
Düsternis mag sie nicht.
Die Wegwarte, und nicht etwa die Rose, ist die Lieblingsblume der Luise U., und ihre Erklärung für diese Vorliebe ist tiefgründig. Die Wegwarte, so meint sie aufrührerisch, lasse sich eben nicht pflücken und in Vasen stecken wie andere schicksalsergebenere Blumen. Einmal entwurzelt oder abgeschnitten, verwelke sie augenblicklich, verweigere sich gewissermaßen ihrem Mörder, und solcherlei Eigenwilligkeiten gefallen Luise U. natürlich sehr.
Tatsächlich, die Wegwarte, die unter anderem auch Arme-Sünder-Blume genannt wird, ist ein ausgesprochen störrisches Kraut. Sie wächst nur an Plätzen, die sie sich selbst ausgesucht hat, es ist unmöglich, sie zu verpflanzen, und auch das Samenstreuen im Garten hat meist wenig bis keinen Erfolg.
Das im Wuchs ein wenig struppig-borstige Gewächs ist an sich unansehnlich. Doch bringt es von allen Blüten die dem Himmelsblau am nächsten kommenden hervor, und mit diesen bestickt die bis zu 150 Zentimeter hohe Pflanze vorzugsweise trockene, karge Straßen- und Wegränder. Dort leuchtet sie mitunter in einer für das Auge erbaulichen Dichte, was ihre kratzbürstige Gestalt vergessen macht.
Der Sonne entgegen
Sie blüht noch bis Ende September, allerdings nur, wenn die Sonne scheint. Denn Düsternis mag sie nicht, vor dieser verschließt sie sich, und außerdem dreht sie ihre Blütenköpfe stets der Sonne entgegen, was romantische Naturen als einen gewissen botanischen Optimismus zu interpretieren pflegen. Doch darüber lässt sich streiten.
Genauso wie über das Thema, ob die blaue Blume der Romantik nun die Kornblume oder doch die Wegwarte gewesen sei, was letztlich egal ist und sowieso keiner mehr herausfinden wird, wenn nicht einmal Kapazitäten wie Joseph von Eichendorff die Antwort wussten: "Ich suche die blaue Blume. / Ich suche und finde sie nie. / Mir träumt, dass in der Blume / mein gutes Glück mir blüh."
Um die Wegwarte ranken sich jedenfalls die romantischeren Geschichten, zum Beispiel die vom Mädchen, das dem Geliebten nachtrauert, der in den Krieg ziehen musste und aus selbigem entweder gar nicht oder sehr lange nicht heimkehrte. Denn wohin auch die Tränen fielen, die ihren zweifelsohne himmelblauen Augen entquollen, dort wuchs die Blume mit den blauen Sternenblüten.
Preußischer Kaffee
Weniger besinnlich Veranlagte betrachten die Wegwarte als Heilpflanze, weil ihre Säfte zumal die Gallensekretion befördern sollen, und ganz mutige Öko-Rebellen bereiten heute noch aus ihrer kräftigen Wurzel den so genannten Zichorienkaffee zu, der auch als Preußischer Kaffee zumindest dem Namen nach bekannt sein dürfte.
Als Preußens strenger König Friedrich der Große 1781 das Kaffeemonopol einführte - natürlich mit dem vordergründigen Gedanken, den Staatssäckel mit kräftigen Steuereinnahmen zu befüllen - und olfaktorisch talentierte Kaffeebeamte die Straßen und Hinterhöfe nach illegalen Röstereien abschnüffelten, gruben jene braven Leute, die sich nicht sofort dem Gewerbe des Kaffeeschmuggels hingegeben hatten, die Wurzeln der Wegwarte aus und bereiteten daraus ersatzweise Kaffeeartiges zu.
Auch derlei Hintergründe erfreuen Blumenliebhaberin Luise U. natürlich. Denn hier zeigt sich wieder einmal, wie alles mit allem in wirtschaftlichem Zusammenhang steht. Wenn sogar die blaue Blume aufgrund schnöder Steuerpresserei dahingeschlachtet werden muss, hört sich echt jede Romantik auf. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/28/09/2007)
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