Ein selbstkritischer Stimmakrobat: Juan Diego Flórez im Gespräch

26. September 2007, 22:36
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Kein Tenor bewältigt zur Zeit die Spitzentöne so sicher: Dem Neo-Österreicher eilt der Ruf voraus, in seinem Fach der Weltbeste zu sein

Daniel Ender sprach mit Flórez, der sich nun im Wiener Konzerthaus vorstellt, über Popmusiker und das Kaffeetrinken.


Wien - Wenn man Juan Diego Flórez fragt, was Oper für ihn bedeute, beginnen seine Augen zu strahlen. "Oper ist eine magische Welt", meint der Startenor. "Alles, wovon ich geträumt habe, in einem großen Haus mit großen Kollegen vor großem Publikum zu singen, geschieht jetzt."

Die Erfüllung dieses Traums scheint ihm vorerst zu genügen, darüber zu sprechen, eher freundliche Langeweile hervorzurufen, während er sich mehr von der Leica des Standard-Fotografen fasziniert zeigt.

"Bitte denken Sie nicht nur an die hohen Noten!", hat er unlängst einmal appelliert, und dass seine Kunst aus mehr bestehe, betont er gerne: "Natürlich müssen die hohen Töne mühelos kommen - sonst wäre es eine verrückte Sache, solche Partien zu singen. Es ist aber eine komplexe Kunst, zu singen und gleichzeitig die Rolle zu porträtieren. Singen ist keine besonders natürliche Tätigkeit. Dabei natürlich auszusehen, ist nicht so einfach."

Gerade in der Verbindung von sängerischer und darstellerischer Leistung sieht er aber eine Chance: "Es gibt eine neue Generation von Sängerschauspielern. Das hat der Oper eine neue Frische gebracht."

Frische schätzt der Mittdreißiger auch - in Maßen - in der Regie: "Ich mag moderne Inszenierungen, wenn sie das widerspiegeln, was im Libretto steht, was die Oper bedeutet." Während er dem Einwand, dass sich Interpretationen gerade am Nicht-Eindeutigen entzünden können, mit Skepsis begegnet, betrachtet Flórez sein bevorstehendes erstes Wiener Konzert als besondere Herausforderung: "Das Konzert ist eine andere Kunstform, weil man einen direkteren Kontakt zum Publikum hat und es viel intimer ist."

Vom Pop zur Klassik

Herausforderungen auf der Bühne hat sich Flórez, der dank seiner österreichischen Staatsbürgerschaft und ohne allzu viel öffentliche Erregung im April in Wien geheiratet hat, stets gerne gestellt. Sein Durchbruch war in der Rossini-Stadt Pesaro gekommen, als ein Kollege kurzfristig absagte, dann ging es rasch an die Mailänder Scala, es folgten Covent Garden, Wien und die Met.

Zuvor hatte er allerdings noch auf andere Musikrichtungen abgezielt. "Ich war auf dem Konservatorium, weil ich Popsänger werden wollte. Dort habe ich dann die klassische Musik entdeckt, meine Stimme hat sich dorthin entwickelt, und so entschloss ich mich, das tun zu wollen."

In diesem Weg sieht er einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, zumal er trotz seiner Berühmtheit in der Opernwelt durch die Straßen flanieren kann, ohne gleich von allen erkannt zu werden: "Einen Popstar kennt jeder, das fände ich ungemütlich. Ich kann hier in Wien in aller Ruhe ins Kaffeehaus gehen und muss vielleicht fünf Autogramme am Tag geben."

Zwischen den Musikstilen sieht er aber eine Vermischung, die ihn stört: "Wenn ein Opernsänger ein Popkonzert macht, wird ihn deswegen niemand für einen Popsänger halten. Aber es gibt Tenöre, die nicht in der Oper singen und trotzdem für Opernsänger gehalten werden. Ich finde Andrea Bocelli großartig, und er hat eine tolle Stimme, aber er tut etwas anderes als ich - beide sind gut, aber wir tun andere Sachen, und er verdient mehr Geld als ich. Aber dass die Leute glauben, wir würden dasselbe machen - das ist ein Problem."

Spezielles Repertoire

Keine Gefahr besteht hingegen für Flórez, dass ihm der Ruhm einmal zu Kopf steigen könnte: "Dafür bin ich viel zu selbstkritisch. Ich analysiere immer, was ich gemacht habe, denke mir manchmal, Shit, das hast du falsch gemacht, das hätte besser sein sollen ..." Auch das Etikett, als "lyrischer", "leichter" Belcanto-Tenor an der Weltspitze zu stehen, sieht er äußerst gelassen: "Das ist sehr relativ, es ist ja ein sehr spezielles Repertoire, das ich singe. Mein Fach ist sicher delikater als Traviata oder Bohème - aber auch schwieriger."

Heute, Donnerstag, um 20 Uhr, präsentiert Juan Diego Flórez mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz im Wiener Konzerthaus Arien von Bellini, Donizetti und anderen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.9.2007)

  • Vorteile eines Opernsängerdaseins jenseits des Netrebko-Rummels: "Einen Popstar kennt jeder. Ich aber kann in Wien in aller Ruhe ins Kaffeehaus gehen und muss vielleicht fünf Autogramme am Tag geben." Noch.
    foto: standard/ newald

    Vorteile eines Opernsängerdaseins jenseits des Netrebko-Rummels: "Einen Popstar kennt jeder. Ich aber kann in Wien in aller Ruhe ins Kaffeehaus gehen und muss vielleicht fünf Autogramme am Tag geben." Noch.

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