Starkregen

4. Juli 2007, 18:00
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G. und ich waren trocken geblieben. Aber das fiel uns erst auf, als wir im Bus nasse Füße bekamen

Es war soeben. In der Früh am Weg in die Fabrik. Da standen G. und ich an der Haltestelle und wurden nicht nass. Aber das wurde uns erst bewusst, als wir dann im Bus standen – und uns das Wasser von all den zusammengeklappten Regenschirmen ringsum die Hosenbeine durchnässte.

Es hatte geregnet. Und zwar so richtig herbstmonsunartig. So, dass sogar Menschen wie G., die das Fahrrad ähnlich intensiv fetischistisch-dogmatisch benutzen und als ebenso omnipotentes Verkehrsallheilmittel idealisieren, wie jene Menschen, von denen sie sich genau dadurch abgrenzen wollen, das Auto verklären, den Bus zu nehmen geruhten.

Öffi-Drama

Nur: Der kam nicht. Und zwar – wie das an Tagen mit wahrnehmbarem Niederschlag eben üblich ist – erstens über längere Zeit und zweitens linienübergreifend. Woran das liegt ist seit jeher eines der nicht ganz gelösten urbanen Mysterien. Man muss aber kein so überzeugter Autohasser wie G. sein, um eine Verbindung zwischen dem Verlust jeglichen autofahrerischen Selbstvertrauens/Könnens respektive der Angst um das Wohlbefinden des heiligen Blechs ab dem Einsetzen von leichtem Nieselregen und dem Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs herzustellen. Denn, hoffte G., „dass Busse, U-Bahnen und Straßenbahn eingehen, weil die Radfahrer umsteigen, glaube ich doch nicht – auch wenn der Radverkehrsanteil gestiegen ist, sind wir nicht so viele.“

Und während wir da 20 Minuten auf den Bus warteten, sahen wir doch auch, wer da wirklich die armen Schweine sind: Mütter mit Kinderwägen – allein an unserer Station warteten vier. In ihren Mienen konnten wir sehen, dass sie wussten, dass sie wohl noch länger da stehen würden: Sogar dann, wenn die wagerllosen Warter ihnen den Vortritt geben würden (was nie passiert - „women & children first“ gilt nicht einmal dann, wenn es um noch weniger geht), wären die Kinderwagenplätze in den Bussen wohl schon von Müttern besetzt, die irgendwo früher eingestiegen sein wären.

Konvoi

Irgendwann kam dann der Bus. Genauer: der Konvoi kam. Wir spielten Indien: Wie viele Menschen tatsächlich in einen Bus passen, sieht man eben erst, wenn er wieder losfährt. Und als G. und ich da lauschig-eng und umfallsicher zwischen die anderen Fahrgäste gepfercht die Luft anhielten, bemerkten wir erst, dass wir nicht nass geworden waren.

G. wischte mit dem Ärmel den Dunst vom Glas der Bustür und sah hinaus. Und hatte plötzlich ein erstaunt-freudiges Gesicht. Und sagte, dass heute für ihn jetzt trotz all dem tristen Grau, dem Regen und der Warterei ein toller, schöner und netter Tag sei, werde und bliebe. Egal was noch passiere. Weil die Welt insgesamt eben doch besser sei, als ihr Ruf: „Da sind drei kleine Geschäfte bei der Bushaltestelle. Und alle haben ihre Sonnenschutzmarkisen voll rausgekurbelt. Das müssten sie nicht tun. Es bringt den Geschäften auch überhaupt nix – es ist einfach nur super nett.“ (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 1. Oktober 2007)

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