Soziales Wirtschaften: besser ohne Staat

1. Oktober 2007, 15:25
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Ganz offensichtlich erzeugt "unser Wirtschaftssystem" Probleme. Doch dieses System ist alles andere als eine freie Wirtschaft - Von Guido Hülsmann

Soziale, ökologische und ökonomische Probleme lassen sich letztlich nur durch Initiativen der betroffenen Individuen und Gruppen lösen. Doch diese Basiskräfte können nicht viel ausrichten, wenn die politisch definierten gesellschaftlichen Spielregeln immer wieder genau jene Probleme erzeugen und verstärken. Nun stehen hinter dieser widersinnigen Politik "Personen, Unternehmen und Institutionen, die von den Missständen profitieren und daher versuchen, die grundlegenden Strukturen aufrechtzuerhalten." Um einer Lösung näher zu kommen, muss man sich daher diesen Interessenten entgegenstemmen. Fortschritt "erfordert nicht nur Vernunft und Einsicht, sondern auch Konfliktbereitschaft."

Mit diesen Feststellungen liegt Herr Huffschmid völlig richtig. Allerdings sehe ich die Ursachen der Probleme des sozialen Wirtschaftens ganz anders als er. Seiner Meinung nach sind die weitgehend unregulierten Märkte die Wurzel allen Übels. Der Staat nimmt den Markt nicht eng genug an die Leine, und dieser Markt erzeuge dann eben Krisen und Armut und vernichtet die Umwelt. Als Ausweg empfiehlt er eine "durchgreifende Demokratisierung der Wirtschaft" und eine stark dirigistische Wirtschaftspolitik, von der er behauptet, dass sie für soziales Wirtschaften günstig sei.

Ich halte sowohl diese Diagnose, als auch die Therapie für falsch. Der Kern unserer Divergenz liegt darin, dass ich im Gegensatz zu Herrn Huffschmid den Glauben an die Theorien des Marktversagens gründlich verloren habe. Natürlich kann es auf dem freien Markt zu Krisen, Armut und Umweltzerstörung kommen; aber der kausale Zusammenhang ist negativ: je unbehinderter der Markt, desto weniger Krisen, Armut und Umweltzerstörung.

Ganz offensichtlich erzeugt "unser Wirtschaftssystem" solche Probleme. Doch dieses System ist eben alles andere als eine freie Wirtschaft. Ich finde es geradezu phantastisch, wie man angesichts eines Staatsanteils von ca. 50 Prozent und angesichts der Allgegenwart staatlicher Behörden und staatlicher Reglementierungen nicht auf den Gedanken kommen kann, dass hier vielleicht die eigentliche Ursache von Krisen, Armut und Umweltproblemen liegen könnte; und dass somit das Hauptproblem sozialen Wirtschaftens darin besteht, sich in einer Gesellschaft behaupten zu müssen, die sich so sehr in den Bock verliebt hat, dass sie ihn unbedingt zum Gärtner machen möchte.

Mir ist klar, dass diese Zeilen für die meisten Leser wie von einem anderen Stern klingen. Daran lässt sich in einer kurzen Stellungnahme auch nichts ändern (und ich will den wirklich Interessierten nicht die Freude nehmen, sich durch weitergehende Lektüre ein genaueres Bild zu verschaffen). An dieser Stelle will ich daher nur anhand eines Beispiels skizzenhaft darlegen, wo ich die falsche politische Weichenstellung sehe: nicht im Markt, sondern im Etatismus.

Die vor einigen Wochen ausgebrochene Krise auf den weltweiten Finanzmärkten ist die geradezu zwangsläufige Folge unserer modernen Währungsordnung, dessen Rückgrat die vom Staat inthronisierten Papiergeldproduzenten, also der Zentralbanken sind. Der Staat hat das Papiergeldsystem gewollt, weil es ihm größere Möglichkeiten der Kreditfinanzierung verschafft. Aber damit schuf er gleichzeitig auch eine von Verantwortungslosigkeit und Leichtsinn getriebene Dynamik auf den Finanzmärkten. Kapitalisten wissen, dass die Zentralbanken bereitstehen, einen Einbruch dieser (nicht zuletzt für den Staat wichtigen) Märkte durch vermehrte Geldproduktion zu unterbinden. Sie haben daher den perversen Anreiz, ihre Investitionen mit möglichst viel Fremdmitteln und möglichst wenig Eigenkapital zu finanzieren. Aber dadurch vergrößert sich natürlich ihre Anfälligkeit, und somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbanken wie in unseren Tagen zu eben solchen Rettungsaktionen gezwungen werden – wodurch dann jener perverse Anreiz noch weiter verstärkt wird usw. usf.

Ganz ähnlich war auch die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre nicht ein Auswuchs vermeintlich instabiler Finanzmärkte, sondern entsprang langjährigen währungspolitischen Interventionen, die die Marktteilnehmer zu leichtsinnigen Engagements verführt hatten. Der 1932er Tauschring in Wörgl war letztlich eine Reaktion auf eine vom Staat geschaffene Depression.

Wir brauchen heute sehr dringend eine liberale Alternative zum herrschenden etatistischen Wirtschaftssystem. Sicherlich wird es nicht einfach sein, diese Alternative gegenüber dem etablierten Interessenkartell aus Politikern, Beamten, Intellektuellen und Unternehmern durchzusetzen. Aber sollte es gelingen, würde sowohl das profitorientierte, wie auch das soziale Wirtschaften zu den Gewinnern zählen. Im Moment ist soziales Wirtschaften ganz vornehmlich ein Reparaturbetrieb für die Kollateralschäden des staatlichen Aktivismus. In dem Maße, in dem der Staat zurückgedrängt wird, kann es endlich seine eigentliche Aufgabe wahrnehmen und ergänzend zum Markt produzieren.

Guido Hülsmann, geb.1966 begann sein Studium 1989 in Berlin an der FU Berlin, wechselt an die TU Berlin und studierte dort Finanz- und Wirtschaftswissenschaften. Bis 2004 arbeitete er am Ludwig von Mises Institut in den USA. Seit 2004 ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Anger, Frankreich. Seine neuesten Werke sind "Die Ethik der Geldproduktion" und "Mises: The Last Knight of Liberalism".
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    foto: privat

    Guido Hülsmann

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