Gackisackitaferlklaugeschichte

4. Juli 2007, 18:00
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17.000 "Wiesenstecker" sind schon gestohlen worden. Aber warum? Und von wem?

Es war vor einer Woche. Da hatte der Hund dann statt des üblichen Astes ein an einem Ende zugespitztes Vierkantholz im Maul, als er vom Ausleeren zurückkam. Und war – wie jedes mal, wenn er versucht irgendein Trum aus der Stadtnatur ins Haus zu schleppen, rechtschaffen beleidigt, als A. ihm befahl, den Pfahl zu droppen: Menschen, sagte seine Körpersprache, sind manchmal nur blöd – und wissen das Gute, das da herumliegt, wirklich nicht zu schätzen.

Der Pfahl war mir wurscht. Bis ich dran war, den Hund runter zu bringen. Da sprang der Hund vergnügt von Baum zu Baum – und schnappte sich dann den mitten in der Wiese steckenden Pfosten: Schau, sagte seine Miene, ich hab wieder so ein schönes Holzteil gefunden – und gebe euch noch einmal die Chance, diesen Schatz in unserer Höhle bei all den anderen Beutestücken zu abzulegen.

Vampirpfählung?

Wenige Meter weiter steckte der nächste Holzpfahl im Boden: Etwa 30 Zentimeter lang, vierkantig und unbehandelt. Zehn Meter weiter war dann noch so ein Teil. So, als habe da jemand auf der Hundebrunzwiese mitten in Margareten eine nächtliche Vampirpfählsession abgehalten. Und die armen Blutsauger gemeiner Weise auch noch gezwungen, zwischen und in den die Wiese beherrschenden Hundekackhaufen, ihre Nicht-Leben auszuhauchen.

Wofür die Pfähle tatsächlich dienten? Eigentlich sollte auf den Holzstücken ja das auf jedem Mistkübel klebende Anti-Kot-Köter-Sujet montiert sein. Ein paar von den Teilen, erinnerte ich mich, hatte ich ein paar Tage zuvor auch andernorts im Boden stecken sehen: Der Hund hatte die Erweiterung des zur Markierung verfügbaren Stadtmobiliars mit großer Freude und Inbrunst angenommen – aber mittlerweile waren die Täfelchen alle wieder verschwunden. Inklusive Pfahl.

Sammlerstück?

Bei der Vorstellung, die Dinger anzugreifen um sie auszureißen, grauste mir. Aber noch grauslicher war die Vorstellung, sie mit beiden Händen so richtig fest anzufassen, um die Tafel abzumontieren. Ganz abgesehen von der Sinnfrage: Sammlerwert hat das Gackisacki-Taferl wohl kaum. Und dass die Verzweiflung der Hundekackeeinsammelverweigerer schon so groß ist, dass sie die Erinnerungen an das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, in einer kotkulturrevolutionären Säuberungsaktion systematisch verschwinden lassen, glaube ich nicht.

Daran ändert es auch nichts, dass mir B., Bezirksvorsteher zu Neubau, jüngst erklärte, dass die Einsammelmoral der Hundebesitzer spür-, sicht- und riechbar gestiegen sei. Davon, dass Hundekackeeinsammeln selbstverständlich ist, antwortete ich, könne aber noch lang keine Rede sein. B. nickte. Denn, da sind B. und ich uns einig, Wegräumen wird erst dann kein Minderheitsprogramm mehr sein, wenn Liegenlassen bestraft wird. Mir schwebt da eine Standardsumme von 100 Euro vor. Das spürt man – im Gegensatz zu einem doofen Taferl.

Wanderbewegung

In einer Agenturmeldung las ich dann, dass mittlerweile 17.000 der insgesamt 30.000 ausgesäten „Wiesenstecker“ gestohlen worden sein sollen – und begann mich ernsthaft zu fragen, wo die wohl hinverschwunden sein könnten. Die Antwort – oder einen Teil davon -zeigte mir am Wochenende dann meine Mutter: Am niederösterreichischen Land, in einer Wochenendhaussiedlung, die nun langsam vom Speckgürtel eingeholt und umzingelt wird, steckt im liebevoll gehegten, „öffentlichen“ („Wer sich hier auf meinen Parkplatz stellt, braucht vier Reservereifen“ las ich einmal in einer Wienerwaldgemeinde auf einem Kartontaferl) Grünstreifen am Straßenrand vor den einzelnen Gärten ein Wiesenstecker neben dem anderen. Auch die von den Pfählen gerupften Tafeln haben den Weg hierher gefunden: Sie kleben auf Gartenzäunen und Garagentoren.

Der Großteil der Gartenbesitzer hier hat auch (mindestens) einen Hund. Zum Kacken werden sie ausgeführt – bis zu den Grün- und Parkstreifen der übernächsten Häuserzeile. Ohne Sackerl, versteht sich. Aber das Taferl im Rasen vor der eigenen Tür, das gilt. Für die anderen – ganz wie in der Stadt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 27. September 2007)

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