Nachlese: Als Gott in die Defensive geriet

29. September 2007, 12:00
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Von Teufeln und Menschen: Norman Mailers skandalträchtiger Roman um Alois und Adolf Hitler

Die Liste der Persönlichkeiten, die Norman Mailer literarisch analysiert hat, ist beeindruckend - Marilyn Monroe, Pablo Picasso, Muhammad Ali oder Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald, um nur einige zu nennen. In seinem letzten Buch, erschienen vor gut zehn Jahren, durfte Jesus Christus korrigierend in die Überlieferung der Religion seines Namens eingreifen: Über Mailer präsentierte der Sohn Gottes sein eigenes - fünftes - Evangelium. Eine solche Liste kann nur noch von einer Persönlichkeit der Weltgeschichte getoppt werden. Genau: Adolf Hitler.

Der neue, in den Vereinigten Staaten hoch umstrittene Roman des inzwischen 84-jährigen Autors beschränkt sich auf die Kindheit des zukünftigen "Führers", von seiner Geburt im Jahr 1889 bis kurz nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1903. Die amerikanische Kritik hat dies teilweise auf die Frage verkürzt, ob man in "Adi" - der Kosename ist für den deutschsprachigen Leser noch verfremdender als für den Leser des Originaltexts - bereits in frühen Jahren Anlagen zum Bösen erkennen könne. Der zentrale Protagonist dieses Romans ist jedoch nicht Adolf Hitler, sondern sein Vater Alois, geborener Schicklgruber, der erst in fortgeschrittenem Alter den Namen Hitler annahm.

Man erkennt schnell, was gerade Norman Mailer an Alois interessiert. Hier trifft er einen Mann, für den sich die Versicherung der menschlichen Existenz in intensiv ausgelebter Sexualität vollzieht: "Alois war bestimmt kein Philosoph, deshalb hatte er keine Ahnung davon, was Werden bedeutete (der Zustand der Existenz, wenn das Sein sich plötzlich öffnet), aber er hätte Heidegger einen Hinweis geben können. Werden ist, ja, genau da, wo eine Frau dir ihre Beine öffnet!" Vor dem dreimal verheirateten Alois konnte - zumindest in Mailers Darstellung - kein Dienstmädchen und keine Köchin der vielen Gasthöfe, in denen er mit seiner Familie wohnte oder aß und trank, sicher sein. Er wird als rücksichtsloser, aber auch geschickter Liebhaber dargestellt, dem sich die Frauen gerne fügten. Mailer hebt die Mischung aus Antiklerikalismus und Bewunderung für den Kaiser hervor, die Alois zwischen einer gewissen Freigeistigkeit und einer autokratischen Grundhaltung schwanken ließ, unter der seine Familie - und insbesondere seine Söhne - leiden mussten.

Damit bietet sich für diese romanhafte Interpretation Hitlers eine familienzentrierte Lektüre an. Schon in Der Fall Lee Harvey Oswald bringt Mailer in weit verzweigten Recherchen Informationen zum Vorleben der Familie, Freunde und Bekannten von Oswalds russischer Frau Marina zutage, die zunächst irrelevant erscheinen. Die akribisch ins Detail gehenden Interviews führen zwar sehr weit von Oswalds Lebenswelt weg, aber bei keiner der unzähligen Einzelheiten in den Lebensgeschichten der vielen Personen, die für Marinas Entwicklung von Bedeutung gewesen sein mögen, lässt sich ausschließen, dass sie Marina nicht auf bestimmte Weise beeinflusst hat, also mitentscheidend für die negative Entwicklung ihrer Ehe mit Lee und daher für Lees Größenwahn und damit letztlich die Ermordung Kennedys ausschlaggebend gewesen sein könnte.

Auch Mailers neuer Roman spielt auf diese Weise mit seinen Lesern. Jede sexuelle - und auch andere - Regung des Vaters, der Mutter oder des Halbbruders des kindlichen Adi wird auf die spätere Entwicklung Adolf Hitlers bezogen. So bietet es sich an, das Buch aus dem Blickwinkel der kontextuellen Familientherapie zu lesen, die mit ihrem Modell der Schuldkonten zwischen den Generationen eine Erklärung menschlichen Verhaltens auf der Grundlage von Familienbeziehungen bietet. Tatsächlich hat der deutsche Familientherapeut Helm Stierlin bereits 1975 ein kompaktes Büchlein, betitelt Adolf Hitler. Familienperspektiven, verfasst, das aber - trotz seiner Übersetzung ins Englische - in der umfangreichen, als Quellendokumentation gedachten Bibliografie in Mailers Roman (in der deutschsprachigen Ausgabe leider nicht enthalten), nicht vorkommt. Dies erscheint insofern durchaus konsequent, als das zentrale familienbezogene Motiv in Mailers Das Schloss im Wald bei Stierlin keine Rolle spielt - der Inzest.

Die Hitler-Forschung hat bezüglich der Herkunft von Alois' Vater bereits vor einiger Zeit weit reichenden Konsens gefunden; Werner Maser spricht von einer "an absolute Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit". Demnach war Alois' Vater weder der vom Mythos oft bemühte "Grazer Jude" Frankenberger noch der spätere Mann von Alois' Mutter Anna Maria Schicklgruber, Johann Georg Hiedler, sondern Johann Georgs Bruder, Johann Nepomuk Hüttler, Bauer in Spital bei Weitra, in dessen Haus Alois auch teilweise aufwuchs. Da Adolfs Mutter Klara Pölzl eine Tochter von Johann Nepomuks Tochter Johanna war, hatte Alois also seine Nichte geheiratet. Mailer führt dieses Motiv jedoch noch einen großen Schritt weiter, und zwar mit seiner weit gehend idiosynkratischen Spekulation, dass Alois ein feuriges Verhältnis mit seiner Halbschwester Johanna gehabt habe. Die Mutter Adolf Hitlers wäre demnach zugleich Ehefrau und Tochter von Alois.

Zwar wird weder im einen noch im anderen Fall behauptet, dass dieser Inzest bewiesen werden kann, jedoch ist er im Halbbewusstsein der Eltern Adis mehr als deutlich vorhanden. Gleichzeitig wird alles getan, um dieses Wissen nicht an die Oberfläche oder gar an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Der Roman macht deutlich, wie das doppelte inzestuöse Netz Vertrauen und Loyalitäten innerhalb der Familie zerstört. Damit wird zwar nicht erklärt, warum ausgerechnet Adolf Hitler und nicht eines der vielen anderen unter den tausenden von Kindern inzestuösen Ursprungs zum Ausführenden der größten Katastrophe der menschlichen Geschichte wurde, wohl aber werden die Voraussetzungen beschrieben.

Erzählt wird uns dies alles - und nun kommen wir zu einer noch kaum erklärlichen Dimension des Romans, die die heftigsten Anfeindungen der amerikanischen Kritik auf sich gezogen hat - von einem Teufel namens Dieter. Er ist Teil einer teuflischen Hierarchie, an deren Spitze Satan, genannt "Maestro", steht, und hat den Auftrag, die Entwicklung der Hitlers zu verfolgen, die im infernalischen Bereich gerade aufgrund der inzestuösen Bedingungen als Hoffnungspotenzial eingestuft werden. Bereits bei der sexuell eruptiven Zeugung Adis ist er anwesend.

Hier kommt Mailers bekannte Kosmologie ins Spiel, nach der Gott nicht allmächtig ist, sondern sich andauernd gegen den Teufel zur Wehr setzen muss. Gerade im 20. Jahrhundert - hier darf man Mailer herrliche Ironie zubilligen - geriet Gott etwas in die Defensive, hat er doch den Anschluss an die elektronische Kommunikationstechnik verloren. Komplexer wird das Ganze noch durch die Tatsache, dass Teufel Dieter seine Niederschrift als Flüchtling vor dem Maestro in den Vereinigten Staaten verfasst, und zwar in der menschlichen Hülle eines ehemaligen Mitarbeiters einer geheimdienstlichen Sonderabteilung Heinrich Himmlers. Damit hat Mailer seinen Roman zum Produkt eines sehr unzuverlässigen Erzählers gemacht, aus dem man zunächst nur schwer klug werden wird, dessen bittere Ironie ("obwohl ich frei von moralischen Urteilen bin, besitze ich doch Sinn für Geschmack") jedoch zeitweise überwältigend ist. Der nahe liegende, aber angesichts der Breite der angeführten Hitler-Literatur unbefriedigende Schluss, bei Adolf Hitler hätte nach Mailer eben der Teufel seine Hände im Spiel gehabt, wäre zu kurz gegriffen.

Zweifelsohne ist Norman Mailer der bedeutendste "metaphysische" Schriftsteller der amerikanischen Literatur unserer Zeit, er verbindet diese Einstellung jedoch mit einem ausgeprägten Interesse für Körperlichkeit. Vor fast fünfzig Jahren hatte er in seinem langen literarischen Manifest Reklame für mich selber geschrieben: "Denn ich will den Versuch unternehmen, in die Geheimnisse von Mord, Selbstmord, Blutschande, Orgien, Orgasmus und des Zeitbegriffs einzudringen." Damit meinte er vor allem auch eine nicht moralisierende, ja Moralvorstellungen ausklammernde Untersuchung von "abseitigen" Phänomenen des menschlichen Lebens. Da Dieter sich bei seiner Niederschrift als Quasi-Romanschriftsteller outet, wird man versuchen können, diesen Erzähler als Teil des höchst schwierigen Versuches zu sehen, auch das Phänomen Hitler außerhalb moralischer Maßstäbe - und übrigens auch weit gehend außerhalb politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen - zu evaluieren. Das ist vielleicht das größte Wagnis dieses Romans, und es konnte wohl nur von einem gleichzeitig amerikanischen und jüdischen Schriftsteller von der Statur und der radikalen Kompromisslosigkeit Mailers unternommen werden. Dass das In-Klammern-Setzen der Moral lediglich Hilfsmittel zum Verständnis ist und nicht eine Relativierung Hitler'scher Verbrechen bedeutet, wird trotz der dominanten Stimme von Dieter deutlich. In welche Richtung sich diese Interpretation entwickeln wird, wird die angekündigte Fortsetzung des Romans zeigen. Mit Hitlers Nichte Geli Raubal hat diese Interpretation der Karriere Hitlers sicher ein lohnendes Zentrum.

Umfassende Österreich-Bilder in der amerikanischen Literatur sind selten, zumal bei einem Autor von Weltgeltung. Norman Mailer hat die Lebenswelten Alois Hitlers wohl nie gesehen und beweist doch differenzierendes Feingefühl bei der Darstellung von deren ländlichem Charakter. Von Spital (der Heimat der Hüttlers) über Strones, eines der zerstörten Dörfer im Areal des von der deutschen Wehrmacht eingerichteten Truppenübungsplatzes Allentsteig (der Heimat der Schicklgrubers), bis hin zu Braunau, Passau und Leonding führt der Roman. Dass das Waldviertel einmal Oberösterreich zugeschlagen wird, ist dabei weniger bedeutsam als die vielleicht noch heute relevante Information, dass "die Teufel in diesen Regionen der Provinz Oberösterreich" auch "zahlreichen anderen Aktivitäten, Unternehmungen und kleineren Recherchen nachgingen". Dabei bietet der ländliche Raum immer wieder Möglichkeiten der symbolhaften Darstellung, etwa im Hinblick auf Alois' tiefes Interesse für die Imkerei, die einen wichtigen Teil des Romans einnimmt und die Adolf Hitlers Bewunderung für Hierarchien, Massenbewegungen, aber auch Massentötungen früh inspiriert haben könnte.

Das Schloss im Wald ist sicher einer der schwierigsten, aber auch faszinierendsten Romane Mailers. Man wird gerade im deutschsprachigen Kontext gut daran tun, über diesen komplexen Text nicht voreilig zu urteilen, sondern ihn im Kontext des Mailer'schen Oeuvres und seiner radikalen (amerikanischen) Kulturkritik zu lesen. Ein Problem der deutschsprachigen Ausgabe ist die Übersetzung, die in vielen Fällen allzu frei ist und die interpretierende Stimme des Übersetzers über das notwendige Maß hinaus hören lässt. Warum der Titel Das Schloss im Wald gewählt wurde, wenn die Originalfassung die Übersetzung "Waldschloss" liefert, bleibt unklar. Noch dazu hat das Lektorat entschieden, gleich fünf Unterkapitel einfach wegzulassen. Dies mag sich aus Platz- und damit Kostengründen empfehlen; ob man der deutschsprachigen Leserschaft eine solche willkürliche Kürzung des Textes zumuten sollte, ist allerdings eine andere Frage. (Walter Grünzweig /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.09.2007)

  • Norman Mailer, Das Schloss im Wald. Roman. Aus dem Amerikanischen von Alfred Starkmann. € 30,80/460 Seiten. LangenMüller, München 2007
    buchcover: langenmüller

    Norman Mailer, Das Schloss im Wald. Roman. Aus dem Amerikanischen von Alfred Starkmann. € 30,80/460 Seiten. LangenMüller, München 2007

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    Norman Mailer versucht sich in seinem neuen Roman an der Kindheit Adolf Hitlers

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