Kein Plateau für die gewagten Dinge

22. Oktober 2007, 15:31
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"Linz 09" macht die oberösterreichische Kulturszene vor allem skeptisch: Man fürchtet "provinzielle Arroganz" und, dass die Chance auf nachhaltige Strukturen vergeben wird

Die oberösterreichische Landeshauptstadt bereitet sich auf "Linz 09" vor. Aber was wird im Zuge des europäischen Kulturhauptstadtjahrs passieren? Spektakel oder spannende Kunst? Das wissen zum jetzigen Zeitpunkt auch Künstler und Veranstalter in Oberösterreich noch nicht so genau. Sie fühlen sich von den Organisatoren mangelhaft informiert und zeigen sich skeptisch.

Markus Binder vom Duo Attwenger fragt sich: "Was wollen die überhaupt? Was ich bislang mitbekommen habe, werden da keine Sachen aufgeführt, die etwas Fortschrittliches vorhaben, es wird eher des Status quo der Stadt fortgesetzt. ,Linz 09' scheint mir kein Plateau für die gewagten Dinge zu sein. Vielleicht ist das aber von der EU so vorgeschrieben."

Autor Franzobel sieht die Gefahr, dass die lokalen Kräfte zu wenig eingebunden werden könnten: "Einerseits gibt es ein Riesenbudget, man erwartet ein Massenpublikum und versucht Linz als Kulturstadt zu positionieren. Aber unterstützt man jene, die seit Jahrzehnten in Linz Kunst und Kultur machen, versucht man, nachhaltige Projekte zu initiieren, schafft man Strukturen für regionale Künstler? Bislang hat man die Pläne nicht kommuniziert, also steht zu befürchten, dass auf die übliche Spektakelkunst gesetzt wird."

Desillusionierte Szene

Klemens Pilsl vom Linzer Kulturzentrum Kapu teilt diese Befürchtung: "Wahrscheinlich werden nur wenige profitieren, die langjährige Kulturarbeit von unten könnte im Event-Taumel untergehen. Große Teile der Freien Szene Linz sind inzwischen desillusioniert. Viele, die Projekte eingereicht haben, fühlen sich durch die ,2009'-Angestellten inkompetent betreut und hingehalten. Bemerkbar ist leider auch schon eine gewisse Neid-Stimmung, da Menschen mit ähnlichen Projektideen um begrenzte Töpfe buhlen."

Mit Sarkasmus sieht Autor Kurt Palm "Linz 09". Der Exil-Oberösterreicher hat eigens das Stück "Der Berg ruft" geschrieben, das 2008 im Theater Phönix aufgeführt werden wird. Darin tritt neben einem Intendanten mit Schweizer Dialekt, Adolf Hitler und dem Schneewittchen auch ein Sänger namens Herbert von Ebensee auf ("Wenn's Reden nimmer hilft, spiel i mit der Quetschn").

An Hubert von Goisern und seiner Promotion-Schifffahrt für "Linz 09" haben sich in der Stahlstadt nämlich viele gestoßen. "Klarerweise ist das Projekt sonderbar", sagt der Vokal-Performer Didi Bruckmayr.

"Nur war der Typ im Stande, groß zu denken, während wir Anderen durch das permanente Wirtschaften mit dem Mangel nur weiter wursteln." Wenn es um Massenwirksamkeit geht, könnte es indes noch schlimmer kommen: "Die Seer kommen aus derselben Gegend und verkaufen viel mehr Platten. Und vielleicht will auch Christina S. aus Altenberg ihr Linzer Publikum beglücken."

Gemeinsame Lösungen

Einigkeit besteht darüber, dass jetzt gemeinsame Lösungen angestrebt werden sollten. Wilfried Steiner, Bereichsleiter im Posthof Linz, wünscht sich, "dass die Linzer Kulturveranstalter, die Freie Szene und die ,Linz 09'-Chefs an einem Strang ziehen, um ein ansprechendes Programm auf die Beine zu stellen, und dass die Inhalte wichtiger werden als der Drang, sich zu profilieren." Bruckmayr akkordiert: "Die Situation sollte zur Selbstreflexion und für neue Ideen genutzt werden, bevor alles in Bitterkeit und provinzieller Arroganz versinkt."

Man müsse das Kulturhauptstadtjahr als Chance begreifen, findet auch die Künstlerin und Architektin Isa Stein. Denn: "Kulturell gesehen fehlt es Linz an Selbstbewusstsein. Ich glaube, dass in Linz mehr als in anderen Städten passiert, jedoch ungesteuert. ,Linz 09' kann hier eine wichtige Rolle spielen. Das Thema ist, nachhaltige Strukturen zu schaffen. Wir waren noch nie mit solchen Chancen konfrontiert, der Zusammenschluss unserer kulturellen Einzelkämpfer ist jedoch noch nicht passiert."

Noch ist fast alles offen. Nur eines sei bereits sicher, meint Autor Franzobel schelmisch: ",Linz 09' wird sicher einfahren. Wenn man in Oberösterreich sagt, dass etwas einfährt, kann man zweierlei damit meinen: Etwas kann einfahren wie eine Droge, also ordentlich wirken, oder man fährt damit ein, setzt es in den Graben. So gesehen ist jetzt schon sicher, dass ,Linz 09' einfahren wird, es fragt sich eben nur wie." (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 25.09.2007)

  • Oben links:
Die Künstlerin und Architektin Isa Stein fordert mehr "Selbstbewusstsein".

Unten links:
"Attwenger" Binder (re. neben HP Falkner) sieht "nichts Fortschrittliches".
Oben rechts:
Franzobel kritisiert, dass "Linz 09"-Pläne nicht kommuniziert werden.
Unten rechts:
Autor und Regisseur Kurt Palm hat bereits eine "Linz 09"-Satire geschrieben.
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    Oben links:
    Die Künstlerin und Architektin Isa Stein fordert mehr "Selbstbewusstsein".

    Unten links:
    "Attwenger" Binder (re. neben HP Falkner) sieht "nichts Fortschrittliches".

    Oben rechts:
    Franzobel kritisiert, dass "Linz 09"-Pläne nicht kommuniziert werden.

    Unten rechts:
    Autor und Regisseur Kurt Palm hat bereits eine "Linz 09"-Satire geschrieben.

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  • "Situational Awareness" von Marko Peljan bei der Ars Electronica, Performer Didi Bruckmayr (unten). "Ist Kultur von unten überhaupt ein Thema von Linz 09?", fragt die Kulturszene.
    foto: bruckmayr

    "Situational Awareness" von Marko Peljan bei der Ars Electronica, Performer Didi Bruckmayr (unten). "Ist Kultur von unten überhaupt ein Thema von Linz 09?", fragt die Kulturszene.

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