Die flaue Magie des Immergleichen: "Magic" von Bruce Springsteen

26. September 2007, 18:38
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Der 58-jährige US-Superstar hat sich nach fünfjährigem Liebesentzug wieder an seine E Street Band gewandt

Das gemeinsam eingespielte Album erweist sich als gleichermaßen vorhersehbar wie saxofonistisch verseucht.


Wien - Die erste Nummer hält. Das verwundert nicht weiter. Einmal, weil es eine der Bauernregeln des Pop ist, ein Album nicht unbedingt mit einer Schlaftablette zu eröffnen. Zum anderen deshalb, weil der bereits als Single veröffentlichte Song "Radio Nowhere" ja die vorab gestreuten Gerüchte bestätigen musste, Bruce Springsteen, von der Welt ehrfürchtig "Boss" gerufen, würde nach fünf Jahren Pause seit dem letzten Album mit seiner E Street Band wieder ein knackiges, mindestens erdiges und natürlich ehrliches Album veröffentlichen.

Nicht ganz unbescheiden "Magic" ist dieses nun erscheinende Werk benannt, und es sei "leichtfüßig und heavy zugleich" - hieß es.

Auch das konnte man vorab glauben. Denn nach dem von drei Grammys gestreichelten Album The Rising aus dem Jahr 2002 hat sich Springsteen Projekten zugewandt, die zwar auch irgendwie "heavy und leichtfüßig" waren, aber doch feine Zwischentöne notwendig machten. Sei es sein letztlich erfolgloses Engagement gegen die Wiederwahl von George W. Bush, das er erst nach sehr langer und ihm nicht allzu gut stehender Überlegungszeit einging, oder seine letzte Veröffentlichung: eine Hommage an den politisch bewegten, weniger zauderhaften Folk-Helden Pete Seeger, das allerdings etwas zu sehr an gefälschter historischer Patina leidende, akustisch eingespielte "We Shall Overcome".

Noch davor veröffentlichte Springsteen das Soloalbum "Devils & Dust", dem eine Tour folgte, die entsprechend introspektiv ausgefallen war.

Balladen mit Muskel

Das kann einen Mann, dessen Bizeps noch in den zärtlichsten Balladen bis zum Bersten angespannt ist, natürlich auf Dauer nicht ruhig stellen. Jetzt also wieder ein Album mit der E Street Band, jener immer schon viel zu großen Begleiterscheinung, die Springsteen seit 1974 selten von der Seite weicht und die lern- und veränderungsresistent daran glaubt, dass Rockmusik und Saxofon zusammengehören. Ein prolongierter Irrtum, der auch den Hörern von "Magic" nur eine kurze Schonfrist einräumt.

Bereits im zweiten Song, "You'll Be Coming Down", wird ungerührt aller diesbezüglich gegenteiligen Erkenntnisse satt drauflosgetrötet, und der folgende, anachronistisch "Livin' In The Future" genannte Song beginnt nicht nur wie ein Springsteen-Stück aus der "Born In The USA"-Phase der 80er-Jahre, er könnte tatsächlich von jener Platte stammen. Das sollte einem zu denken geben.

Immerhin - die angeführte Leichtfüßigkeit prägt "Magic". über weite Strecken. Aber auch darin wird das Album bald vorhersehbar. Springsteen, der als Typ eigentlich auf den ewig renitenten Outlaw, den alles misstrauisch hinterfragenden politischen Künstler festgelegt ist und der derlei Rock-'n'-Roll-Klischees für viele glaubhaft vermittelt und lebt - er schafft es nicht, etwas anderes als ein Mainstream-Album zu veröffentlichen. Ein weiteres kantenloses Middle-Of-The-Road-Ding für die Sportarenen dieser Welt, in denen er wohl öfter schon einem anderen großen Sohn aus New Jersey begegnete: Bon Jovi, der mit seinen gebügelten Jeans und der kunstvoll verwitterten Föhnfrisur so etwas wie die blonde Schwiegersohnvariante des Boss ist. Ja, so traurig ist das.

Und es bedingt neben all der Erwartbarkeit leider auch eine Höhepunktlosigkeit, die selbst eine teilweise liebevolle Instrumentierung mit Streichern, satten Orgeln oder einem perlenden Piano nicht ändern kann. Live will schließlich wieder jemand zeigen, dass er ein Feuerzeug zu bedienen weiß.

Auch wer sich angesichts der sich nach wie vor in einem immer aussichtsloser erscheinenden Krieg befindenden Heimat Springsteens so etwas wie ein politisches Statement erwartet hätte, wird enttäuscht. Politik und Entertainment gehen in den USA halt doch schwer zusammen. Lediglich der Titelsong und das finale "Devil's Arcade", neben einem "hidden track" am Ende des Albums die einzigen Balladen auf "Magic", lassen sich mit viel gutem Willen dahingehend deuten.

Und: Immerhin wird Saxofonist Clarence Clemons, der Troubadix der E Street Band, darin ruhiggestellt. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.9.2007)

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Bruce Springsteen und die E Street Band glauben auf dem neuen Album "Magic" (SonyBMG, im Handel ab 28.9.) weiterhin beharrlich daran, dass Rock und Saxofon zusammengehören. Blöde Sache.
    foto: sonybmg

    Bruce Springsteen und die E Street Band glauben auf dem neuen Album "Magic" (SonyBMG, im Handel ab 28.9.) weiterhin beharrlich daran, dass Rock und Saxofon zusammengehören. Blöde Sache.

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