremd, verbittert, drogenkrank oder sonstwie kaputt. Die, die sich mittels Arbeit über Wasser zu halten versuchten waren extrem ausgelaugt und überarbeitet und viele schienen nur noch verarmt und kaputt irgendwie dahinzuvegetieren. Diejenigen, die es noch geschafft haben sind wieder rechtzeitig von diesem Ort weggezogen, der Rest macht sich nun gegenseitig fertig.
Für Urlauber und Bonzen scheint diese Stätte möglicherweise lebenswert zu sein, ich zog es aber dann doch vor, meine Zeit an weniger deprimierenden Orten zu verbringen.

der Zacharias
01
2.10.2007, 15:37
Das ist umso bitterer, weil diese Städte von Leuten gegründet wurden, die sich nach einem besseren Leben abseits des Ländlichen sehnten...

der Zacharias
22
2.10.2007, 02:10
Heile Welten gibt es nicht.

Das hat das Scheitern der Hippie-Kultur gezeigt, das zeigt das, was in dem passiert, das sich ,,Punk-Szene'' nennt, und man kann es auch in jeder gutisituierten Mittelschichtsfamilie sehen - Niedertracht und Bösartigkeit sind immanent, es gibt sie immer und überall in jedem Menschen.

Und gerade Projekte, die sich als ,,besser als die anderen'' auffassen, haben unter der heilen Fassade einen Dreck aufzuweisen, der einen ekeln macht.

phaidros
00
7.11.2007, 19:34
die welt, von der sich diese inseln abheben möchten,

hat wesentlich effektivere methoden, und wesentlich abgehobenere utopien punkto "heile welt" zu bieten.

haben sie noch nie werbung geschaut?
was glauben sie, warum sich die mehrheit dieses landes mit vergnügen ein radioprogramm reinzieht, das zu einem viertel daraus besteht, dass einen unnatürlich klingende stimmen mit erkünsteltem geschrei und klischeetriefenden aussagen anherrschen was man nicht alles sofort und gleich zu brauchen hat?

gegen die fassade dieser der heilen welt ("gehts der wirtschaft gut, gehts uns allen gut") sind alle anderen fassaden die pure ehrlichkeit.

Abdul Alhazred
01
1.10.2007, 22:59

Solange dieses herzerwärmende Miteinander nicht zu einem Zwang wird, wie bei so manchem US-Nest üblich, ist der Gedanke Ok.

Nur ist der Österreicher häufig ein kleingeistiger Pedant, was so eine Utopie schnell in eine Dystopie verwandelt. In der Anonymität Wiens bleiben mir solche Leute wenigstens fern.

beardsley
 
21
1.10.2007, 22:51

schön. eine initiative der grünen? eine kleine insel seliger, friedfertiger menschen mit hanffeldern, lautespielern und guten gedanken. darf man wo kerzerl spenden?

rudolf schladming
 
00
2.10.2007, 13:36

was sind die grünen nun, gewaltbereite autonome oder hippies? entscheidet euch langsam mal.

der Zacharias
10
2.10.2007, 23:25

Die Erfahrung hat gezeigt, dass das eine das andere nicht ausschließt.

Es gilt: Was die ,,Ökos'' tun, ist immer richtig, ganz egal, was das jetzt konkret ist.

Replikator
11
1.10.2007, 22:10
Asyl für Realitätsflüchtlinge


Scheitern hat in unseren Breitengraden manche Ausdrucksform. Nur wenigen ist es gegönnt, derart luxuriös am Leben zu scheitern.

Wer glaubt, ganz gewöhnliche Mitmenschen meiden zu müssen, weil sie halt so aggressiv, so unsolidarisch oder halt so unnatürlich sind und dabei verkennen, dass diese ebenso Opfer der Marktwirtschaft sind, denen wünsche ich eine einjährige Kur als Akkordarbeiter in einer Fabrik, auf dem Bau oder Reisbauer in China. Vielleicht stellt sich dann doch so etwas wie Einsicht ein, dass gar nicht so wenige für wenig schuften müssen.
Und dann möchte ich diese weltfremden Utopisten sehen, wie sie mit ihren Aggressionen umgehen und welche Gemüsesorten sie aus dem Regal nehmen.

Susanne Kummer
01
3.10.2007, 21:32
Vermeidungsstrategien

Eigentlich ist die Idee eines Ökodorfes, sich eben gerade mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen, denn wenn man "ganz gewöhnliche Mitmenschen meiden" will, zieht man einfach in eine Eigentumswohnung in einer beliebigen österreichischen Stadt...
Dein Aggressionspotential "weltfremden Utopisten" gegenüber betrachte ich übrigens auch nicht grad als unerheblich. Mal drüber nachdenken.

mister moster
03
1.10.2007, 23:06
entschuldigung, aber

was hat das ausprobieren neuer lebensgemeinschaften mit der misere anderer zu tun? und ist nicht etwas anderes ausprobieren besser, als so weiter zu machen, wie bisher? lamentieren macht die menschen auch nicht glücklicher.
das kommt mir vor wie das argument, dass man aufessen soll, was auf den tisch kommt, weil es gibt die armen kinder in afrika, die nix haben - also sollte man froh sein, dass man was hat.

aber dass es weltweit den meisten bauer echt schlecht geht, will ich damit gar nicht bezweifeln.

zum schluss: realität ist das was man dazu macht.

Susanne Kummer
02
3.10.2007, 21:24
Auf das Motiv kommt es an

Danke Mister für dein Posting. Die Kommentare unter dem Motto "Realitätsfremde Hippies" waren schon eher zach. Meiner Meinung nach kommt es bei allem, was man im Leben so macht, auf das zugrundeliegende Motiv an. Auch im Fall des Ökodorfes: Geh ich dorthin, um mit der bösen Gesellschaft möglichst nix mehr zu tun zu haben, oder versuche ich, durch die konkrete Umsetzung von Ideen diese Gesellschaft im Kleinen weiterzuentwickeln.

der Zacharias
00
2.10.2007, 23:26
Nein. Realität ist, was sich nicht ändert, wenn du es dir anders vorstellst.

mister moster
00
3.10.2007, 03:51
auch nicht schlecht

aber naja, da kann man jetzt eine Grundsatzdiskussion anfangen, wie Realität wahrgenommen wird.
Jedenfalls glaube ich, dass man, sobald man etwas tut oder auch nur denkt, damit die Realität ändert. In welcher Form auch immer.
Das was Sie meinen (soweit ich das verstehe), ist die Schwärmerei, in der man sich gern mal verliert. Trotzdem verändert auch sie die Vorstellung der Welt und damit die Welt selbst. Realität ist nicht immer nur das, was man scheinbar "sieht". Das wäre zu eindimensional.

WischUndWeg
00
1.10.2007, 21:05

Dieser ohnehin benachteiligten Region bleibt doch nix erspart!

andrea v
00
1.10.2007, 20:59

Ich trau mir's fast nicht sagen, aber mir kommt das wie eine Horrorversion vor.

a grünes stricherl
 
00
2.10.2007, 00:45
wurde in SF romanen eh schon tausendmal verwurschtet.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.