Aussebochn: Sonne in Einserpanier

28. September 2007, 09:25
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Konstantin Hilbergs Lokalaugenschein beim mutmaßlich besten Wirten der Welt

Regelmäßige Leserinnen und Leser der Rubrik Schmeck’s wissen, dass Harald Fidler ein unübersehbares Faible für das Gasthaus "Zur Sonne" in Tulln, besser bekannt als "Sodoma", hat. Herbert Völker, auch eine Edelfeder, hat den Sodoma gar zum besten Wirtshaus der Welt erkoren, und Kollege Fidler pflegt mit schöner Regelmäßigkeit, sich diesem Urteil anzuschließen.

Superlative machen mich misstrauisch, und das alleine wäre Anlass genug gewesen, dem Sodoma einen kritisch-distanzierten Besuch abzustatten. Doch dann kommt auch noch ein verzückter Anruf von Harald Fidler, der Tulln kurzerhand zum Mekka für Steinpilz-Gläubige erklärt. Ich und mein Zentralgestirn ("Begleitung" wird ja von manchem Leser als abwertend verstanden, wie ich den Postings unlängst entnehmen durfte) reisen also per Bahn an, um uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

Kolossaler Karfiol

Der Steinpilz-Empfehlung folgen wir: unter den Vorspeisen wählen wir das Steinpilzcarpaccio und das Bries mit Karfiolpüree. Letzteres ist atemberaubend gut, das Bries exakt auf den Punkt gebraten, zart und knusprig zugleich, in wunderbarer Harmonie mit dem Karfiol und – wie könnte es anders sein – den Steinpilzen. Die eigentliche Sensation ist jedoch das Steinpilzcarpaccio. Mit einer herrlichen Sauce gratinierte hauchdünne Pilzscheiben – Konsistenz und Geschmack der Schwammerl kann man kaum besser hervorarbeiten. Dazwischen ein Blick in die Weinkarte, und die ist wahrhaft beeindruckend. Bester Wirt der Welt? Nach diesem Auftakt im Bereich des Möglichen.

Bei den Hauptgängen obsiegt dann letztlich die Neugierde über dem Dünkel. Wie schmecken wohl "aussabochane Schwammerl", wenn sie im vorgeblich besten Wirtshaus der Welt bereitet werden? Pilze haben in Panier ja grundsätzlich nichts verloren, und mag diese noch so erstklassig sein. Das Ergebnis ist dennoch beeindruckend. Eine stolze Portion hauchzart panierter und nahezu fettfrei frittierter Steinpilze, mit einer wunderbar feinen Sauce tartare macht durchaus Freude, trotz radikaler Hitzebehandlung bleibt ein bisschen Eigengeschmack erhalten.

Dann folgt jedoch der Vergleich mit der anderen Hauptspeise, dem Kalbsrückensteak, das ebenfalls Steinpilze zu seiner Begleitung zählt. Es weist sich: Sautieren statt Frittieren! In geschmacklicher Hinsicht ist eine noch so zarte Panade letztlich fehl am Platz. Denn auch die besten panierten Steinpilze der Welt bleiben immer noch: panierte Steinpilze. Dass ausgerechnet Harald Fidler über eine derart wenig artgerechte Zubereitung hinwegsieht (sein gestörtes Verhältnis zu Ei und Bröseln hat er bereits hier dargelegt), ist verdächtig. Bester Wirt der Welt – vielleicht doch eine Übertreibung?

Beschallungskrise

Desserttechnisch stehen dafür alle Zeichen auf Sieg. Das Haselnuss-Apfeltörtchen mit Nougatsauce und Bailey's-Eis ist optisch und geschmacklich ein Höhepunkt, wird jedoch durch das Schokoladenparfait mit Himbeeren noch übertroffen, und in Bezug auf schokoladige Nachtische sind meine Ansprüche hoch (was man nachlesen kann). Bester Wirt der Welt? In Sachen Desserts bewegt sich der Sodoma jedenfalls auf höchstem Niveau.

Zu den Schwachstellen der "Sonne" gehört der Gastgarten. Die wohl meistfrequentiere Kreuzung Tullns schränkt das Freiluftvergnügen doch arg ein. Last not least: Muss der beste Wirt der Welt das Herren-WC tatsächlich mit Radio Wien beschallen? Und dennoch bleibt nach einem Abend beim Sodoma der Gesamteindruck: Großartig, was hier geboten wird. Bester Wirt der Welt? Schwer zu sagen. Aber möglicherweise einer der Besten.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
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    Achtung: Dieses Appetit anregende Bild stammt wohlgemerkt NICHT aus dem Gasthaus zur Sonne, aber Herr Hilberg hatte wieder einmal keine Kamera dabei... Drei Gänge à la Carte für zwei Personen:
    Zwei Glas Muskateller
    Eine Flasche Blaufränkisch Dürrau 2004 von Paul Kerschbaum
    Ein Digestif
    150 Euro

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