NS-Militärjustiz-Schau: "Das Thema ist noch nicht gegessen"

3. Oktober 2007, 13:36
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Nach der Wehrmachts­ausstellung soll nun eine Schau über die nationalsozialistische Militärjustiz nach Österreich kommen

Berlin/Wien - Josef Salz, wegen Kriegsverrats zum Tode verurteilt, Michael Fries, zum Tode verurteilt, Adolf Pogede, mit dem Fallbeil hingerichtet, Werner Illmer, erschossen - die blutige Bilanz der NS-Militärjustiz: geschätzte 50.000 Todesurteile, mindestens 20.000 vollstreckt.

Die Ausstellung "Was damals Recht war ...", die derzeit in Deutschland gezeigt wird, nimmt sich dieses zeithistorischen Themas an. 2009 könnte sie auch in Österreich Station machen - und, ähnlich wie bei der Wehrmachtsausstellung, für Wirbel sorgen. Das glaubt zumindest ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ausstellung. "Das Thema ist noch nicht gegessen", meint der österreichische Politologe David Forster. Er sieht eine "gesellschaftspolitische Sprengkraft im Konflikt zwischen den 'Pflichterfüllern' und jenen, die damals sagten: 'Da mach' ich nicht mit!'" Einer, der nicht mitmachte, ist der Österreicher Richard Wadani.

"Bis jetzt werden wir, die Opfer der NS-Militärjustiz, immer noch totgeschwiegen", sagt er. Der Wehrmachtsdeserteur ist Sprecher des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz", das mit dem Verein Gedenkdienst die Schau nach Wien holen will. Diesbezügliche Gespräche laufen, bestätigt Ausstellungskurator Magnus Koch. Das Thema sei "für Österreichs Nachkriegsgesellschaft genauso virulent", sagt Koch. Der Politologe Forster wird auch in dem Team sein, das die Wanderausstellung für Österreich adaptieren wird. So werde es etwa mehr Fallbeispiele aus Österreich geben.

Opfer und Richter im Zentrum

Im Zentrum der Schau bleiben aber die Opfer und der Apparat der Wehrmachtsjustiz mit seinen Richtern. Ein Beispiel: Johann Lukaschitz, 1919 in Wien geboren. 1939 erfolgt seine Einberufung zum Wehrdienst, 1942 kommt Lukaschitz an die Ostfront. Dort gründen einige Soldaten einen "Arbeiter- und Soldatenrat". Lukaschitz steht mit dem Rat in Verbindung. Als die Feldpostzensur Briefe der betreffenden Soldaten abfängt, werden die Beteiligten verhaftet.

Johann Lukaschitz wird wegen der Nichtanzeige eines geplanten Hochverrats verurteilt. 11. Februar 1944: Sieben Tage nach der Verurteilung wird er hingerichtet. Oder Oskar Kusch. Er diente als U-Boot-Kapitän im Zweiten Weltkrieg. Als Kommandant ließ er unter anderem ein Adolf-Hitler-Bild aus der Offiziersmesse seines U-Bootes entfernen: "Wir treiben hier keinen Götzendienst", soll er dabei gesagt haben. Er wird denunziert, das Verfahren folgt schnell: Kusch wird zum Tode verurteilt.

Elf Fallstudien mit 14 individuellen Schicksalen stehen im zentralen Teil der Ausstellung. "Wir wollen ein breites Spektrum der biografischen Hintergründe wie auch an Motiven der Handelnden zeigen", sagt Kurator Koch.

Gezeigt werden auch die Richter, wie sie wüteten und nach 1945 ungehindert Karriere machten. Erich Schwinge zum Beispiel. Der Militärjurist ist ab 1941 als Richter und Ankläger tätig. In Wien setzt er zig Hinrichtungen durch. Nach dem Krieg schafft er es bis zum Rektor der Uni Marburg. Auch Erich Everts war in Wien Ermittler, Richter und Vollstreckungsleiter. Er stand nach dem Krieg in der ersten österreichischen Kriegsverbrecherliste, lebte aber unbehelligt bis zu seinem Tod in seinem deutschen Geburtsort. Dort durfte er Bürgermeister werden. (Peter Mayr/DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2007)

  • Vielleicht auch in Wien: Die Ausstellung "Was damals Recht war ..." zeigt die Brutalität der NS-Militärjustiz.
    foto: der standard/stiftung denkmal für die ermordeten juden europas

    Vielleicht auch in Wien: Die Ausstellung "Was damals Recht war ..." zeigt die Brutalität der NS-Militärjustiz.

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