"Kinder können Egoshooter spielen"

10. Jänner 2008, 15:05
14 Postings

"Ich würde dem Kind aber nicht ersparen, über Gewalt im Spiel zu diskutieren“ - Experten zum Thema Gewaltspiele

Vereinsamte Kinder, die in abgedunkelten Räumen ihrer tristen Realität entfliehen und früher oder später als Amokläufer in die Nachrichten kommen, diesem Bild von jugendlichen Computerspielern wollte man im Wiener Rathaus bei der Veranstaltung „Game City“ ein Ende bereiten.

Information zu Thema Spiele

Auf mehreren Ebenen konnten sich die Besucher über Computer – und Videospiele ein Bild machen. So wurden die neuesten Spiele vorgestellt und konnten ausprobiert werden, auch Ausbildungsmöglichkeiten, sowohl die Donau-Universität Krems wie auch das Wiener Games College informierten, das immer beliebtere Thema eSports – also das wettkampfmäßige Computerspielen, aber auch Jugendschutz und Wissenschaft und Forschung zum Thema wurden präsentiert und näher beleuchtet.

Umfassendes Spektrum

Ein Anliegen der Veranstalter war es ein breites und umfassendes Spektrum der Thematik zu beleuchten und nicht nur Spieler im Rathaus zu versammeln, sondern auch Kritiker, Eltern und die Wissenschaft. Die Mischung aus Werbeveranstaltung und Aufklärungskampagne, so waren zahlreiche Initiativen und Institutionen zum Thema Kinderschutz und Altersfreigabe vor Ort, erfreute sich trotz der spätsommerlichen Temperaturen großer Beliebtheit.

Fachtagung

Im Rahmen der Game City fand – ebenfalls kostenlos und öffentlich zugänglich – eine äußerst interessante und sehr gut besetzte und ebenso gut organisierte Fachtagung mit dem Titel „Future and Reality of Gaming – Computerspiele in Forschung und Praxis“ statt. Die Bundesstelle für die Positivprädikatisierung von Computer- und Konsolenspielen, kurz: BuPP, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Orientierungshilfe für den Kauf von Spielen für Kinder zu bieten, indem sie empfehlenswerte Spiele prädikatisiert und in einer Datenbank auf dieser Website veröffentlicht, trat als Veranstalter dieser Tagung auf.

Was ist Spielspaß?

Es wurde nicht nur ein großes Spektrum der aktuellen Forschung abgedeckt, sondern es gelang zudem auch viele Zuhörer in den Stadtsenatssitzungssaal im Wiener Rathaus zu bringen. Diese konnten dann etwa Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover bei der Beantwortung der Frage „Was ist Spielspaß eigentlich?“ lauschen. Klimmt stellte der grundlagenwissenschaftlichen Frage nach der Beschreibung und Erklärung des Spielspaßes die anwendungsorientierte Frage nach der instrumentellen Ausnutzung des Spielspaßes (im Bildungskontext) zur Seite.

Computerspielen bleibt nicht ohne Folgen

„Intensive Nutzung von Computerspielen bleibt nicht ohne Folgen – sowohl positiven wie auch negativen“, so Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover. „Man kann davon etwas lernen, aber auch Eigenschaften sammeln, die problematisch sind. Die Konsequenz daraus ist, dass wir dies nicht verschweigen sollten, sondern darüber reden.“ Das Reden oder besser gesagt, dass Nichtreden darüber sei eines der wesentlichen Probleme. Eltern wüssten nicht, was ihre Kinder tun, Medien und Politik gleiten ins Fahrwasser populistischer Diktionen und am Ende bleiben die Spieler über.

Gewalt und Schach

Peter Purgathofer vom Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der TU Wien ging dem „heißen“ Thema „Digital Games & Gewalt“ nach. In seinem Vortrag versuchte Purgathofer den Kreis aus Andeutungsjournalismus, Medienpanik, Elternangst und politischem Populismus zu durchbrechen und dieses Phänomen aus verschiedenen Perspektiven nüchtern zu betrachten. Ein wesentlicher Faktor in Zusammenhang mit der Diskussion rund um Verbote so genannter Killerspiele oder der Gefahr von Kindern und Jugendlichen durch Computerspiel, ist laut Purgathofer die „Ausbildung“ der Eltern. Diese müssten sich mit dem Zeitvertreib ihrer Kinder aktiver auseinandersetzen und einen aktiven Diskurs mit ihren Schützlingen führen. In den wenigsten Fällen wissen Eltern was ihre Kinder spielen, was ihnen Spaß macht und auch welche Inhalte die Spiele haben. Dieses Nichtwissen sei der Grund für so manche „Hexenjagd“ und falsche Interpretationen.

Gefährliches Schach

„Es gibt Spiele, die würde ich manchem Erwachsenen nicht geben, weil ich weiß, dass das eine verheerende Wirkung hätte, wenn sie sich reinsteigern würden. Es gibt Spiele wie Schach die tatsächlich Menschen vernichten. Es gibt Menschen, die sollten vielleicht nicht Schach spielen“, so Purgathofer.

Eltern müssen (mit)reden

Auch Christian Swertz vom Institut der Bildungswissenschaft der Universität Wien sieht die Eltern wesentliche stärker in die Pflicht genommen. Gewaltdarstellungen in Medien seien keine Erfindung der Gegenwart. Schon frühe Höhlenzeichnungen zeigen Tötungsrituale, die als Computerspiel zur Beschränkung der Altersfreigabe führen würden. Medien und damit auch Computerspiele weisen einen bildenden Gehalt auf, so Swertz, darum kann es nicht darum gehen, einzelne Medien zu verteufeln oder zu unterdrücken. Es sollte darum gehen, den bildenden Gehalt von Medien mit wissenschaftlichen Methoden zu verstehen und auf dieser Grundlage Bildungsprozesse mit Medien in der pädagogischen Praxis zu gestalten. „Wenn mich Eltern fragen würden, ob ein 12- Jähriger einen Ego-Shooter spielen darf, so würde ich sagen, sie können das ruhig erlauben. Ich würde dem Kind aber nicht ersparen, über Gewalt im Spiel zu diskutieren“, so Christian Swertz vom Institut der Bildungswissenschaft der Universität Wien.

Süchtiges Spielen"

Der bekannte Psychotherapeut Stephan Rudas referierte über „Süchtiges Spielen“. „Natürlich kann auch Computerspielen, so wie fast jedes menschliche Verhalten zur Sucht werden“, so Rudas. Im Gegensatz zur Therapie bei Alkoholismus oder Tablettensucht gibt es bei der Computerspielsucht derzeit aber noch keine Anerkennung durch die Krankenkassa und damit keine Kostenübernahme einer stationären Behandlung.

Altersfreigabe

Das Thema der Altersfreigabe hatten dann auch die Vorträge von Jürgen Hilse und Christine Schulz von der deutschen Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) zum Thema. Die USK sei in Deutschland oft in der Kritik – einmal werfe man den Gutachtern Zensur vor, dann wieder einen zu laschen Umgang mit Computerspielen. „Jugendschutz hört ohnehin an der Haustüre auf“, so Schulz, die sich ebenfalls mehr Interesse und auch Sorgfalt der Eltern wünscht. „Das Computerspiel als billiger Babysitter, sei kein erstrebenswertes Ziel“.

Wie sinnvoll sind Kennzeichnungen

Auch Konstantin Mitgutsch vom Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien ging der Frage nach dem Sinn und Unsinn der Altersstufen bei Computerspielen nach. Der Wissenschaftler stellte mit GameSteps erstmals ein Pilotprojekt der Öffentlichkeit vor, welches aus einem Seminar erwachsen, der Frage nachgeht, ab wann Kinder fähig sind Spiele zu spielen und welche Inhalte wahrgenommen werden können. „Rein wissenschaftlich betrachtet kann ein 12-Jähriger einen Ego-Shooter spielen. Er hat dafür die körperlichen Voraussetzungen. Warum es dennoch nicht sein sollte, sind moralische Fragen, aber keine wissenschaftlichen“. Auch würde das Kind die Inhalte wahrscheinlich gar nicht richtig verstehen und verarbeiten können. Innerhalb des Projekts wird nun erforscht, wie Spiele perfekt auf bestimmte Zielgruppen und Altersstufen zugeschnitten werden können. Das Alter – so die leitende These – muss nicht nur aus juristischen, sondern auch aus pädagogischen und spieltheoretischen Gründen ein zentrales Moment der Beurteilung von Computerspielen sein.(Gregor Kucera)

  • Artikelbild
    foto: gregor kucera
Share if you care.