Hartz - vier - g'suffa!

2. Oktober 2007, 21:24
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Gaudi um jeden Preis - da bleibt kein Platz, um Sorgen zu wälzen: Eine STANDARD-Reportage vom Münchner Oktoberfest

Peter, ein Niederösterreicher, der seit 16 Jahren am Oktoberfest arbeitet, kann hinreißend Frank Sinatra imitieren. Doch dazu später.

Suche nach dem Charme

Vorerst zu den stets Verblüffung heischenden Meldungen, soundso viele Österreicher und vor allem charmante Österreicherinnen würden auf der Wiesn arbeiten. Stimmte das mit dem Charme, müssten sie auffallen. Was aber in den Zelten der großen Brauereien wirklich auffällt, ist die angespannte Konzentration aller weiblichen Bediensteten, die der tobenden Menge das Bier bringen; bis zu zehn Maß auf einmal, durch geschicktes Ausweichen an den bereits Torkelnden vorbei an die Tische, wo die vorwiegend jungen Gaudisuchenden haufenweise auf den Sitzbänken stehend ihre Hüften schwingen und aus voller, wenn auch meist ungeübter Kehle die Texte der Musikdarbietungen in den Zelthimmel schreien.

Wie man zünftige bayerische Blasmusik textlich begleitet? Das ist gar nicht notwendig, eine Tuba hört man kaum, die deutsch getextete populäre Musik der Ballermann-6-Fraktion gibt hier den Ton an. Zum Beispiel "Ein Stern, der deinen Namen trägt", eine herzzerreißende, von DJ Ötzi mitproduzierte Mitgrölnummer, die mit Sicherheit der heurige Wiesnhit wird.

Gaudi um jeden Preis

Überhaupt sieht und hört sich das alles an wie die Herbstklausur der Ballermann-Seminaristen und der Teilnehmer an der jährlichen GTI-Sommerakademie in Reifnitz am Wörthersee. Das Hauptthema ist Gaudi um jeden Preis, da ist sicher kein Platz für räsonieren oder Sorgen wälzen. Und wenn die Kapelle doch einmal das Lied vom Hofbräuhaus anspielt, vermeint man ein leicht trotziges "Hartz - vier - g'suffa!" zu hören, bevor sich hunderte Maß zur schluckenden Vernichtung des Inhalts erheben und der Lärmpegel wieder völlig unartikuliert anschwillt.

Den Wiesenverantwortlichen ist das nicht mehr geheuer, sie beklagen schon den zunehmenden Druck durch jugendliche Komatrinker, sie wollen zum Traditionellen zurück: zu g'standen Bayern und feschen Dirndln, die kernig fröhlich auf einer Wiesn etwas feiern. Wie eben beim ersten Oktoberfest anno 1810, als es galt, die Hochzeit von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Hildburghausen maßvoll Maß für Maß zu begießen.

Der Weg dorthin ist steinig und führt offensichtlich über das Freigelände. Da, außerhalb der überraschend schalldichten Festzelte, herrscht auch noch große Ausgelassenheit, aber der Druck des schnellen Vieltrinkens ist weg; und der quälende Lärm. Dazu mag auch beitragen, dass sich die Wiesnleitung und die Betreiber des Vergnügungsparks darauf geeinigt haben, nicht bei jedem Karussell überdimensionierte Bassboxen dröhnen zu lassen. Somit tummeln sich hier recht viele tatsächlich lustige Leute - und echte urige Bayern.

Weißwurst am Nachmittag

Die lehnen bisweilen bei den Standln, bei denen es Steckerlfische oder Leberkäs oder, für unkundige Nichtbayern, auch nach dem Mittagsläuten noch Weißwurst gibt; samt Weißbier. Die Maß sieht man außerhalb der großen Zelte selten, dafür in den kleinen "Schänken", deren kitschiges Bayern-Dekor nicht vom Betreten abhalten sollte, denn da drinnen öffnet sich am meisten die bayerische Gemütlichkeit.

Womit wir kurioserweise beim vorhin erwähnten Niederösterreicher Peter wären. Der ist im "Wiesn Stüberl", betrieben vom Fleischhauer Vinzenz Murr, als Alleinunterhalter tätig und kann bairisch, dass die Schwarten krachen. Er kann aber auch "New York, New York" so singen, dass es wie Sinatra klingt. Das tut er, wenn er merkt, dass er Touristen aus den USA vor sich hat. Die swingen dann mit, glückselig über so viel bayerische Folklore, und nippen artig an ihrer Maß; bis zur Sperrstund', die, wie in den großen Zelten auch, vor Mitternacht schlägt.

Am nächsten Morgen ist die Wiesn einer der ruhigsten Plätze der Stadt. Stumm verstauen die Betreiber den Nachschub. Erst um halb Zehn nehmen die ersten Gäste im Zelt Platz und ordern ihre Maß. Sie werden noch stundenlang auf das erste anfeuernde "Ein Prosit der Gemütlichkeit" von der zuständigen Wiesn-Band warten müssen. (Klaus-Peter Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 26.9.2007)

  • Wer diese Zeltszene sehen will, muss vor 9 Uhr auf der Wiesn sein - die Stille ist hörenswert
    foto: kps

    Wer diese Zeltszene sehen will, muss vor 9 Uhr auf der Wiesn sein - die Stille ist hörenswert

  • Halb zehn am Vormittag im Zelt: Wer früh kommt, hat wenigstens einen Platz.
    foto: kps

    Halb zehn am Vormittag im Zelt: Wer früh kommt, hat wenigstens einen Platz.

  • Grundstellung im Kampf um die Gaudi: In den Zelten wird getrunken, als wäre Ausuferung der einzige Weg zum Lustigsein. Rund sechs Millionen Liter Bier finden während der Wiesn ihren Abgang.
    foto: kps

    Grundstellung im Kampf um die Gaudi: In den Zelten wird getrunken, als wäre Ausuferung der einzige Weg zum Lustigsein. Rund sechs Millionen Liter Bier finden während der Wiesn ihren Abgang.

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