Irakischer Don Quichotte in Wien

30. September 2007, 17:45
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Irakische Künstler zeigen sieben Tage lang ihre Arbeiten in "Bagdad in Love" - Auch der Theaternarr Abdallah Shmelawi ist mit von der Partie - ein Porträt

Wien - Abdallah Shmelawi hat es eilig. "Ich muss noch meine Theaterkarte umtauschen, damit ich mir das Stück morgen anschauen kann. Heute habe ich keine Zeit", sagt der 25-jährige und hetzt quer durchs Museumsquartier im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Vor neun Monaten ist der irakische Theaterregie-Student aus Bagdad nach Wien geflohen. Seither war er mindestens einmal die Woche im Theater oder in der Oper. Heute probt er für seine Lesung am dritten Oktober, wo er die Gedichte des Irakers Kasim Talaa für die Bühne adaptiert hat. Darin handelt es sich um die Erinnerungen eine Exilirakers an seine Heimat. Dass Shmelawi das Theater liebt, braucht er nicht zu sagen, es spiegelt sich in jeder seiner Anekdoten aus seiner Heimat wider.

15 Tage Theater

Die US-Invasion im März 2003 hat er im berühmten Al-Rashid Theater in Bagdad miterlebt. 15 Tage hat er das Theater nicht verlassen. „Wir haben für unser Stück „Der Zug“ geprobt und auf das Theater aufgepasst, dass keiner etwas stiehlt“, erzählt er heute. Einen Monat darauf gab es dann die Premiere. Endlich ein Stück in dem offen über Vergangenheit und Gegenwart gespielt werden konnte, ohne Sessel-Metaphern die Saddam oder das Baath-Regime darstellen sollten. „Ich habe mich nicht gefreut, dass die Amerikaner da sind, aber dass Saddam endlich weg ist. Schade, dass es die Iraker nicht selbst geschafft haben“, sagt Shmelawi.

Don Quichotte

Einmal bekam er Besuch von Saddams Geheimdienst. Ihr Motiv: Don Quichotte. Auf der Universität spielte er den spanischen Möchtegernritter und landete prompt zwei Wochen im Gefängnis. "Ein Schiit, der dummes Zeug spricht und gegen Windmühlen kämpft, war ihnen zu verdächtig", erinnert sich Shmelawi. Sobald Saddam gestürzt war, konnte er alle Stücke spielen, die er davor in der Schublade versteckt gehalten hatte. Nun konnte er frei als Schauspieler und Theaterregisseur arbeiten. "Ich hatte viel zu tun, Termine, Proben, Premieren." Irgendwann sind Abdallah Shmelawi die Toten auf der Straße nicht mehr aufgefallen. Sobald er sein Elternhaus verlassen hatte um sich auf den Weg ins Theater zu machen, lagen bereits zwei Leichen auf der Straße. Nur noch die grausamsten Ereignisse sind ihm in Erinnerung geblieben. Wenn beispielsweise das vierjährige Nachbarskind entführt wird und einen Tag darauf vor der Haustür der Nachbarn abgegeben wird. Gegrillt, garniert mit Reis und einer Karte: "Damit ihr nicht hungern müsst."

Mit Terroristen hatte er selbst oft genug Erfahrung gemacht. "Als wir einmal geprobt hatten, sind sie ins Theater gestürmt und haben versucht mich zu töten", erzählt er. Zwei seiner Kollegen wurden dabei erschossen, ein weiterer verletzt. "Sie haben mir vorgeworfen, dass ich die Jugend mit meinen Theaterstücken kaputt mache. Als sie mich dann eines Tages auf offener Straße fast getötet hätten, habe ich beschlossen, das Land zu verlassen", sagt Shmelawi.

"Bagdad in Love"

Heute lebt er in Wien und probt immer noch. Via Internet plant er mit seiner Theatergruppe, die in der ganzen Welt verstreut ist, Inszenierungen. Zurzeit arbeitet er vorläufig an seiner Lesung, die im Rahmen des Programms „Bagdad in Love“, organisiert vom "Atelier Zweistrom" und dem "Verein Irakisches Haus", vorgetragen werden soll. Von ersten bis siebenten Oktober werden Arbeiten von österreichischen und irakischen Künstlern in Ausstellungen, Lesungen und Filmvorführungen präsentiert. In Wien muss Shmelawi nicht befürchten, dass bewaffnete Männer plötzlich ins Theater stürmen und seine Kollegen erschießen. Hier kann er Regie führen. (sand, derStandard.at/28.9.2007)

  • Abdallah Shmelawi: "Ich habe mich nicht gefreut, dass die Amerikaner da sind, aber dass Saddam endlich weg ist. Schade, dass es die Iraker nicht selbst geschafft haben."
    foto: khorsand/derstandard.at

    Abdallah Shmelawi: "Ich habe mich nicht gefreut, dass die Amerikaner da sind, aber dass Saddam endlich weg ist. Schade, dass es die Iraker nicht selbst geschafft haben."

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