Geistesblitz: Der Nanoanalytiker

25. September 2007, 20:49
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Der Elektronenmikroskopiker Gerald Kothleitner forscht im Reich des Winzigkleinen

"Wissenschaftlich zu 'träumen' ist gut und notwendig. Wenn aber deswegen für solide Basisarbeit kein Geld mehr vorhanden ist, läuft etwas falsch", analysiert Gerald Kothleitner von der TU Graz den Nanohype. Konkrete nanotechnologische Anwendungen sind aus seiner Sicht in Halbleitertechnologie und vielen Bereichen der Werkstoffkunde und Biowissenschaften Realität.

Als erster deutschsprachiger Wissenschafter erhielt der Judenburger vom Institut für Elektronenmikroskopie und Feinstrukturforschung (FELMI-ZFE) den K. F. J. Heinrich Young Scientist Award der "Microbeam Analysis Society". Seine Arbeiten haben dazu beigetragen, den Output von analytischen Hochleistungsmikroskopen - einer technischen Basis für Nanoforschung - zu optimieren, so die Jury. Derzeit forscht seine Arbeitsgruppe mit heimischen Firmen und im Verbund mit Finnland, Belgien und Deutschland an der umfassenden Analyse von Halbleitern auf "Nanoniveau". Außerdem untersucht seine Gruppe auch Stähle und Legierungen im Nanometermaßstab, "weil ohne die Zusammensetzung zu kennen, auch Werkstoffeigenschaften nicht gezielt einstellbar sind".

Die Auszeichnung bedeutet dem Technischen Chemiker viel in einem "sehr kompetitiven Umfeld" - und er hofft, dass sie den Ruf des FELMI weiter festigen wird. Die Grazer Gruppe ist international vernetzt und weltweit führend bei EFTEM (energiefilternder Transmissions-Elektronenmikroskopie) - einem Verfahren, dass die mittels EELS (Elektronen-Energieverlust-Spektroskopie) auf atomarer Ebene gewonnenen Daten in Bilder umsetzen kann. Am FELMI steht das zweite Monochromator-Mikroskop weltweit sowie ein nach Kothleitners Vorgaben gebauter Energieverlust-Spektrometer - rund zehn hochempfindliche Geräte insgesamt.

Internationale Vorträge und Kooperationen von Berkeley (USA) bis Tsukuba (Japan) spiegeln die "steirische Exzellenz" wider. Die Investitionen im Millionenbereich werden mit Auftragsforschung für die Industrie, mit nationalen Förderungen, aber auch EU-Forschungsgeldern bewältigt. Den Ausschlag für Technische Chemie an der TU Graz gab die Herausforderung und das Interesse, "die kleinsten Bausteine der 'Stofflichkeit' besser zu verstehen". Drei Jahre verbrachte der Forscher beim amerikanischen Unternehmen Gatan mit Sitz in Kalifornien.

Networking

Pragmatismus und Zielstrebigkeit in Amerika waren für ihn beispielhaft, die unorganisierte Umsetzung mancher Projekte eher nicht. Sein Rezept für eine viel zitierte Publikationsliste lautet: gute Mitarbeiter, erstklassige Instrumentierung, ausgeklügeltes Zeitmanagement und eine Departmentleitung, "die einem Administratives hin und wieder vom Leib hält". Neben Beharrlichkeit, Kreativität und einer unkonventionellen Sicht auf Dinge hält der Elektronenmikroskopiker Networking für unverzichtbar. Kothleitner forscht "unregelmäßig, aber häufig" und meist nachts, denn tagsüber betreut er angehende Akademiker. Der Aufwand, Wissen zu vermitteln, sei groß, interessierte und "helle" Studenten seien sein Lohn.

Seine Frau, eine Pianistin, hat sich bisher viel um die Kinderbetreuung gekümmert. Dank flexibler Arbeitszeitregelung kann der Nanoforscher aber zwei Nachmittage in der Woche seinem 23 Monate alten Sohn beim Großwerden helfen. Zudem kocht Kothleitner in seiner Freizeit und werkt gerne mit Holz. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2007)

  • Gerald Kothleitner freut sich über den "Heinrich Young Science Award".
    foto: der standard/tu graz

    Gerald Kothleitner freut sich über den "Heinrich Young Science Award".

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