Arme Sünder

von Ute Woltron  |  29. September 2007, 17:00
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    Düsternis mag sie nicht.

... sind wir alle, auch wenn uns die blaue Blume der Romantik blüht, glaubt Ute Woltron

Die Wegwarte, und nicht etwa die Rose, ist die Lieblingsblume der Luise U., und ihre Erklärung für diese Vorliebe ist tiefgründig. Die Wegwarte, so meint sie aufrührerisch, lasse sich eben nicht pflücken und in Vasen stecken wie andere schicksalsergebenere Blumen. Einmal entwurzelt oder abgeschnitten, verwelke sie augenblicklich, verweigere sich gewissermaßen ihrem Mörder, und solcherlei Eigenwilligkeiten gefallen Luise U. natürlich sehr.

Tatsächlich, die Wegwarte, die unter anderem auch Arme-Sünder-Blume genannt wird, ist ein ausgesprochen störrisches Kraut. Sie wächst nur an Plätzen, die sie sich selbst ausgesucht hat, es ist unmöglich, sie zu verpflanzen, und auch das Samenstreuen im Garten hat meist wenig bis keinen Erfolg.

Das im Wuchs ein wenig struppig-borstige Gewächs ist an sich unansehnlich. Doch bringt es von allen Blüten die dem Himmelsblau am nächsten kommenden hervor, und mit diesen bestickt die bis zu 150 Zentimeter hohe Pflanze vorzugsweise trockene, karge Straßen- und Wegränder. Dort leuchtet sie mitunter in einer für das Auge erbaulichen Dichte, was ihre kratzbürstige Gestalt vergessen macht.

Der Sonne entgegen

Sie blüht noch bis Ende September, allerdings nur, wenn die Sonne scheint. Denn Düsternis mag sie nicht, vor dieser verschließt sie sich, und außerdem dreht sie ihre Blütenköpfe stets der Sonne entgegen, was romantische Naturen als einen gewissen botanischen Optimismus zu interpretieren pflegen. Doch darüber lässt sich streiten.

Genauso wie über das Thema, ob die blaue Blume der Romantik nun die Kornblume oder doch die Wegwarte gewesen sei, was letztlich egal ist und sowieso keiner mehr herausfinden wird, wenn nicht einmal Kapazitäten wie Joseph von Eichendorff die Antwort wussten: "Ich suche die blaue Blume. / Ich suche und finde sie nie. / Mir träumt, dass in der Blume / mein gutes Glück mir blüh."

Um die Wegwarte ranken sich jedenfalls die romantischeren Geschichten, zum Beispiel die vom Mädchen, das dem Geliebten nachtrauert, der in den Krieg ziehen musste und aus selbigem entweder gar nicht oder sehr lange nicht heimkehrte. Denn wohin auch die Tränen fielen, die ihren zweifelsohne himmelblauen Augen entquollen, dort wuchs die Blume mit den blauen Sternenblüten.

Preußischer Kaffee

Weniger besinnlich Veranlagte betrachten die Wegwarte als Heilpflanze, weil ihre Säfte zumal die Gallensekretion befördern sollen, und ganz mutige Öko-Rebellen bereiten heute noch aus ihrer kräftigen Wurzel den so genannten Zichorienkaffee zu, der auch als Preußischer Kaffee zumindest dem Namen nach bekannt sein dürfte.

Als Preußens strenger König Friedrich der Große 1781 das Kaffeemonopol einführte - natürlich mit dem vordergründigen Gedanken, den Staatssäckel mit kräftigen Steuereinnahmen zu befüllen - und olfaktorisch talentierte Kaffeebeamte die Straßen und Hinterhöfe nach illegalen Röstereien abschnüffelten, gruben jene braven Leute, die sich nicht sofort dem Gewerbe des Kaffeeschmuggels hingegeben hatten, die Wurzeln der Wegwarte aus und bereiteten daraus ersatzweise Kaffeeartiges zu.

Auch derlei Hintergründe erfreuen Blumenliebhaberin Luise U. natürlich. Denn hier zeigt sich wieder einmal, wie alles mit allem in wirtschaftlichem Zusammenhang steht. Wenn sogar die blaue Blume aufgrund schnöder Steuerpresserei dahingeschlachtet werden muss, hört sich echt jede Romantik auf. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/28/09/2007)

Tipp:

Da wir wissen wollten, wie Zichorienkaffee gemacht wird, haben wir es recherchiert, jedoch nicht ausprobiert, weil uns der Anblick der Blüten derweilen noch lohnender erscheint als der Ausblick auf Kaffeeersatz. Aber bitte, so wird's gemacht: Die Wurzeln in kleine Stücke schneiden. Sodann trocknen. In einer Pfanne ohne Öl langsam und unter geduldigem Rühren rösten, bis eine malzbraune Färbung erreicht ist, die keinesfalls in die sogleich darauf folgende Kohlenstoffschwärze übergehen darf. Die gerösteten Wurzelstücke werden gemahlen, das Pulver wird aufgegossen wie gewohnt. Schmeckt's?
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druckenweitersagen:
the mgt
13.10.2007 22:55

cichorium, die mutter des radicchio und anderer salate.
von wegen romantik.

jumpingjack flash
03.10.2007 13:44

gibts den wegwartenkaffe schon in nespresso kapseln?

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