Reportage: 20 Meter unter dem Hubschrauber baumeln

4. Oktober 2007, 11:38
17 Postings

In einem Sack festgezurrt, im Blickfeld die surrenden Rotorblätter: die Opferperspektive bei einer Hubschrauberbergung

Hochschwab - Übungsleiter Toni Leitinger gibt das Kommando: "Alle Opfer auf ihre Position." Mit leicht flauem Gefühl im Magen bewegen sich die Verletztendarsteller hinauf bis zum Felsvorsprung in unwegsames Gelände. Begleitet wird dieser Marsch vom ohrenbetäubenden Knattern des gelben ÖAMTC-Hubschraubers, der inzwischen über den Felsen des Hochschwabmassivs seine spektakulären Runden dreht. Es ist ein wunderschöner Spätsommertag, hier in der Nähe der Voisthalerhütte auf 1660 Metern Seehöhe, bei dem es nur um eine Sache geht: Die Flugrettungssanitäter, Piloten und Notärzte des Christophorus 12 vom Stützpunkt Graz üben für den Ernstfall.

Sensibles Manöver

Zunächst wird das angestützte Aus- und Einsteigen trainiert, ein im täglichen Dienst häufiges und sensibles Manöver, dass vom Piloten enormes Fingerspitzengefühl verlangt. Zu diesem Zweck fliegt der Helikopter ins Gelände und stützt zuerst die linke Kufe an eine Felskante, damit der Flugretter aussteigen kann. Dann hebt der Heli kurz ab, dreht sich, landet mit der rechten Kufe, und jetzt verlässt der Notarzt das Fluggerät. Alle Manöver werden unter ständiger Funkverbindung und mit genauen Kommandos zwischen Pilot, Flugretter und Notarzt durchgeführt. Im Ernstfall müsste nun der Verletzte gesichert, versorgt und sein Abtransport vorbereitet werden.

Wenn Wetter- und Flugbedingungen bei einem Einsatz besonders kritisch sind, kann es schon vorkommen, dass der Hubschrauber schnell wieder weg muss. Der Sanitäter ist dann auf sich allein gestellt. Er muss das Opfer unter Umständen alleine zu einem nahen Zwischenlandeplatz abtransportieren und den Notarzt entsprechend absichern. Aus diesem Grund sind die Flugretter ausgebildete Spitzenalpinisten und Notfallsanitäter.

Vor Ort versorgen

"Früher war die Meinung vorherrschend, den Patienten möglichst schnell zum Arzt zu bringen. Heute ist das umgekehrt. Unsere Devise ist: Bring den Notarzt zum Verletzten und biete eine möglichst umfassende Versorgung vor Ort", erklärt der Grazer Stützpunktleiter und Pilot Helmut Holler die Philosophie der gelben Hubschrauberflotte.

Bei leicht- oder unverletzten Personen erfolgt die Helikopter-Bergung mit dem Petzl-Dreiecktuch. Wenn der Zustand des Opfers stärkere Verletzungen befürchten lässt, wird der Bergesack zu Hilfe genommen, um einen sicheren Transport zu gewährleisten.

Das ist die Übungsaufgabe für den Nachmittag. Flugretter und Notarzt hängen sich an das 20 Meter lange Stahlseil, in ihrer Mitte der noch zusammengelegte Bergesack. So fliegen sie bis zu den Felsvorsprüngen, wo die übungstechnisch Verletzten auf sie warten. "Vor 50, tief 10. Vor 20, tief 2", manövriert der Pilot jetzt auf die über Funk kommende Anweisung der am Seil Baumelnden.Mit diesen Meterangaben nähert sich der Heli langsam den "Verletzten".

Nach der Landung wird der Bergesack ausgebreitet, das Opfer darin fest verzurrt und der Sack bis auf eine Kopföffnung fest geschlossen; dann hängen sich die Retter mit dem Verletzten in der Mitte an eine Metallplatte am Ende des Seils, und ab geht die Post. Schwindelerregend schnell drehen sich die drei beim Abheben in der Luft.

Begleiter machen Mut

Aus der Opferperspektive ist die gleichmäßige Bewegung der Rotorblätter des Hubschraubers hoch über den Köpfen eindrucksvoll zu beobachten. Arzt und Flugretter lächeln dem Verletztendarsteller zu, um ein wenig Mut zu machen.

Kurze Zeit später ist der rettende Boden erreicht. Der Bergesack mit dem Opfer wird ein Stück vom Helikopter weggetragen und ausgepackt.

Stützpunktleiter Helmut Holler erklärt in der Schlussbesprechung noch einmal die wichtigste Devise der Christophorus-Notarzthubschrauber: "Wir müssen jeden Einsatz so gestalten, dass immer die größtmögliche Flugsicherheit gegeben ist, und dazu müssen die Crews reibungslos miteinander harmonieren." (Martin Grabner, DER STANDARD Printausgabe, 26.9.2007)

  • Erst auf den Berg,...

    Erst auf den Berg,...

  • ... dann in den Sack und in die Luft: Den Opferdarstellern wird am Hochschwab einiges an Zuversicht abverlangt
    fotos: grabner

    ... dann in den Sack und in die Luft: Den Opferdarstellern wird am Hochschwab einiges an Zuversicht abverlangt

Share if you care.