Grenzenloser Großeinsatz der Kultur

3. Oktober 2007, 17:00
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Der Titel "Europäische Kulturhauptstadt" wurde einem länderübergreifenden Großraum verliehen, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfahrbar ist

Es gibt natürlich zu viel Ungerechtigkeit im Allgemeinen, und belegt werden kann das noch dazu recht einfach: Der Umstand etwa, dass Quierschied-Göttelborn, Krewinkel oder Vic-sur-Seille bislang noch nie Europäische Kulturhauptstadt gewesen sind, ist schlichtweg unverständlich. Nur stimmt das so eigentlich nicht mehr, denn alle drei tragen sie heuer neben Sibiu und Luxemburg diesen prestigeträchtigen Titel.

Verantwortlich für diese Tatsache ist ein bisher unerprobter Modus, der erstmals eine Großregion zur "Kulturhauptstadt" erklärt und somit auch etliche deutsche, belgische und französische Kleinstädte. Herz dieser Region, die das gesamte Großherzogtum Luxemburg sowie die französische und die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, Lothringen in Frankreich, Rheinland-Pfalz und das Saarland in Deutschland umfasst, bleibt bei aller Koketterie aber die Stadt Luxemburg selbst. Und das gilt ganz offensichtlich auch für die Zeit nach dem "verliehenen Ausnahmezustand" - oder anders ausgedrückt: Das kulturelle Leben in Luxemburg und der umliegenden Großregion geht auch nach 2007 weiter.

Gemeinsam produziert

Verantwortlich hierfür ist zunächst einmal ein gemeinsam gewählter Schwerpunkt, der das Erbe der gesamten Region trägt: jener der Industriekultur. Erlebbar gemacht wird das mit grenzübergreifenden Programmen vergleichbarer Institutionen, die auch nach 2007 bestehen bleiben. So sind in den letzten Monaten etwa vermehrt Kooperationen zwischen den alten Schlachthöfen der Region zustande gekommen, die mittlerweile so wie die "Kulturfabrik" in Luxemburg allesamt als Veranstaltungszentren fungieren. Nun handelt es sich dabei um kleinere Kulturinstitutionen, die selbsttätig die Zusammenarbeit suchten, schwieriger waren da schon die Verhandlungen zwischen den "etablierten" Zentren für moderne Kunst in Luxemburg, Metz, Saarbrücken und Trier. Für dieses Städtenetz "QuattroPole" wird es nun allerdings auch erstmals einen Fonds geben, der eine gemeinsame Programmgestaltung ermöglicht.

Wer nun berechtigterweise die Frage stellt, ob es überhaupt machbar ist, diesem grenzübergreifenden Kulturprogramm in einer räumlich weitläufigen Region "nachzureisen", dem sei folgendes mit auf den Weg gegeben: Für QuattroPole gibt es bereits einen eigenen Sternbusverkehr, der immer wieder zentral über Luxemburg führt und ausgezeichnet funktioniert. Im Rahmen der Kulturhauptstadtschaft wurde überdies ein eigener Mobilitätsfahrplan erstellt, der die wichtigsten Verbindungen öffentlicher Verkehrsmittel in der Großregion zusammenfasst. Dabei handelt es sich um ein dichtes Netz, das längst etabliert ist und natürlich auch nach 2007 bestehen bleibt.

Es ist also günstig, wenn man sich bei einer Reise, die das kulturelle Angebot der gesamten Region zum Inhalt hat, für den Stützpunkt Luxemburg-Stadt entscheidet. Selten ist man von hier aus länger als eineinhalb Stunden mit dem Zug unterwegs, will man eine der Partnerstädte erreichen.

Dennoch konnten durch den Investitionsschub kurz hintereinander erfolgter Nominierungen zur Kulturhauptstadt in den Jahren 1995 und 2007 alte touristische Defizite nicht ganz wettgemacht werden. Die Planung zeitgemäßer Hotels erfolgte zu spät, bestehende sind oft nur schwer mit den propagierten öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Kulturbus-Bausteine

Eindeutig schneller reagiert hat das Busreiseunternehmen "Voyage Emile Weber" auf die Bedürfnisse kulturaffiner Herumtreiber. Denn vor 2007 gab es in Luxemburg kein einziges Incoming-Reisebüro, also niemanden, der sich professionell um die Gäste einer Kulturhauptstadt kümmern konnte. Bausteine wurden im Eilverfahren für jene entworfen, die Kultur- und Zugfahrpläne nicht selbständig abgleichen wollen und Grenzen lieber im Reisebus überschreiten.

Auch bestimmte kulturelle Gepflogenheiten vermag der Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt nicht über Nacht zu ändern: Es gehört keineswegs zu den Stärken des Großherzogtums, dem Flaneur ein Kaffeehaus oder eine Bar zur Seite zu stellen. Das "Interview" in der rue Aldringen jedenfalls zählt zu den sympathischen Evergreens für eine überschaubare Community, die tagsüber bei einem Drink verweilen möchte. Das Restaurant in einer der neu adaptierten Rotunden neben dem Bahnhof leistet Aufbauarbeit in Sachen Brunch-Kultur, übernimmt diese Rolle vorerst als exklusiver Trendsetter und ist ob der großen Nachfrage begeisterter einheimischer Frühstücker bereits Wochen im vorhinein ausgebucht.

Was letztlich vom Generalthema der Industriekultur, das zwischen 350 Projekten nicht immer leicht auszumachen ist, übrigbleibt, hängt auch von Einzelentscheidungen ab. Ob etwa die dreischiffige Maschinenhalle der früher stahlverarbeitenden Adolf-Emil-Hütte in Esch/Belval als einer der eindrucksvollsten Ausstellungsorte der Großregion erhalten bleibt, wird vom Eigentümer abhängen, der das alte Stahlwerk zumindest vor 2007 noch schleifen wollte. Eine Erfolgsgeschichte bei der Wiederbelebung dieses industriellen Erbes als Referenz würde es mit der Völklinger Hütte bei Saarbrücken ja bereits geben.

Mit der aktuellen, globalisierungskritischen Ausstellung "All we need", die auf dem Luxemburger Industriegelände gezeigt wird und ähnlich viel Platz findet wie etwa in der Tate Modern in London, transportiert die Fabrik auf spektakuläre Weise eine Botschaft, die auch in diesem post-industriellen Kontext passender nicht sein könnte. (Sascha Aumüller / Der Standard / Printausgabe / 29./30.9.2007)

Info:
Luxemburg 2007
Voyage Weber


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  • Günstiger Stützpunkt für eine Reise durch die Region: Luxemburg-Stadt.
    foto: office national du tourisme luxembourg

    Günstiger Stützpunkt für eine Reise durch die Region: Luxemburg-Stadt.

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