"Frauen sind in der Technik ein großer Gewinn"

26. Oktober 2007, 14:00
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Die Stahl-Alchimistin Sabine Eglsäer schätzt das Gespür von Frauen beim Forschen und scheut hantige Kollegen nicht - ein Porträt

"Weibliche Studentinnen werden an der TU mitunter immer noch belächelt, aber zusehends setzt sich die Erkenntnis durch, dass Frauen in der Technik ein großer Gewinn sind."

Sabine Eglsäer schildert sinnliche Erlebnisse mit Stahl, schätzt das Gespür von Frauen beim Forschen und scheut hantige Kollegen nicht. Ein Porträt von Gastautorin Teresa Arrieta.

Position: Entwicklungstechnikerin bei Böhler-Edelstahl.
Ausbildung: Studium Technische Chemie TU Wien, Doktorat am Institut für Chemische Technologien und Analytik.
Wissenschaftsdisziplin: Technische Chemie

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Stahl hat ein Innenleben. Je nach Zusammensetzung legt er unterschiedlichste Verhaltensweisen an den Tag, verfärbt sich, rostet, widersteht, gibt nach. Sabine Eglsäer liebt Stahl und beschreibt seine Eigenschaften, als spräche sie von einem guten Freund. "Ich greife den Werkstoff gerne an, ich muss ihn in der Hand fühlen und seinen Glanz genießen." Für die Chemikerin bedeutet Stahl Sinnlichkeit, sie erforscht seine Geheimnisse, wenn sie mit dem Mikroskop "in die Mikrostruktur hineingeht", denn Stahl ist nicht gleich Stahl.

Sabine Eglsäer ist neuzeitliche Alchimistin. In der Böhler Hexenküche braut sie geheime Mixturen zusammen, lässt köcheln, verschmilzt, gießt ab und wartet gespannt auf das fühl- und sichtbare Ergebnis. Derzeit soll sie einen korrosionsbeständigen Lagerwerkstoff für Turbinen in der Luftfahrtindustrie herstellen, es können jedoch auch Metalle für Hüftprothesen, Zahnspangendrähte oder Essbestecke für daheim sein. Bis zu zehn Jahre arbeiten die Böhler EntwicklungstechnikerInnen an einem Werkstoff. Es geht um die Herausbildung gewisser stählerner Eigenschaften, die höchsten Anforderungen entsprechen müssen: Besonders zäh, besonders rostfrei, besonders hart.

Mutig durch das Männerstudium

Sabine Eglsäer arbeitet seit zwei Jahren im Unternehmen und hat durch ihre rasche Auffassungsgabe viele erstaunt: "Nach einem Jahr hab ich bereits die Richtung bei unserem Großprojekt vorgegeben", schildert sie stolz. Ihr Selbstbewusstsein hat sie sich hart erarbeitet, denn das Studium an der TU Wien war nicht immer leicht: Weibliche Studierende waren deutlich in der Minderheit, "man ist aufgefallen als Frau". Allein unter lauter Männern fiel es nicht leicht, Fragen zu stellen oder zu sagen: "Ich kann was." Die Burschen kamen vielfach von HTLs und hatten den Mädels einiges Wissen voraus.

Die angehende Ingenieurin freundete sich jedoch bald mit drei Mitstudentinnen an, "zu viert sind wir dann mutig durchs Studium gegangen", erinnert sie sich an die herausfordernde Uni-Zeit. Ein Schlüsselerlebnis hatte sie dann im Labor, als ein Assistent ihr bestätigte, dass bei den Frauen die Trefferquote in der Laboranalyse weit höher sei. "Frauen haben häufig das bessere Gespür, weil sie ihrem Bauch vertrauen", schloss Eglsäer daraus und fand das auch im späteren Berufsleben bestätigt.

Vorträge vor Publikum machen stark

Beispielsweise hat die Technikingenieurin bei Böhler gemeinsam mit einer Kollegin ein Werkstoffproblem gelöst, indem sie sich auf ihr Gefühl verließ. Während die männlichen Kollegen mit konventionellen Analysemethoden scheiterten, holten die beiden Technikerinnen auch externe Meinungen ein und beschritten neue Wege, die anfangs belächelt wurden. Stille habe jedoch geherrscht, als sich herausstellte, dass die Frauen Recht gehabt hatten. Den Kollegen sei es nicht leicht gefallen, ihren Irrtum einzugestehen. Frauen hingegen können das, wie Sabine Eglsäer weiß: "Wir stehen zu unseren Fehlern und tun uns deswegen leichter, neue Wege zu gehen. Ein Mann verbeißt sich oft und bleibt in seiner Sackgasse stecken."

Heute ist sie so weit, ihre Stärken präsentieren zu können, geholfen haben ihr dabei auch ihre Universitätserfahrungen. Denn mit der Dissertation kam die Weltläufigkeit: Da Institute aus Spanien, Italien und Schweden am Doktoratsprojekt beteiligt waren, reiste sie viel, verbesserte so ihre Englischkenntnisse und präsentierte ihre Forschungsergebnisse bei zahlreichen Kongressen. Anfangs fühlte sie sich gehemmt, vor so vielen Leuten zu reden, aber die Reaktionen waren immer positiv: "Bei Vorträgen sind die Menschen sehr offen und geben viel Feedback", schildert Sabine Eglsäer. Sich der Öffentlichkeit zu stellen sei "eine wahnsinnig wichtige Erfahrung" gewesen.

Menschenkenntnis durch politisches Engagement

Zugute kommen ihr für die Karriere auch jene "social skills", die sie sich im Rahmen ihres Engagements in der Hochschulpolitik aneignen konnte: Eglsäer brachte es bis zur Mitgliedschaft in der Studienkommission und verhandelte mit ProfessorInnen in paritätischer Verteilung neue Studienpläne und Prüfungsfragen aus. Hier erfuhr sie viel über Machtstrukturen, dass ProfessorInnen auch nur Menschen sind und "dass man auch mit den Hantigen und Unfreundlichen gut zusammenarbeiten kann, wenn man sie zu nehmen versteht".

Dort, wo sie heute steht, fühlt sie sich sehr wohl: "Das ist der Job, den ich wirklich machen will." Die Stahlexpertin genießt im Rahmen ihrer Projekte ausreichend Freiraum und sieht auch Karriereperspektiven. Kopfzerbrechen bereitet ihr hingegen das Thema Familiengründung, denn ein Kind würde wohl mehr als zwei Jahre Karriereverzögerung bedeuten, wie sie befürchtet. Umso wichtiger ist es ihr heute, gesehen zu werden und die ihr zustehende Anerkennung zu erhalten. "Eigene Forschungsergebnisse muss man immer selbst seinen Vorgesetzten präsentieren, denn in der Forschung ist die Gefahr des Ein-Igelns gegeben. Gerade als Frau muss man aufstehen und seine Arbeit selber vertreten."

Gastautorin Teresa Arrieta ist freie Journalistin und Ö1-Sendungsgestalterin.

Link
www.w-fforte.at
Wirtschaftsimpulse für Frauen in Forschung und Technologie
  • Artikelbild
    foto: privat
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