Neues vom Problemkind

28. September 2007, 10:32
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Klatschspalten- Bewohner Pete Doherty und seine Babyshambles überraschen auf ihrem Album "Shotter's Nation"

... mit überraschend konzentrierten und kraftvollen Songs in bester britischer Tradition zwischen Pub und Punkrock.


Was man aufgrund seiner drogeninduzierten und von Exfreundin Kate Moss zusätzlich beförderten Dauerpräsenz in den Klatschspalten gern vergisst: Pete Doherty als derzeit wohl bekanntester Rock'n'Roll-Junkie und Selbstwegwerfer im Musikgeschäft kann ein begnadeter Musiker in bester britischer Tradition sein. Wenn er will. Und wenn er gerade kann. Immerhin konnte schon das 2005 als schwere Geburt erschienene Debüt Down In Albion mehr als ein Mal trotz allergrößter Schräglage damit punkten, dass hier jemand nicht nur mit großer Geste sein Leben wegwirft, sondern uns auch zu Herzen gehende Generationshymnen wie Fuck Forever schenkt.

Nachdem die Arbeiten seiner ersten Band Libertines sowie jene der Baby- shambles bisher von Mick Jones betreut wurden, dem ehemaligen Gitarristen der Überväter The Clash, dessen Produktionsregie sich im fragmentarischen Chaosmanagement mitunter durchaus erschöpfte, wurde das neue, ab sofort vorliegende Album Shotter's Nation jetzt mit eiserner Hand von Produzentenveteran Stephen Street betreut. Der Mann, der zuvor schon The Smiths, Morrissey solo oder Blur in Form brachte, hat jetzt bei den Babyshambles tatsächlich ganze Arbeit geleistet. Mit regelmäßigen Kündigungsdrohungen sorgte er dafür, dass unser Problemkind kompositorisch zumindest vier von seinen sieben Zwetschken zusammenhalten kann. Derart konzentriert, bei sich und stimmig hat man den Wegwerfliedermacher das letzte Mal auf dem Libertines-Debüt Up The Bracket vor fünf Jahren gehört.

Allein die aus dem neuen Album ausgekoppelte Single Delivery mit ihrem an die melodienverliebte Ruppigkeit der frühen Kinks in den 60er-Jahren erinnernden Gitarrenriff (You Really Got Me!) präsentiert die Babyshambles dabei in Hochform. Zumindest aber arbeiten Doherty und seine drei ebenfalls nicht ganz vor den Versuchungen eines unsteten Lebenswandels gefeiten Begleiter hier nahe am Limit ihrer eigenen, eingeschränkten Möglichkeiten. Wer sich von jungen britischen Bands seit den besagten Smiths oder Blur live allerdings auch nur halbwegs gelungene oder professionell absolvierte Auftritte erwartet, weil man zuvor im Studio präzise auf den Punkt gekommen ist, muss trotzdem weiterhin enttäuscht werden. Britpop war, ist und wird immer eine hybride, in der Realität eines Konzerts nicht reproduzierbare Angelegenheit sein, die Schadensbegrenzung als genialen Studiowurf tarnt.

Zumindest im Studio aber ist es Stephen Street bei Liedern wie Side Of The Road, dem krachigen French Dog Blues oder Deft Left Hand gelungen, das abschweifende, fahrige Element in Dohertys Lebensentwurf genauso ökonomisch plausibel zu kanalisieren, wie hier unser trauriger Held bei den Gesangsspuren auch weitgehendes Lallverbot verordnet bekam.

Neben dem gemeinsam mit dem legendären Folk-Gitarristen Bert Jansch von Pentangle eingespielten Rührstück The Lost Art Of Murder oder dem Kate Moss zugedachten "jazzigen", melancholischen Abschied There She Goes ist es gerade die nicht mehr erwartete Kraft dieser zynisch auf den Punkt gegrölten und gejapsten Rocknummern, die das neue Babyshambles-Album zum unerwarteten Ereignis machen. Dass Doherty seit der Beendigung der Studioarbeit im Privatleben mittlerweile wieder längst zur alten unguten Form aufläuft, muss aber ebenfalls verzeichnet werden. Übergroßer Druck bei der Arbeit schreit schließlich nach ebensolcher Entspannung im Nachtleben.

Diese Lieder aber, die Doherty offenbar tatsächlich nur mit der regelmäßigen Androhung pädagogischer Gewalt entrissen werden konnten, werden aus diesem an und für sich schwächelnden Popjahr bleiben. Das kommt überraschend, weil eigentlich nicht erwartet. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.9.2007)

  • Babyshambles: "Shotter's Nation" (Regal/EMI)
    foto: regal/emi

    Babyshambles: "Shotter's Nation" (Regal/EMI)

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    Pete Doherty mag zwar ein Ritter von trauriger Gestalt sein. Allerdings kann er als Musiker bei entsprechendem Willen zumindest vier von sieben Zwetschken zusammenhalten.

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